Palmarum, und warum es kein Happy End geben kann

Man stelle sich vor: Eine begeisterte Menge jubelt dem in Jerusalem einziehenden Herrn zu. Der Jubel ist eindeutig: Hoshanah, Herr, hilf doch – das ist der Ruf an den Herrscher. Der hier, der sanfte Wundertäter, der gegenüber der Upper Class oft strenge, nie unversöhnliche, der auf Einhaltung der Gebote pocht und zugleich barmherzig ist und vergibt – der soll König sein über Jerusalem, über das Heilige Land, über die Welt.

Aber da waren doch noch jene, die Ihn für gefährlich hielten: Pharisäer und auch Römer, wobei die Römer Ihn noch nicht so ernst nahmen, Ihn als wirkliche Bedrohung anzusehen. Sicher, da war auch Nikodemus, der Ihm so gerne gefolgt wäre und sich nicht traute und Ihm doch von Herzen nah war. Da war aber auch Kajaphas, der trockene Realist: Besser einer stirbt als alle – und dann konnte es ja dieser komische Wundertäter sein. Da war Herodes, der reiche Spießer, der sensationelle Geschichten hören wollte und Ihn, als Er die nicht erzählte, verspottete und auslieferte. Da war Pilatus, der von Jesu Unschuld überzeugt war, aber Angst vor der Menge hatte. Ein bißchen wie Kajaphas, mit umgekehrten Vorzeichen: Besser ich liefere diesen einen ans Messer, als daß es hier eine Revolution gibt mit jeder Menge Blutvergießen auf beiden Seiten.

Pilatus versucht es mit einem Kompromiss. Geißeln lassen, um den Blutdurst der Menge zu befriedigen, und dann freilassen.

Jesus, Sein Leib eine blutige Masse von der Geißelung, wird der Menge vorgeführt. Pilatus hält ein wenig Abstand, Blutflecken gehen aus Wollstoffen nie mehr raus, und diese Toga war wirklich teuer. Schlimm genug, daß auch auf der Marmortreppe Blutflecken zu sehen sind. Aus dem porösen Stein ist das auch nicht mehr zu entfernen.

Und dann die Wahl der Amnestie: den hier oder den Barabbas? Ein Terrorist soll er sein, vielleicht auch nur ein Straßenräuber, jedenfalls hat er gemordet. Aber Barabbas ist nicht so bekannt wie Jesus. Ein Sprechchor bildet sich: „Weg mit Jesus! Hoch Barabbas!“ … Plötzlich schieben sich einige Menschen, Männer und Frauen, vor die Gröler. „Nein!“ schreit eine Frau. „Jesus Messias! Jesus Messias!“ skandiert die Gruppe. Ein Beobachter fragt einige aus der Menge, wer diese Leute sind. Die Angaben sind widersprüchlich. Leute aus dem Umkreis dieses Wunderheilers. Verwandte von Opfern der Bande um Barabbas. Verwandte Jesu.

Aber die Menge lässt sich umstimmen. Das herzzerreißend schrille „Nein!“, der so lange erwartete Titel „Messias“, auch das Mitleid mit dem Geschundenen läßt immer mehr Menschen den ersten Chor überschreien: „Jesus Messias!“ Pilatus seufzt erleichtert auf. Jesus wird freigelassen. Seine Freunde tragen ihn – halb im Triumph, halb besorgt – in die Villa des Nikodemus. Der Hausherr wäscht seine Wunden, ruft einen Arzt, lässt den bewunderten Meister bei sich wohnen bis zur völligen Genesung.

Und dann?

Jesus lebt und lehrt weiter, bis Er im hohen Alter heimgerufen wird. Seine Jünger werden mit ihm alt, geben Seine Lehre an ihre Kinder weiter. Eine Zeitlang gibt es eine missionarische Strömung im Judentum. Der junge Saulus missbilligt das zwar, hält die Bewegung aber für nicht besonders wichtig. Nach hundert, zweihundert Jahren ist das Geschichte. Das Leben geht weiter. Rom bleibt heidnisch. Der Rest der Welt auch.

Zu unserem Heil war es anders.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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