Synodalität, Deutschtümelei und Misogynie

Ich wollte nicht mehr über den Synodalen Irrweg schreiben. Aber ich fürchte, es ist wichtig genug. Ich zitiere zwar im Wesentlichen nur eine Facebook-Diskussion, nur wenige Menschen, aber nach allem, was ich in den Diskussionen des Synodalen Weges, in den zahlreichen Erfahrungsberichten um ihn und mit ihm, von Gegnern und Befürwortern gehört und gelesen habe, halte ich die hier wahrgenommene Auffassung und Redeweise für typisch.

Ein am Synodalen Weg beteiligter Priester veröffentlichte auf Facebook diesen Auszug hier aus dem Dokument des Synodalforums I: Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Einleitend schrieb er:

„Das ist also seit Donnerstag [d.h. seit dem 3. Februar 2022] die offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche in Deutschland (beschlossen von der III. Synodalversammmlung mit einer satten 2/3-Mehrheit der Synodalen und der Bischöfe):“

Es scheint in dem Dokument zunächst darum zu gehen, Gerechtigkeit zu mehren und vor allem jenen Gerechtigkeit zu verschaffen, die Opfer von Mißbrauch durch katholische Geistliche wurden. Dazu sollen bestehende Machtstrukturen auf den Prüfstand. Soweit löblich! Wenn es darum wirklich ginge. Aber es bleibt bei einem vagen Aufruf, die Strukturen zu ändern und alles besser zu untersuchen – viel besser und genauer ist das z.B. in unserer Gemeinde und vielen anderen bereits durchgesetzt. Das Dokument tut so, als sei hinsichtlich der Mißbrauchsfälle nichts geschehen – dabei hat Benedikt XVI. hunderte von schuldigen Priestern laisiert und gibt es in Kirchen zahlreiche Anlaufstellen für Menschen, die Mißbrauch erlitten haben. Da muss zwar noch viel getan werden, aber daß ohne den Synodalen Weg gar nichts geschähe, ist unwahr. Vom Synodalen Weg wird als Lösung angeboten, jeden zu weihen, der nicht schnell genug auf dem Baum ist. Man soll künftig nicht stärker auf sexuelle Reife achten, sondern gar nicht mehr. Das soll nützen?

Die immer wieder geforderte Priesterinnenweihe löst weder dies noch irgendein anderes Problem. Erstens sind Frauen keine besseren Menschen, zweitens ist die Unmöglichkeit der Priesterinnenweihe nun so ausdrücklich und ausführlich klargestellt, daß man einfach auch mal schweigen könnte. Was am Ende des Dokuments herauskommt, hat gar nichts mehr mit den Fällen von Mißbrauch zu tun, sondern mit dem Wunsch nach einer ihrer Natur nach unmöglichen Änderung des Kirchenrechts.

Ich mischte mich in die Facebook-Diskussion ein:

Nur daß, Dank sei Gott, keine Regionalkirche mit Sonderbefugnissen existiert innerhalb der einen römisch-katholischen Kirche. Der Synodale Weg ist eine oligarchische Häresie und hat mir gar nichts zu sagen.“

Priester: „Niemand hat den Anspruch erhoben, Ihnen irgendetwas sagen zu wollen. Dass eine 80%ige Mehrheit der Synodalen und der Bischöfe und die überwältigende Mehrheit der Gläubigen in Deutschland hinter uns steht, reicht uns vollkommen.“

Ich halte fest: Der Priester, der ein Dokument des Synodalen Weges als „offizielle Lehre der römisch -katholischen Kirche in Deutschland“ bezeichnet, sagt, daß „niemand“ (also auch nicht die römisch-katholische Kirche in Deutschland) „den Anspruch erhoben“ hat, mir „irgendetwas sagen zu wollen“. Mit anderen Worten: Die Kirche in Deutschland darf eine Änderung von Lehre und Recht beschließen, andererseits will sie mir gar nichts sagen (zu deutsch: es liegt ihr fern, zu missionieren, was nach Jesu Worten zu den Hauptaufgaben der Weltkirche gehört). Und daß „eine 80%ige Mehrheit der Synodalen und der Bischöfe und die überwältigende Mehrheit der Gläubigen in Deutschland hinter uns steht“, wobei nicht ganz klar ist, wen er mit „uns“ meint. Er ist ja nicht der personifizierte Synodale Weg oder auch nur sein Vorsitzender.

Ein anderer kirchentreuer Laie nennt den Synodalen Weg schismatisch. Ich stimme zu. Darauf antwortet mir wieder ein anderer, im folgenden Wissender Laie genannt:

Kurz und knapp: Die „eine römisch-katholische Kirche“ hat auf derart vielen Gebieten versagt und bewiesen, dass ihr insbesondere die Einzelschicksale misshandelter Opfer herzlich egal sind, dass es nun an der Zeit ist, die deutsche Katholische Kirche zu positionieren. Das hat der synodale Weg eindrucksvoll getan und niemand verbietet es den zurückbleibenden, ihren Glauben nach wie vor zu leben, wie sie es gewohnt sind. Die Zukunft ist jedoch synodal, finden Sie sich einfach damit ab – die Kirche wird sich radikal verändern. Und dafür ist es höchste Zeit, wenn nicht sogar fünf nach 12.“

ich: Das, was hier gefordert wird – Alle Ämter für alle, alles, was nicht wegläuft, wird gesegnet, und Jesu Worte sind im Prinzip beliebig – ist genau dies: schismatisch.

Ich war selbstverständlich davon ausgegangen, daß Jesu Wahl der Apostel (und Nicht-Wahl irgendwelcher Frauen zum Hirtenamt), die Segnung von Menschen, aber nicht die Segnung jeglicher Taten und Vorhaben, einem theologisch gebildeten Menschen nicht weiter erklärt werden müsste. Da mag ich leichtsinnig gewesen sein.

Wissender Laie: Annähernd 80% der deutschen Bischöfe sehen Jesu Worte also als beliebig an? Sie sind ja goldig 😂 Bleiben Sie ruhig stehen, wir gehen dann mal vor.

Also: da Bischöfe nicht irren dürfen, die Mehrheit nicht irren kann und 80% der deutschen Bischöfe den Synodalen Weg unterstützen, ist ein Weib, das anderes behauptet, Spottes würdig und unbeweglich. Ja, so geht man gegen den schlimmen Klerikalismus vor! Und gegen die Frauenverachtung, die ja in der Kirche so verbreitet ist… oder so ähnlich.

Und, wieder an mich gerichtet, weil ich gewagt hatte, seine Einstellung heftig zu kritisieren (zugegeben, ich hatte ihn als „deutschnationalen Wicht“ bezeichnet, woraufhin der Priester meinen Kommentar löschte, nicht ohne zu bemerken, daß „diese Fraktion“ nun „ihr wahres Gesicht“ zeige):

Wissender Laie: „Der synodale Weg ist zumindest aktuell ein deutscher – was das mit dem Zusatz „national“ zu tun hat, bleibt Ihr Geheimnis. Wer auf die von Ihnen beschworene Weltkirche wartet, der hat Pech gehabt, denn die wird von der Zentrale aus dem Vatikan gesteuert – und von dort kam in den letzten Jahren nur heiße Luft. Jesu folgen heißt, in Bewegung zu bleiben. Die Weltkirche hat keine Antworten auf den Missbrauch von Menschen und Macht. Also bewegen wir uns. Das passt nicht in Ihre Schubladen, ist aber die Zukunft. Und selbstverständlich nicht nur unsere, aber einen afrikanischen, polnischen oder gar italienischen synodalen Weg gibt es (noch) nicht. Also gehen wir schon mal los.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „einen afrikanischen, polnischen oder gar italienischen synodalen Weg gibt es (noch) nicht. Also gehen wir schon mal los.“ Heißt: Die Afrikaner (alle gleich, da müssen wir nicht zwischen den 56 in Frage kommenden Ländern unterscheiden) peilen es nicht, die Polen nicht und die Italiener schon gar nicht. Wir aber, wir Deutschen, wir sind die mit dem Synodalen Weg und gehen voran! Daß Katholiken in afrikanischen Ländern, in Polen und Italien eventuell ganz Recht tun, keinen Synodalen Weg zu beschreiten, darf man nicht denken. Schon gar nicht als Frau. Wenn doch, ist man „goldig“, bleibt stehen, und ja, es verbietet einem ja niemand, in seiner Überzeugung zu verharren (wie mir auch noch bedeutet wurde). Aber „Wir“, der Wissende Laie, der betreffende Priester und alle, die ihrer Meinung sind, „gehen voran“.

Vorwärts! Jawoll! Die Schwarzen und die Gastarbeiter werden schon nachziehen, wenn wir es ihnen nur richtig zeigen! Soviel Mission muss sein! Und die Frauen! Denn Frauen werden vom Synodalen Weg beklatscht, wenn sie ihn abnicken. Sonst sind sie bestenfalls „goldig“. Auch einen guten Rat gibt es noch für mich und vermutlich alle, Frauen und Männer, die die demokratische Seite des Synodalen Weges anzweifeln.

Wissender Laie: „Ach, und wer hier von“angeblicher“ Mehrheit schreibt, sollte mal generell in Ruhe über sein Verhältnis zur Demokratie nachdenken. Die Abstimmungsergebnisse des synodalen Wegs sind jedenfalls über jeden Zweifel erhaben – auch die der Bischöfe.“

Bekam ich eine Wahlbenachrichtigung? Hatte ich die Möglichkeit, anzukreuzen „Nein, ich will vom Synodalen Weg nicht vertreten werden“? Wurde ich zum Synodalen Weg eingeladen, bekam ich dort Stimmrecht? Alles Nein. Aber abnicken soll ich ihn aus Gründen der Demokratie? Da mögen sich ganz andere mal nach ihrem Demokratieverständnis fragen. Ganz abgesehen davon, sind die Möglichkeiten zu demokratischen Strukturen in der Kirche aufgrund ihres übernatürlichen Wesens nur in sehr geringem Umfang gegeben. Wenn ein Priester und ein sehr engagierter, mit Theologie vertrauter Laie das beide nicht wissen wollen, ist das deren Problem – und leider auch eines der Kirche. Ich vermute folgende Gründe: Schlampige Katechese, schlechte Priesterausbildung, großer Hochmut.

Interessant ist aber, wie Johannes Norpoth vom Betroffenenbeirat (Video 29:40 bis 42:21) sich ausdrückt: Die DBK (Trägerin des Synodalen Weges) habe dem Betroffenenbeirat „bestenfalls einen Platz am Katzentisch“ zugewiesen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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4 Antworten zu Synodalität, Deutschtümelei und Misogynie

  1. akinom schreibt:

    Pippi-Langstrumpfkirche! „Widdewiddewitt – ich mache mir die Kirche wie ich will!“

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  2. Maria Klemmer schreibt:

    Liebe Claudia, Danke für deinen Einsatz.

    LG Maria

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  3. Herr S. schreibt:

    M.E. hat es der Publizist Bernhard Meuser auf den Punkt gebracht, wenn er in der TAGESPOST insbesondere die 3. Sitzung des sog „Synodalen Weges“ mit der sog. Räubersynode in Zusammenhang bringt und sie als „Räubersynode 2.0“ bezeichnet:

    https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/synodaler-weg/raeubersynode-20-art-225410

    Mehr ist von meiner Seite her nicht dazu zu sagen.

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