Milchmädchenrechnung

In Berlin, im Pleasureground des Schlosses Glienicke, ganz nahe bei Potsdam, steht der Abguss einer Skulptur des russischen Künstlers Pawel Petrowitsch Sokolow. Die originale Bronzeplastik schuf er 1810 für den Katharinenpark in Zarskoje Selo (das heutige Puschkin nahe Sankt Petersburg). Ein Abguss wurde 1827 in Glienicke aufgestellt. Er ist laut Wikipedia „im Krieg verschollen“, leider vermutlich „eingeschmolzen, weil man beim Militär Metall brauchte“.

Wikipedia

Ein neuer Abguss wurde 1989 – im Sommer vor dem Mauerfall – aufgestellt. Möglich war das durch eine deutsch-russische Initiative. Ich weiß noch, was für ein bürokratisches Hickhack das war! Erst war es schwierig, sowjetische Bürokraten zu überzeugen, Kunst außer Landes zu führen (und sei es ein Abguss). Dann war es noch schwieriger, Westberliner Bürokraten zu überzeugen, daß etwas, was „aus dem Osten“ kam, gut und ungefährlich sein könnte. Mein Vater gebrauchte mehrmals Ausdrücke wie „diese bürrrokrrratischen Würrrstchen“ – zum Glück, soweit ich weiß, nicht vor den Betreffenden.

Das Milchmädchen kam an und wurde eingeweiht. Dazu wurde die Fabel des Dichters Jean de la Fontaine vorgelesen, von der auch unser Ausdruck „Milchmädchenrechnung“ stammt. Kurz gefasst: Ein junges Mädchen trägt einen großen Krug mit Milch zum Markt und malt sich im Kopf aus, was sie dafür einhandelt. Hundert Eier! Die lässt sie ausbrüten, die Küken verkauft sie, für das Geld bekommt sie ein junges Schweinchen, wenn das groß ist, bekommt sie dafür eine Kuh mit einem Kalb, und das Kalb wird fröhlich herumspringen… Hier macht sie selbst einen kleinen Luftsprung vor Freude, der Milchkrug fällt herunter und zerbricht.

Sokolovs Plastik zeigt das weinende Mädchen neben dem zerbrochenen Krug, aus dem Wasser fließt – eine Brunnenplastik. Mein Vater hatte vor der Einweihung in einem Laubbaum einen Weinschlauch verborgen, durch einen langen, mit Laub getarnten Schlauch (soweit ich weiß, hatte ein befreundeter Chirurg das geeignete Material beschafft) mit dem Milchmädchenkrug verbunden. Ich hatte die Aufgabe, auf sein Signal zum Anstellen des Brunnens einen heilen Krug unter den zerbrochenen zu halten. Eine gelungene Überraschung für die Gäste! (Als der Schlauch leer war, wurde dann doch das Wasser angestellt. Das Glienicker Weinwunder hat sich leider nie wiederholt.)

Putin und Kirill täten gut daran, mal gemeinsam den Katharinenpark zu besuchen und über diese schöne Plastik und die Fabel zu meditieren. Die Fabel findet man hier im Original und hier auf Deutsch. Ins Russische ist sie sicher auch übertragen. (Nachtrag: Ja, natürlich – ein Leser machte mich darauf aufmerksam. Hier.) Und von mir gibt es nun eine modernisierte Fassung der Fabel vom Milchmädchen.

Putin hat im Kopf sehr große Ideen
Von Reichtum und Macht. Er will sich schon sehen
Als Herrscher der Welt - zumindest der halben!
Kirill soll zum göttlichen Kaiser ihn salben!
Er greift nach dem Nachbarn, er schickt seine Meute:
"Erobert dies Land! Und möglichst noch heute!"
Die Kornkammer ist es, die Ukraine.
"Hab ich die erst", denkt er mit listiger Miene,
"Verkauf ich das Korn und erhalte zum Lohn
Weißrussland - nein halt, das hab ich ja schon -
Also Polen und Ungarn und Slowakei,
Rumänien, Moldawien so nebenbei,
Die Mittelmeerländer haben auch Reiz,
Mazedonien und Serbien! Nur keinen Geiz!
Und dann gehts nach Deutschland und Dänemark.
Europa gehört mir schon jetzt! Ich bin stark!"
Und wie er so denkt, da tut man ihm kund:
"Deine Männer sind tot, und dein Land geht zugrund!"

Ja, Putin, vor dir habens andre gedacht:
Ich habe die Macht, mir gebührt auch die Macht!
Ich habe schon viel und ich will noch viel mehr!
Gebt her, ihr Völker - ich schicke mein Heer!
Des Milchmädchens Krug und des Mächtigen Zügel -
Sie sind verloren. Am Ende gibts Prügel.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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6 Antworten zu Milchmädchenrechnung

  1. Thomas schreibt:

    Wie ist eigentlich die weibliche Form von Fontane? Auf jedenfall sehr gelungen!

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  2. Vielleicht hält es Herr Putin ja auch mit dem Kriegsherrn Pyrrhos von Epiros, der beim Versuch, Teile Italiens zu erobern, einen Großteil seiner eigenen Landwehrmänner verheizte. „Noch so ein Sieg und wir sind verloren“ wird einer seiner Militärführer zitiert. Putin hetzt in kommunistischer/stalinscher Tradition seine jungen Soldaten in einen Krieg, ohne Rücksicht auf auch eigene Verluste. Der schraubenförmig Gehörnte wird sich weigern, sich dereinst seiner anzunehmen.
    Lieben Gruß aus dem Land am Meer vom ollen, grauen Wolf

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Mach mir nur den Teufel nicht zu gut, er reibt sich grad die Pfoten. „Endlich wieder mal ein Interessanter in Sicht! Immer bloß diese Langweiler, die nur zu mir kommen, weil sie zu blöd waren, gut zu sein… das ging mir schon auf den Senkel!“
      Im Übrigen versuche ich, auch für Menschen dieses Kalibers um Bekehrung zu beten. Das gelingt nicht immer. Manchmal sag ich auch nur „Herr, aus einem Grund, den ich nicht nachvollziehen kann, willst Du das Heil auch dieses Menschen.“ Aber Putin ist selbstverständlich frei in seiner Entscheidung, und wenn er am Ende im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sagt „Nö, Gott, ich hab alles richtig gemacht, red mir nicht drein“ – dann ist ihm nicht zu helfen. Dann gehts abwärts.

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      • Da gab es ne schöne Karikatur, wo der Deifi vor dem Kessel steht mit seinem Dreizack. Im Kessel die Herren Stalin, Hitler und Mao Tse Tung, denen er zuruft: „Ihr müßt scho‘ a wen’g z’sammrücken, wenn der Putin hier ankommt!“
        Also weiß er ja Bescheid, daß Putin ins Fegefeuer, ins Purgatorium kommt. Und so kommt es zu Wunscherfüllung für Millionen von Menschen, die ihn in der Hölle wissen möchten.
        Hab nun noch ’nen wunderfeinen Abend, liebe Claudia!

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        • Claudia Sperlich schreibt:

          Lieber Wolfgang, die Karikatur kenne ich und habe auch drüber gelacht.
          Allerdings ist das Purgatorium (wörtl. Reinigungsort) ein Vorraum zum Himmel. Höllenkandidaten kommen da nicht hin. Im Purgatorium wird man gewaschen, nicht dreckig gemacht. 😉

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