Ein Mann wie ein Eber

Heute gedenkt die Kirche des Heiligen Evermod von Ratzeburg. Sein Name bedeutet „der Ebergleiche“, vielleicht hatte den Eltern eine Art Kriegsheld vorgeschwebt, als sie ihr Baby um 1100 so nannten. In dieser Hinsicht sollte ihr Sohn sie enttäuschen: 1120 hörte er im nordfranzösischen Cambrai eine Predigt des Norbert von Xanten und war so beeindruckt, daß er ihm folgte, zu seinem engen Mitarbeiter wurde. Norbert gründete im folgenden Jahr den Prämonstratenserorden, dem Evermod beitrat.

Evermod war dabei, als Norbert 1129/30 die Benediktinerabtei in Pöhlde in ein Prämonstratenserstift umwandelte. 1131 war er an der Gründung des Stiftsklosters Gratia Dei beteiligt und war dort Propst, begleitete Norbert aber weiter auf dessen Reisen. 1138, vier Jahre nach Norberts Tod, wurde er Propst des Prämonstratenserklosters in Magdeburg. Weitere Prämonstratenserklöster entstanden, wohl unter seiner Mitwirkung, in Havelberg und Jerichow. 1154 wird er Bischof von Ratzeburg und legt 1160 den Grundstein zum Ratzeburger Dom.

Evermod war eifrig in der Wendenmission, setzte dabei aber eher auf Überzeugung durch Predigt als auf gewaltsame Kolonisation. Jedenfalls lassen das zwei Legenden vermuten, in denen es zwar nicht um Wenden geht, in denen aber Evermod als ebenso energisch wie grundsätzlich friedfertig dargestellt wird.

Heinrich von Badewide, Graf von Ratzeburg, hatte zwei Friesen gefangengenommen, die er grausam behandelte. Bischof Evermod – mit dem er auf sehr gutem Fuß stand – versuchte vergeblich, ihre Freilassung zu erwirken. Immerhin durften sie zu Ostern, gefesselt und unter schwerer Bewachung, am Gottesdienst teilnehmen. Der Bischof besprengte die Gemeinde mit Weihwasser. Als er zu den beiden kam, sagte er: „Der Herr richtet die Gebeugten auf, der Herr löst die Gebundenen“ – und das Weihwasser sprengte ihre Fesseln.

Als Evermod in Diethmarschen zu einer Besprechung mit dem dortigen Erzbischof Hartwig von Hamburg war, wurde dort ein Adliger ermordet. Während der Messe versuchte Evermod, den rachsüchtigen Verwandten des Ermordeten zur Versöhnung zu bewegen. Er erinnerte ihn an die Worte des Vaterunsers: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Der Mann tat so, als hörte er nichts. Evermod stand vom Priestersitz auf und fiel vor dem Mann nieder. Der aber schwur, er werde nie verzeihen. Darauf stand der Bischof auf und gab dem Mann eine schallende Ohrfeige. Das half – der Rachsüchtige versöhnte sich mit dem Mörder.

Eine wunderbare Befreiung und eine Tat, die man überschreiben könnte mit „Vertragt euch, sonst setzt’s was!“ – da zeigt sich durchaus die Stärke und Sturheit eines Ebers. Charaktere wie Sankt Evermod waren für die Mission der kaum weniger starken und sturen Wenden vonnöten – und sind es heute, bei der wieder heidnisch gewordenen Bevölkerung der gleichen Gegenden, sicher auch.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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Eine Antwort zu Ein Mann wie ein Eber

  1. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Danke, liebe Frau Sperlich, für Ihren Hinweis, dass es mit der christlichen Mission auch anders ging.1

    Das Kloster Jerichow, die Dome zu Havelberg und Ratzeburg kennen und lieben meine Frau und ich sehr und besuchten sie im Laufe von Jahrzehnten immer wieder.

    Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende und grüße Sie herzlich.
    Hans-Jürgen Caspar

    1 http://www.hjcaspar.de/hpxp/gldateien/nikol.htm

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