Gründonnerstag

Malchus

Ich wollte nur im Kreise der Familie 
Zum Sederabend alles vorbereiten
Wie jedes Jahr, wie jeder fromme Jude.

Da lässt mein Herr, der Hohepriester Kaiphas, 
Mich rufen – er, der doch vor allen Frommen
Darauf besteht, den heiligen Gesetzen,
Dem Gotteswort in jedem Punkt zu folgen. 
Er kennt und liebt Gesetz und Liturgie!

Nun aber unterbricht er sich und mich
Für diesen Jeshua, den Nazarener,
Den Dorn im Auge aller Pharisäer.

Die Römer, sagt er, wollen ihn ergreifen,
Er stelle sich angeblich über Cäsar.
Nun gelte es zu prüfen, ob er wirklich
Auch gegen Gottes Recht sich hat vergangen,
Und ob er schuldig sei nach unserm Recht.
Will denn der Sanhedrin zu Pessach tagen?

Was soll das? Ich bin ratlos – muss gehorchen.
Und meine Frau in Tränen! Und mein Jüngster 
Sagt vorwurfsvoll: „Es ist doch Seder! Papa!”
Der Bote drängt. Ich muss dem Kaiphas folgen.
Ich greife die Laterne, gehe stumm.

Da sind nicht nur die Priester und die Diener,
Noch andere, mit Knüppeln und mit Fackeln,
Ein ungeordnet aggressiver Haufen.
Ein wenig abseits römische Soldaten
In Reih und Glied, als ob sie uns bewachten.

Ein Unbekannter führt uns bis zum Ölberg.
Der Prediger ist dort, mit ihm drei andre.
Der Fremde, der uns führt, geht auf ihn zu
Und küsst ihn auf die Wangen. Ein Theater,
Angeblich ausgemacht mit unsern Priestern,
Als wäre Jeshua nicht stadtbekannt,
Als könnte er nicht einfach auf ihn zeigen!

Wir gehen auf ihn zu. Er steht und schweigt.
Doch einer seiner Freunde zückt ein Messer
Und stürzt auf Kaiphas los. Ich werfe mich 
Vor meinen Herrn. Der Kerl greift an, ich spüre 
Den heißen scharfen Schmerz an meinem Ohr,
Lass die Laterne fallen, und ich fühle:
Mein Ohr ist längs gespalten, nur vom Läppchen
Wird es gehalten, und es blutet furchtbar.

Und dieser Jeshua herrscht seinen Jünger an:
„Zurück! Das Messer weg!” Er streckt die Hand
Nach meiner aus, zieht sachte sie herunter,
Berührt mein Ohr – da heilt es in Sekunden,
Es tut nicht weh, es ist so gut wie neu.

Nun nehmen sie ihn fest, den Jeshua,
Den Prediger – der andre kommt davon.
Ich hebe die Laterne auf und gehe,
Mein Herr hat es gestattet und geht selbst.

Zu Hause sieht mich meine Frau zuerst 
Und jammert auf, denn ich bin voller Blut,
Der Hals und das Gewand sind rot besudelt.
Ich kann sie bald beruhigen, wasche mich,
Zieh etwas Saubres an, betrachte lange
Mein Ohr im Spiegel, es ist ganz und heil.

Das Sedermahl ist vorbereitet. Aber
Kann ich denn Seder feiern, wenn ich weiß:
Der mich verletzt hat, der ist fortgelaufen,
Doch meinen Heiler haben sie gefangen?

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN, LITERATUR abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.