Essen retten und tanzen

Am Samstagabend ist in Berlin-Tegel eine Abholstelle für vor dem Wegwerfen gerettetes Essen. Die Menschen, die das organisieren, legen sich sehr ins Zeug dafür – nicht nur holen sie die Lebensmittel in den Läden ab, wo sie sonst weggeworfen würden, weil sie nicht mehr ganz taufrisch sind, bringen sie mit einem Lieferwagen zur Abholstelle, bauen dort Klapptische auf und sortieren die Ware dort ordentlich und appetitlich. Sie machen das unter sehr strenger Einhaltung der Hygienevorschriften, achten darauf, daß die Menschen, die anstehen, erstens die Coronaregeln befolgen und zweitens alle gerecht behandelt werden. Wenn viel da ist, bekommt man viel, wenn wenig, weniger – meist immer noch reichlich.

Heute stand man recht lange an, der Lieferwagen kam erheblich später als sonst – weil auch Flüchtlinge zu versorgen waren, wie ich auf Nachfrage erfuhr. (Ich bin voll ehrlicher Bewunderung. Die Essenrettung macht ja schon genug Mühe. Da investieren Menschen viel Zeit und Kraft, zu bewahren und zu helfen. Und sie sind immer freundlich.)

Aber in der Warteschlange kennt man sich schon ein bißchen. Es wurde geschwatzt. Und dann hatte jemand die Idee, sein kleines Radio hinzustellen, es gab Tanzmusik, und ein junger Mann begann sehr schön zu tanzen. Eine Frau gesellte sich dazu, auch sie eine begabte Tänzerin.

Endlich kam der Wagen und wurde mit Jubel empfangen. Dann dauerte es noch eine Weile, bis alles aufgebaut war. Und nun habe ich eine ganz unglaubliche Ernte, Unmengen an wirklich guten Sachen. Meinem Fastenprojekt „keine Lebensmittel kaufen“ steht einstweilen nichts im Wege.

Essenrettung gibt es mittlerweile in vielen Städten, und immer mehr Läden beteiligen sich. Aber immer noch werden täglich Tonnen von Lebensmitteln weggeworfen, weil sie nicht mehr ganz frisch sind (sind sie nach drei Tagen im Kühlschrank liegen auch nicht, und das kennt nun jeder), weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist (was noch lange nicht heißt, daß sie schlecht sind) und zuweilen auch, weil sie bei der Kundschaft eines Ladens nicht so gut ankommen.

Essen wegwerfen, das noch in Ordnung ist, oder Essen mutwillig vergammeln lassen, ist eine Sauerei (sagte meine agnostische Mutter), eine Sünde (sage ich). Das „tut man einfach nicht“ – und in der Realität tut man es eben doch, tun Läden es täglich. Dagegen ansteuern ist nicht nur gut für den eigenen Geldbeutel, es ist auch ein Akt der Ehrfurcht vor Gottes Gaben.

Essen retten ist nicht nur aus moralischen und wirtschaftlichen Gründen gut. Es ist kommunikativ, es ist spannend (was gibt es diese Woche? Mal sehen…) – und manchmal gibt es eine Tanzeinlage.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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