Johanna von Orléans

Möge sie, das fromme Bauernmädchen aus Domrémy, strategisches Naturtalent, mutige Heerführerin und bis zuletzt standhafte Gefangene im Herrn, heute der Ukraine beistehen!

Jeanne d'Arc
Melodie: Herr, wir kommen schuldbeladen 

Bauernmädchen, fromm erzogen,
Ging zur Messe oft und gern,
War den Heiligen gewogen,
Liebte Jesus, unsern Herrn.
Schon als sie zur Welt gekommen,
War das Land vom Feind besetzt,
Der die Herrschaft übernommen,
Der das Gottesrecht verletzt.

Gott hat sie in Dienst genommen
Durch der heil'gen Frauen Wort:
„Zu dem König sollst du kommen!
Geh vom Elternhause fort.“
So verließ sie Heimatstätten,
War der Weg auch schwer und steil,
Vor dem Untergang zu retten
Frankreichs Krone, Frankreichs Heil.

Bauernmädchen setzt die Krone
Auf des jungen Königs Haupt,
Will nicht, daß er sie belohne,
Will nur, daß er Jesus glaubt.
Königshof und reiches Leben
Haben für sie keinen Wert, 
Bittet nur, man mög ihr geben
Eine Rüstung und ein Schwert.

„Und dann gebt mir eine Fahne,
Weiße Lilien seien drauf,
Daß sie uns zur Reinheit mahne
In des Krieges hartem Lauf.
Jesu und Marien Namen
Sollen auf der Fahne stehn,
Daß sie wie ein großes Amen
Über den Soldaten weh'n.“

Als sie wurde Feindes Beute,
Als ihr der Prozeß gemacht,
Hat sie vor der Richter Meute
Noch vertrauend vorgebracht:
„Lieber ist mir meine Fahne,
So viel lieber als mein Schwert!
Jesus einen Weg mir bahne – 
Herr, Du bist mir alles wert!“

Endlich, da in Henkers Flammen
Gottes Heilige verbrannt,
Sank wie Asche er zusammen
Und hat weinend laut bekannt:
„Als das Feuer sie berührte,
Schaute sie schon Gottes Licht!
Nie ich solche Reue spürte:
Seht – ihr Herz verbrannte nicht!“

© Claudia Sperlich

Aus den Prozessakten:

Vierte öffentliche Sitzung, Dienstag, 27. Februar 1431, in der Rüstkammer des Schlosses

Beaupère: Nun, Jeanne, wie geht es Euch seit Samstag?

Jeanne: Ihr seht es ja. Es geht, so gut es eben gehen kann.

Beaupère: Habt Ihr seit letztem Samstag die Stimme gehört?

Jeanne: Ja, sogar oftmals. Ich habe sie um Rat gefragt über einige Fragen, die Ihr mir gestellt habt.

Beaupère: War die Stimme die eines Engels? oder die eines Heiligen oder einer Heili­gen, oder auch die Stimme Gottes selbst, ohne einen Mittler?

Jeanne: Es waren die Stimmen der heiligen Katharina und der heiligen Margareta. Ihre Häupter waren gekrönt mit schönen, reichen und kostbaren Kronen. Gott hat mir erlaubt, das zu sagen.

Beaupère: Wieso wißt Ihr, daß es diese beiden Heiligen sind? Könnt Ihr sie unter­scheiden?

Jeanne: Durch die Art, wie sie mich grüßen. Es sind fast sieben Jahre her, seit sie sich meiner angenommen haben und mich führen. Ich erkenne sie auch, weil sie sich mir nennen. Und ich habe auch großen Trost vom heiligen Michael empfangen.

Beaupère: Welches war die erste der Stimmen, die zu Euch kam, als Ihr etwa drei­zehn Jahre alt wart?

Jeanne: Das war der Heilige Michael, den ich vor meinen Augen sah. Er war nicht al­lein, sondern von Engeln des Himmels begleitet.

Beaupère: Habt Ihr den Heiligen Michael und die Engel leibhaft und wirk­lich gese­hen?

Jeanne: Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, wie ich Euch alle sehe. Als sie mich verließen, weinte ich, denn ich wünschte, sie hätten mich mit sich fortgenommen.

Beaupère: Welches Zeichen habt Ihr erhalten, das beweist, daß Eure Offen­barung von Gott ist? Was beweist Euch, daß es die Heilige Katharina und die Heilige Margareta sind, die zu Euch sprechen?

Jeanne: Ich habe es Euch genug versichert, daß es die Heilige Katharina und die Hei­lige Margareta sind. So wollt es mir doch glauben!

Beaupère: Ist es Gott, der Euch geboten hat, Mannskleider anzulegen?

Jeanne: Das Gewand ist gleichgültig; es ist nebensächlich. Ich habe diese Kleider auf keines Menschen Rat angelegt. Ich habe weder diese Kleider angelegt noch irgend et­was sonst getan, was nicht auf Geheiß Gottes und Seiner Engel geschehen wäre.

Alles, was ich getan habe, ist auf Befehl Gottes. Wenn Er mir befehlen würde, mich anders zu kleiden, so täte ich es. Denn es wäre Sein Befehl.

Beaupère: Als ihr diese Stimme vernahmt, die zu Euch kam, war da ein Licht?

Jeanne: Sicher, es war viel Licht, überall. So ziemt es sich auch. Das ganze Licht ist nicht für Euch allein da!

Beaupère: Hattet Ihr ein Banner, als Ihr nach Orléans gingt? Und von wel­cher Farbe?

Jeanne: Ich hatte eine Fahne, deren Grund von Lilien übersät war; darauf war die Welt dargestellt, und zwei Engel zur Seite; sie war weiß, aus weißer Leinwand. Dar­über waren die Namen Jesus – Maria geschrieben, glaube ich. Sie hatte Seidenfran­sen.

Meine Fahne war mir viel lieber – hundertmal lieber als das Schwert. Ich trug meine Fahne selbst, wenn ich angriff; ich wollte vermeiden, einen Menschen zu töten. Nie­mals habe ich einen Menschen getötet.

Beaupère: Wieviel Soldaten gab Euch Euer König mit, als Ihr ins Feld rück­tet?

Jeanne: Zehntausend bis zwölftausend Mann. Ich zog zunächst nach Orléans zur Fes­te Saint-Loup, dann zur Brückenschanze.

Beaupère: Habt Ihr, als Ihr zum Kampf übergingt, Euren Leuten nicht zuge­rufen, daß Ihr die Pfeile, Bolzen und Steine der Schleudermaschinen auffangen wür­det?

Jeanne: Nein. Wir hatten mehr als hundert Verwundete. Aber ich habe meinen Leuten zugerufen, sie sollten nicht weichen, und sie würden die Belagerung aufheben. Bei dem Angriff auf die Brückenschanze wurde ich von einem Pfeil am Hals verwundet. Aber ich hatte großen Trost von der Heiligen Katharina, und ich war in vierzehn Ta­gen geheilt. Aber trotzdem saß ich auch zu Pferde und ordnete das Nötige.

Fünfte öffentliche Sitzung, Donnerstag, 1. März 1431, in der Rüstkammer.

Der Briefwech­sel zwischen dem Grafen Armagnac und Jeanne wird verlesen.

(Jeanne konnte nicht schreiben. Es gibt zwar eine Un­terschrift von ihr, aber dabei wurde ihr entweder die Hand geführt, oder sie hat genau diesen Schriftzug nach ei­ner Vorlage abgezeichnet. Die Briefe hat sie nach eigener Aussage Geistlichen dik­tiert oder sie nach Stichwor­ten schreiben lassen.)

Conte d’Armagnac an Jeanne:

Hochverehrte Herrin,

ich wende mich in aller Bescheidenheit an Euch und bitte Euch um Gottes Willen an­gesichts der gegenwärtigen Spaltung der heiligen allgemeinen Kirche in Sachen der Päpste um Rat: Denn es gibt drei, die einander das Papsttum streitig machen: Der eine, der sich Martin V. nennt, lebt in Rom, und ihm gehorchen alle christlichen Kö­nige; der zweite, der sich Papst Clemens VII. nennt, lebt in Peniscola im Königtum Valencia. Von dem dritten, der sich Papst Benedikt XIV. nennt, weiß niemand, wo er sich aufhält, außer dem Kardinal von Saint-Etienne und einigen wenigen seines Ge­folges.

Der erste, der sich Papst Martin nennt, wurde in Konstanz mit Zustimmung aller christlichen Nationen gewählt. Jener, der sich Clemens nennt, wurde in Peniscola durch drei seiner Kardinäle nach dem Tod von Papst Benedikt XIII. gewählt. Der dritte, der sich Papst Benedikt XIV. nennt, wurde vom Kardinal von Saint-Etienne in Peniscola im geheimen erkoren.

Ich bitte Euch nun inständig, unseren Herrn Jesus Christus anzuflehen, dass Er uns durch Euch zu wissen tue, welcher der drei genannten Päpste der wahre sei! und wel­chem man von nun an gehorchen solle: Martin oder Clemens oder Benedikt, und wel­chem wir glauben sollen, im geheimen oder offen, denn wir sind unbedingt bereit, nach dem Willen und Gefallen unseres Herrn Jesus Christus zu handeln.

Ganz der Eure, Conte d’Armagnac

Jeanne an Conte d’Armagnac:

Jesus + Maria

Conte d’Armagnac, teurer und guter Freund!

Jeanne die Jungfrau lässt Euch wissen, dass Euer Bote vor sie gekommen ist, der mir sagte, er sei geschickt, um von mir zu erfahren, welchem der drei von Euch genann­ten Päpste Ihr Glauben schenken sollt. Darüber kann ich Euch im Augenblick nicht die Wahrheit sagen, ehe ich nicht in Paris oder anderswo in Ruhe bin, denn im Au­genblick beschäftigt mich die Kriegführung zu sehr. Aber sobald Ihr wisst, daß ich in Paris bin, sendet mir einen Boten, und ich lasse Euch ehrlich und nach bestem Ver­mögen wissen, wem Ihr glauben sollt, so wie ich es durch den Rat meines allerhöchs­ten Herrn, des Königs der ganzen Welt, erfahre, und was Ihr zu tun habt.

Seid Gott befohlen! Der Herr behüte Euch!

Geschrieben in Compiègne am 22. August.

Im mittelalterlichen Denken sind Dämonen ebenso real wie Heilige und Engel. Da­her will man Genaueres wissen über die Erscheinungen von Margareta, Katharina und dem Erzengel Michael.

Richter: Welches Aussehen hatte der Heilige Michael, als er Euch erschien?

Jeanne: Ich habe ihn nicht mit der Krone gesehen. Von seinen Gewändern weiß ich nichts.

Richter: War er nackt?

Jeanne: Meint Ihr, Gott habe nichts, ihn zu kleiden?

Richter: Hatte er Haare?

Jeanne: Warum soll man sie ihm abgeschnitten haben?

Am 7. November 1455, zwei Jahre nach Kriegsende, findet in der Kathedrale Not­re-Dame de Paris der Rehabilitationsprozeß statt. Einige Aussagen:

Bauer Simonin Musnier: Ich bin mit Jeanne zusammen aufgewachsen. Ich wohnte in der Nähe ihres Vaterhauses. Wirklich, ich weiß, wie gut sie war, wie schlicht und fromm! Sie verehrte Gott und seine Heiligen. Sie ging oft und gern zur Kirche und zu den geweihten Orten, tröstete die Kranken und gab Almosen den Armen; das konnte ich selbst erfahren: Als ich klein war, ging es mir nicht gut, und Jeanne kam, um mich zu trösten.

Der königliche Oberhofmeister Jean d’Aulon: … alle Taten der Jungfrau erschienen mir göttlich und wunderbar. Und es ist doch unmöglich für eine solche Jungfrau, derartige Taten zu vollbringen ohne den Willen und die Fügung Gottes!

Während eines vollen Jahres war ich auf Befehl des Königs, unseres Herrn, in der Begleitung der Jungfrau, und während dieser Zeit habe ich nichts an ihr bemerkt, was nicht an einer guten Christin sein soll. Sie war ein junges Mädchen, schön und wohl­gestaltet, und manches Mal, wenn ich ihr in die Rüstung half und sonst, habe ich ihre Brüste gesehen und manchmal ihre nackten Beine, wenn ich ihre Wunden verband. Ich war ihr häufig nahe, und ich war jung und starkund in voller Manneskraft, und dennoch, gleichviel, wie ich die Jungfrau sah oder wie immer ich sie berührte, nie war ich von einer Begierde nach ihr bedrängt, und gleicherweise kein anderer von meinen Leuten und Knappen, nach allem, was ich sie manchmal habe reden und er­zählen hören.

Ritter Simon Beaucroix: Während der Kampagne duldete Jeanne nicht, daß ihre Leu­te je ein Dorf plünderten. Sie weigerte sich, Fleisch zu essen, von dem sie wußte, daß es gestohlen sei. Einmal gab ihr ein Schotte zu verstehen, daß sie gestohlenes Kalb­fleisch aß. Das empörte Jeanne derart, daß sie den Schotten beinah erschlug.

Sie duldete keine Dirnen, die mit den Soldaten ritten. Keine hätte sich in ihr Feldlager gewagt. Traf sie dennoch eine von ihnen an, so vertrieb Jeanne das Frauenzimmer, es sei denn, einer der Soldaten wollte sie ehelichen.

Ich glaube, sie war eine gute Katholikin; sie fürchtete Gott, hielt seine Gebote und gehorchte auch nach ihrem Vermögen der Kirche. Sie war mitleidigen Herzens, nicht nur den Franzosen, sondern selbst den Feinden gegenüber. Ich weiß das, weil ich lan­ge um sie war. Ich half ihr oft in die Rüstung. Sie litt darunter, und es mißfiel ihr, daß die Bürgerfrauen zu ihr kamen, um sie zu grüßen und sie mit Zeichen der Dankbar­keit zu überhäufen. Sie war unmutig darüber.

Jean Marcel, Bürger von Paris: Ich wohnte in Rouen, als Jeanne vor Compiègne ge­fangengenommen und nach Rouen gebracht wurde. Ich habe gehört, daß Lady Bed­ford Jeanne untersuchen ließ, ob sie keusch sei oder nicht, und daß man sie als jung­fräulich erkannte. Ein Schneider namens Jeannot Simon sagte, Lady Bedford habe ihn für Jeanne ein Weiberkleid anfertigen lassen. Während er es ihr anpaßte, strich er ihr über die Brüste. Jeanne war darüber heftig erzürnt und schlug besagtem Jeannot ins Gesicht.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN, LITERATUR abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.