Papyrus aus Jerusalem

Kürzlich wurde in Jerusalem eine antike Schatulle mit einem Papyrus gefunden. Er enthält die Stenographie eines Gespräches, vermutlich zwischen zwei Männern im Dienst des Herodes. Mein Gewährsmann meint, auf ihn macht das einen authentischen Eindruck, es muss aber noch wissenschaftlich untersucht werden. Wenn die Handschrift echt ist, dürfte sie das Zeugnis der größten Fehleinschätzung der Geschichte sein.

Es gibt da eine ganz kleine, gut vernetzte Gruppe von Männern und Frauen, die diesem „Neuen Weg”, wie sie sich ausdrücken, folgen. Sie behaupten steif und fest, der Delinquent Jeshua ben Joseph, der kürzlich hingerichtet wurde, sei wieder lebendig geworden. Nach Evidenz befragt, können sie allerdings nichts weiter angeben als den angeblichen Augenschein, oft nicht mal den eigenen, sondern Zeugenaussagen.

Aber die Gruppe ist wirklich klein. Das läuft sich doch von selber tot, warten wir es einfach ab.

Ich bin nicht der Ansicht, daß man die einfach laufen lassen kann. Ja, noch sind es nicht so viele, aber andererseits wirklich gut vernetzt…

Vom Netzeknüpfen verstehen sie ja was, diese Fischer…

[Gelächter]

Sie sind meiner Ansicht nach religions- und staatsgefährdende Fanatiker. Man sollte kurzen Prozess mit ihnen machen. Denken Sie an die Sikarier, das waren auch erst wenige und haben sich zu einem handfesten Problem ausgewachsen.

Ja, die! Aber diese Bewegung ist ja ganz gewaltlos. Die wehren sich nicht mal, wenn es ihnen an den Kragen geht. Angeblich bilden sie sich sogar was darauf ein, wenn sie ausgepeitscht werden.

Im Ernst? Na, das passt zu ihnen. Andererseits hat einer von ihnen bei der Festnahme ihres Anführers einen Menschen am Kopf verletzt. So harmlos war das nicht.

Ja, davon habe ich gehört. Aber der Anführer hat ihn dann ja zurechtgewiesen. Angeblich den Angegriffenen sogar geheilt, aber das dürfte ein Ammenmärchen sein.

Hmmm… ja, irgendwie seltsam. Dieser … Malchus oder so ähnlich – behauptet das nämlich auch, und tatsächlich ist er nicht verletzt.

Dann stimmt die Geschichte mit der Verletzung eben nicht. – Na, wie dem auch sei. Ich glaube, man sollte diese komische Bewegung einfach möglichst ignorieren. Ich meine, wem schaden die denn?

Ich habe da ein ganz ungutes Gefühl. Halten Sie mich meinetwegen für abergläubisch, aber diese Leute sind mir unheimlich. Sie sind so völlig anders als andere. Und die Frauen fahren ja vollkommen ab darauf! Laufen ihnen in Scharen hinterher.

Völlig verrückt. Aber Sie werden doch keine Angst haben vor einem Verein, der von Frauen am Leben gehalten wird?

[Gelächter]

Nicht zu vergessen diesen kleinen inneren Kreis aus Männern!

Einer von ihnen hat sich neulich umgebracht. Der Rest, alles Fischer und so, kleine Leute, spinnt jetzt ein bißchen herum, glauben Sie mir, das gibt sich. Am Ende verläuft sich die Sache. Nicht mal Frauen sind imstande, ohne Ende so unbedeutenden Typen hinterherzulaufen. Und wenn sie noch so gut vernetzt sind.

Ja, da haben Sie wohl Recht. Wissen Sie, meine Frau regt sich deshalb so auf. „Die werden noch bis Rom kommen”, meinte sie neulich. Und ich so, „Schatz, ich bitte dich, bis Rom?” Aber irgendwie wirkte sie da so überzeugend… hat mich wohl etwas angesteckt mit ihren Sorgen.

Ja, Frauen! Aber wirklich, machen Sie sich keine Sorgen. – Ich muss jetzt los. Grüßen Sie Ihre liebe Gattin von mir. Und sagen Sie ihr von einem erfahrenen Mann: Nach Rom kommen die niemals. Rom ist schon mit ganz anderen Leuten fertiggeworden.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Papyrus aus Jerusalem

  1. Herr S. schreibt:

    Hilfe, die Nachfolger sind sogar in Südrussland:

    http://kath-ru.blogspot.com/?m=1

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