Glauben, Wissen, Denken

Religion und Wissenschaft schließen sich nicht aus, wie heute oft behauptet wird – und zwar sowohl von religiösen wie auch von atheistischen Fanatikern. Vielmehr existieren sie unabhängig voneinander. Das Phänomen der Religiosität ist Forschungsobjekt, ebenso zahlreiche Facetten der Religionen (etwa Religionswissenschaft, Kirchengeschichte oder die Berührungspunkte von Religion und Philosophie). Aber Religion als Glaubensvollzug ist keine Wissenschaft, auch wenn manch einer sie mit großer Akribie betreibt, und Wissenschaft ist keine Religion, auch wenn manch einer alles Unwissenschaftliche mit geradezu frommem Eifer ablehnt.

Leider werden zur Zeit die unversöhnlichen Eiferer beider Seiten immer lauter. Dabei ist die Frage, ob die Religion oder die Wissenschaft recht hat, nicht sinnvoll – weil es eben verschiedene Kategorien sind. Ich frage ja auch nicht: Essen Sie lieber Spaghetti, oder ziehen Sie es vor, zu musizieren?

Ich bin religiös, und ich bin eine Freundin der Wissenschaften – auch jener, deren Nutzen für den Menschen erst nach einigem Nachdenken einleuchtet, wie Philologie und Kunstgeschichte. Wenn ich mich gegen einzelne mit Wissenschaft und Technik in Zusammenhang stehende Dinge wende, so ändert das nichts an meiner grundsätzlichen Einstellung. Man muß nicht die Produktion von jedwedem Unfug gut finden, um als Freund technischer Errungenschaften gelten zu dürfen.

1. Zu der Überzeugung, daß es einen Gott gibt und daß dieser Gott über mir genehme Eigenschaften verfügt (Liebe, Güte, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit), kam ich als Tochter von zwei gebildeten, witzigen und liebevollen Agnostikern im Alter von einundzwanzig Jahren. Der Vorwurf kindlicher Indoktrination greift bei mir nicht.

2. Wenn ich ausschließlich von einem Offenbarungserlebnis spräche, griffe das zu kurz. Ich hatte mich aus literarischem und geistesgeschichtlichem Interesse sehr intensiv mit dem Freiheitsbegriff in den Psalmen beschäftigt. Mir wurde – nicht in direktem Zusammenhang mit Büchern, sehr schlagartig und für mich selbst überraschend – klar, daß ich mit dem Glauben an einen Gott gut fahre. Ohne meine eigene intellektuelle Vorarbeit (und die Einsicht, daß ich damals so gute Gedichte wie Ps. 124 mit dem eindrucksvollen Bild in Vs. 7 einfach nicht schreiben konnte), wäre ich vermutlich nicht zu dieser Überzeugung gelangt. Was mich überzeugt hat, wäre ohne Bildung an mir vorübergegangen.

3. Der häufig geäußerte Vorwurf, altorientalische Mythen taugen nicht für die moderne Welt, trifft angesichts einer jahrtausendealten auf diesen Mythen aufbauenden Kulturgeschichte (zu der auch Wissenschaftsgeschichte gehört) nicht zu. Die in diesem Zusammenhang gern geäußerte Behauptung, man brauche die Bibel nicht, ist selbstverständlich wahr – man braucht auch den Homer nicht zum Überleben, ebensowenig wie Bach und Penderecki, und kein Mensch stirbt allein deshalb, weil er keine Gedichte liest. Aber warum sollte man auf dergleichen verzichten? Abgesehen davon ist eine gute Bibelkenntnis sowie das Wissen um die mittelalterliche und frühneuzeitliche Bibelrezeption zum Verständnis weiter Teile der Kunstgeschichte (bis in unsere Tage) notwendig. Es macht einfach mehr Freude, ein romanisches Kirchenportal oder ein Altarbild aus dem 14. Jh. anzuschauen, wenn man begreift, was darauf dargestellt ist! Schließlich bin ich durchaus der Meinung, daß das Verbot von Mord, Diebstahl, Untreue und übler Nachrede seine Berechtigung hat, selbst wenn es schon sehr alt ist. Daß ich die Bibel für mehr und für etwas kategorisch anderes als eine Mythensammlung halte, kommt hinzu.

4. Der Vorwurf, religiöse Menschen wollen aller Welt ihre Denkweise aufdrücken (wobei besonders gern Christen und unter diesen am liebsten Katholiken genannt werden), trifft mich nicht. Zwar habe ich schon oft erlebt, daß militante Atheisten mit wahrem Bekehrungseifer versuchen, mich zu überreden. Auch wurde ich bereits von zwei Neopaganen wegen meines um den Hals getragenen Kreuzes mit dem Tode bedroht. Ich pflege jedoch nicht zu sagen, warum andere glauben müssen, sondern – manchmal – warum ich glaube. Auf die genannten Erlebnisse habe ich nicht mit pauschaler Ablehnung und Verteufelung aller Atheisten und Neopaganen reagiert, sondern schlicht mit Ablehnung von und Angst vor genau den Individuen, die mir allzu nahe getreten sind.

5. Die Geschichte der Religionen ist selbstverständlich keine ständig liebevolle, weil Menschen nicht ständig liebevoll sind. Dass Religionen auch korrumpiert und zur Unterdrückung benutzt wurden und werden, ist trivial und hat weniger mit den Religionen als ganz allgemein mit dem Menschsein zu tun. Sonst wäre in nichtreligiösen Gemeinschaften Gewalt und Unterdrückung signifikant geringer als in religiösen. Daß Gewalttaten in absoluter Zahl mehr bei religiösen als bei nichtreligiösen Menschen vorkommen, ist banal, da es weit mehr religiöse als nichtreligiöse Menschen gibt.

6. Wie aus 5. ersichtlich, halte ich religiöse Menschen nicht für etwas Besseres als Nichtreligiöse. Warum bin ich dann gläubig? – Ich nehme an, daß es einen Gott gibt. Ob ich damit richtig oder falsch liege, ist von dem Verhalten gläubiger wie ungläubiger Menschen völlig unabhängig. Wenn es Gott gibt, gibt es ihn auch dann, wenn ich schlecht bin. Wenn es ihn nicht gibt, gibt es ihn auch dann nicht, wenn ich gut bin.

7. Aber die Kirche hat doch immer alle überall unterdrückt und außerdem die Wissenschaft verhindert. – Dies oft gehörte Argument ist so einseitig, platt und leicht widerlegbar, daß ich nicht weiter darauf eingehe, sondern nur bitte, nach den Begriffen Karitas, Armenfürsorge und Universität zu googeln.

8. Aber das Tanzverbot und die Feiertage? – Um auf eine für das tägliche Leben reichlich folgenlose Absonderlichkeit einzugehen, die gelegentlich die Gemüter mehr als sinnvoll beschäftigt: In der Tat halte ich die gesetzliche Verallgemeinerung des karfreitäglichen Tanzverbotes für alle in einer Gesellschaft mit verschiedenen Religionen und zunehmender Säkularisierung für unsinnig. Die kirchlichen Feiertage – den Sonntag ausgenommen – sollte man vielleicht auch streichen. Allerdings darf sich dann niemand beklagen, keine Feiertagszulage mehr zu bekommen, wenn er am Karfreitag, zu Ostern oder zu Weihnachten arbeitet. Die Siebentagewoche hat sich als lebensfreundlich erwiesen und sollte schon deshalb beibehalten werden. Natürlich können wir auch den französischen Revolutionskalender mit der Dezimalwoche einführen – das heißt, jeder zehnte Tag ist frei. Wenn das den Leuten, die auf Baustellen, in Krankenhäusern und in Großmärkten schuften, genügt, muß ich es hinnehmen.

9. Menschen, die behaupten, religiöse Leute seien einfach ein bißchen doof oder indoktrinierte Opfer oder geisteskrank, mag ich genau so gern und nehme ich genau so ernst wie solche Menschen, die Frauen für minderwertig halten.
Kampfatheisten (meine Bezeichnung für Menschen, die Religionen und ihre Anhänger wüst beschimpfen, ohne genau zu wissen, was und wen sie eigentlich anpöbeln), die nicht nachweislich mindestens eine romanische Kathedrale gut kennen, sich nicht in mittelalterlicher Ikonographie auskennen und nicht mindestens zehn Bücher des Alten Testaments und das gesamte Neue Testament mit moderner Philologie und Geschichtsforschung standhaltenden Kommentaren gelesen haben, kann ich nicht ernstnehmen.

10. Zeitgenossen, die behaupten zu wissen, wer sein ewiges Seelenheil – zumindest wahrscheinlich – verspielt hat (und die hierzu gute Menschen zählen, die einer anderen Konfession angehören als sie selbst oder gar keiner), finde ich abschreckend. Im Falle sie der katholischen Kirche angehören wie ich, sind sie mir zudem peinlich. Wenn sie auf ihrem „Wissen“ in humorresistenter Weise herumharfen und der Netzöffentlichkeit, einschließlich den Hinterbliebenen irgendeines Menschen, gleich ob gut oder böse, erklären müssen, daß dieser ganz gewiß nicht im Himmel ist, finde ich das furchterregend – nicht weil ich an die Hölle glaube, sondern weil ich um die Folgen von Fanatismus weiß.

11. Werkgerechtigkeit!, betont wie ein böses Schmähwort, höre ich von evangelischer wie katholischer Seite, sobald ich sage, daß Taten wichtiger sind als Konfessionen. Ich glaube aber, daß gute Taten von jedem Menschen nach seinem Vermögen gefordert sind, und daß das Tun oder Unterlassen sinnvoller Hilfe weit mehr ins Gewicht fällt als religiöse Beckmesserei. Mit „sicheren“ Aussagen über Verdammnis oder Dauer des Fegefeuers wird man mich übrigens weder zu einem frömmeren noch zu einem moralisch besseren Menschen machen.
„Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“ (Edith Stein am 23. März 1938)

12. Fanatismus jeglicher Art ist mir ein Greuel, besonders aber verabscheue ich Antisemitismus und Christophobie. Beide sind Zeichen selbstverschuldeter Dummheit und unverbesserlicher Brutalität. Vielleicht gibt es redliche Menschen, die mit solchen Gestalten kommunizieren können; ich gehöre nicht dazu und will meine kurze Lebenszeit auch nicht dazu aufwenden, es zu lernen.

Fragen darf jeder an mich richten. Verschleierte Angriffe oder Vorwürfe werde ich nicht beantworten, bei echten Fragen werde ich mich nach Kräften um eine redliche und informative Antwort bemühen. Allerdings nehme ich niemandem das Denken und Lesen ab – wer also fragt „Warum hat denn die Kirche im Mittelalter so viele Hexen umgebracht?“, den werde ich bitten, sich über Mittelalter, frühe Neuzeit und Hexenverfolgungen gründlich zu informieren. Dazu sind Stadtbibliotheken sinnvoll, allerdings nicht die Jugendbuch- oder Thriller-Abteilung.

Diese Seite wird gelegentlich überarbeitet, um meine grundsätzliche Einstellung zu Religion, Glauben und Wissen immer deutlicher und unter verschiedenen Gesichtspunkten zu zeigen.

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