Geschichte des Caffee-Kanons

C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Caffee!

So der protestantische Komponist und Musikpädagoge Carl Gottlieb Hering.

Die neuere Musikforschung hat interessante Details zur Entstehungsgeschichte des bekannten Kanons aufgedeckt.

Der Kanon ist als musikalische Paraphrase und weltliche Parodie eines kürzlich entdeckten gregorianischen Gesanges zu verstehen. Der kurze gesangliche Ruf „Vigilate et orate – Wachet und betet“ wurde in Benediktbeuren während der Vigil vermutlich immer wieder angestimmt.

vigilate

Der Text (Mt. 26,41) wurde in der säkularisierten Gesellschaft mit protestantischer Arbeitsethik entgegen dem ursprünglichen Sinn so verstanden, daß frühes Aufstehen und Morgengebet den Auftakt zum Arbeitstag bildeten. In katholisch geprägten Gebieten sah man den Kaffee als göttliche Hilfe zum Wachen beim nächtlichen Gebet, dessen Genuss der Nüchternheit nicht widerspreche. Kaffee, der neu entdeckte Wachmacher, galt daher konfessionsübergreifend als gottgewolltes Mittel zum Zweck. Kritik an dem Getränk, das „die Nacht zum Tage“ mache, gab es ebenfalls konfessionsübergreifend, zumal die gesundheitlichen Folgen übermäßigen Koffeinkonsums bald bekannt wurden. Carl Gottlieb Hering komponierte und dichtete den Kaffee-Kanon, als ihm auffiel, daß die Notenwerte des ersten Wortes den Buchstaben des Wortes Caffee entsprachen. Darauf lässt eine erst jüngst entdeckte Notiz aus dem Nachlass des Komponisten schließen. Die Notiz ist in unbekannter Handschrift verfasst und vom Komponisten mit einem Zusatz versehen, durch den er sich von einer extrem katholikenfeindlichen Interpretation seines Werkes abgrenzte.

Die katholische Auffassung des Rufes unseres hochheiligen Herrn Jesu Christi, zu wachen und zu beten, ist immer gewesen, die Nächte in sinnlosem Singsang und Gemurmel zu verbringen. Förderlich ist das aber nicht der Arbeit des Tages. Wir müssen den Ruf Jesu „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet“ so verstehen, daß wir früh uns erheben, Ihm danken für die vergangene Nacht und den neuen Tag, uns Ihm ganz ergeben und dann unser Tagewerk unverdrossen beginnen, immer fleißig, immer mit einem Loblied auf den Lippen. Die Nacht aber, die „keines Menschen Freund“ ist, soll uns, wenn dem keine nothwendige Arbeit entgegensteht, zur Ruhe dienen.
Als drollige Fußnote der Musikhistorie mag gelten, daß ein uralter klösterlicher Weckruf aus Benediktbeuren, der die Mönche bei ihren Gebete murmelnd durchwachten Nächten begleitete, auf der Notation CAFFEE beginnt – jenem Wach-Rauschgetränk unserer Zeit, das nur jenen noth tut, die nächtens anderen Beschäftigungen, als dem Schlafe, obliegen.

Herings Zusatz:

Ja, mit dem papistischen Gesänglein habe ich wohl gespielt, aber so übelgesonnen, wie dieser Herr es meint, bin ich den Römlingen nicht, daß ich sie gleich in Grund und Boden verdammen möchte. Es sind treffliche Leute darunter.

Der Kaffee-Kanon ist Warnung vor übertriebenem Kaffeekonsum und Spott über die Muslime, die hier als kränkliche Kaffeetrinker dargestellt werden. Ob er auch eine beißende und gänzlich ungerechtfertigte Kritik an der katholischen Kirche beinhaltet, ist wegen Herings Fragezeichen-Zusatz zu dieser kühnen Interpretation von fremder Hand mehr als fraglich. In jedem Fall aber wird es Zeit, sich auf das mittelalterliche Original zu besinnen, zu wachen, die Vigil zu beten und zu singen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Geschichte des Caffee-Kanons

  1. meckiheidi schreibt:

    Herrlich! 😀 Jetzt habe ich einen Ohrwurm – mit der Vorstellung, dass Mönche mit diesem geweckt wurden. Der Ruf funktioniert noch immer! Besonders heute!

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  2. Pingback: April, April! | Katholisch? Logisch!

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