Was machen wir eigentlich selber?

Zu Hause bleiben müssen ist blöd, aber es gibt Gelegenheit, mal wieder (nicht zum ersten Mal) darüber nachzudenken.

Das Brot, von dem ich eben gegessen habe, habe ich selbst gebacken. Aber aus Mehl, das ich nicht gemahlen habe, aus Weizen, den ich nicht angebaut habe, mit Hefe, die ich nicht kultiviert habe. Auch verpackt und versandt habe ich keine der Zutaten. Das Wasser, das ich dazu und zu vielem anderen auch brauche, habe nicht ich aus dem Grundwasser gewonnen, auf Verunreinigungen untersucht und in die Leitung gepumpt. Die Wasserleitung und das gesamte Haus, in dem ich wohne, habe nicht ich gebaut. Ich habe diese Wohnung nur vor längerer Zeit mal renoviert, eigentlich sollte ich das mal wieder – und daß es kein Fachmann war, sieht man.

Den Kaffee habe ich nicht angebaut, nicht geröstet, nicht verpackt und verschifft, und die Kaffeemühle, in der ich ihn gemahlen habe, hätte ich nicht herstellen können. Besteck, Geschirr, alle hölzernen und metallenen und porzellanenen und keramiknen Dinge in meiner Küche (von Kunststoff ganz zu schweigen) hätte ich nicht, wenn nicht andere sie hergestellt hätten aus Grundstoffen, die wieder andere gewonnen haben.

Daß hier Strom fließt und Gas strömt, und zwar nur dann und dort, wo sie sollen, hat auch nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun.

Die Bilder an meinen Wänden sind nicht von mir, und ich hätte nicht einen einzigen Nagel oder gar Hammer herstellen können (schon die Nutzung finde ich zuweilen problematisch). Von den Büchern im Regal habe ich einige selbst geschrieben an einem Computer, dessen Funktionen ich nicht mal verstehe, keines aber habe ich selbst gedruckt und gebunden.

Ich kann bloß Latein. Und Sonette. Und kochen kann ich auch. Aber das wars dann auch schon. Grund genug, mal Danke zu sagen – Gott zunächst, und dann all den Minenarbeitern, Töpfern, Wasserwerkern, Stromwerkern, Künstlern, Papierherstellern, Tischlern, Textilarbeitern, Computerfachleuten, Bauern, Händlern, Verkäufern und so weiter, ohne die ich nackt im Wald säße. Und keinen Kaffee hätte.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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4 Antworten zu Was machen wir eigentlich selber?

  1. Gabriela Schiefert schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,
    zunächst einmal wünsche ich gute Besserung und viel Kraft bei der Bewältigung Ihrer Corona Erkrankung. Ich habe am letzten Freitag tapfer um 12 Uhr die „Angelus-Stellung“ gehalten und mutig einsam laut gebetet. Habe anschließend noch ein Friedensgebet angestimmt mit der Hoffnung im Herzen es käme noch jemand aber das war dann nix…aber die Hoffnung stirbt zuletzt und da war ja noch die Sache mit dem kleinen Senfkorn und das muss ja auch erstmal sterben…
    Mit herzlichen Grüßen
    Gabriela Schiefert

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Tausend Dank, liebe Frau Schiefert!
      Mir geht es schon viel besser, übermorgen darf ich zum Testzentrum, und wenn alles gut geht, werde ich dann „freigestest“ (eine der witzigsten neuen Wortschöpfungen). Am Freitag müsste ich auf jeden Fall wieder dabei sein (vorausgesetzt, mir fällt nicht vorher noch ein Ziegelstein auf den Kopf oder so).

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  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    so wie Ihnen geht es auch mir, beginnend schon morgens am Frühstückstisch. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die restliche Quarantänetage und die Zeit danach.

    Herzliche Grüße
    Hans-Jürgen Caspar

    http://www.hjcaspar.de/hpxp/gldateien/ergdank.htm

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank auch für dies schöne Zitat, das aus unerfindlichen Gründen nicht automatisch veröffentlicht wurde! (Übrigens: Ich habs im Original lesen können. Was für eine schöne Handschrift!)

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