Priester, Schriftgelehrte und Samaritaner

Der Priester kommt nach Hause. Er wirkt angespannt. Seine Frau kommt ihm entgegen.

Frau: Hallo, Liebling!
Priester: Tach.
Frau: Du siehst erschöpft aus. Komm, setz dich her, Essen ist gleich fertig.
Priester: Hmm.
Frau: Was ist denn los?
Priester: Die Banditen im Wadi Qelt werden immer dreister.
Frau: Himmel, dir ist doch hoffentlich nichts passiert?
Priester: Nein, mir nicht. Aber einen armen Kerl haben sie übel zugerichtet. Lag da wie tot, also, atmen tat er noch, das sah man.
Frau: Er hatte Glück, daß so ein guter Mensch kam. Wie geht es ihm jetzt?
Priester: Hmm. Ich, hmm… weiß nicht. Öh, hoffentlich gut.
Frau: Du hast sicher alles getan, was du konntest.
Priester: Äh… ja, hmm… vielleicht.

***

Der Schriftgelehrte kommt nach Hause. Er wirkt angespannt. Seine Frau kommt ihm entgegen.

Frau: Grüß dich, Liebling.
Schriftgelehrter: Nabend.
Frau: Du wirkst gestresst. Harten Tag gehabt?
Schriftgelehrter: Jo.
Frau: Essen ist so gut wie fertig. Magst erzählen?
Schriftgelehrter: Hmpf.
Frau: Ach sag schon. Was ist passiert?
Schriftgelehrter: Im Wadi Qelt haben sie wieder einen überfallen. Sah übel aus.
Frau: Himmel! Hast du diese Banditen gesehen?
Schriftgelehrter: Nein… nur diesen armen Kerl. Lebte noch, aber nur so geradeeben.
Frau: Gut für ihn, daß du noch rechtzeitig gekommen bist!
Schriftgelehrter: Öh… weiß nicht recht…
Frau: Du hast doch bestimmt alles getan, was man halt tun kann in so einem Fall.
Schriftgelehrter: Naja… hmmm… vielleicht.

***

Der Samaritaner kommt nach Hause. Es ist spät in der Nacht. Seine Tunika ist blutbefleckt und verstaubt. Er wirkt überdreht fröhlich.

Samaritaner: Grüß dich, Schatz! Ist noch was zu essen da?
Frau: Endlich kommst du! Wo warst du bloß die ganze Zeit? Ich hab mir Sorgen gemacht! Und wie siehst du aus… was ist denn passiert?
Samaritaner: Ich musste jemandem helfen. Keine Sorge, der wird schon wieder.
Frau: Helfen? Du siehst aus, als ob du dich geprügelt hättest! Und redest, als ob du getrunken hast!
Samaritaner: Hör mal! Der ist verprügelt worden, und ich kam nur drüber zu, als die Täter schon weg waren.
Frau: Ich hab Angst, wenn du dich immer einmischst. Irgendwann geht das schief.
Samaritaner: Kann sein. Ändert aber nichts. Man muss helfen.
Frau: Und diese Flecken gehen auch nie mehr raus.
Samaritaner: Tut mir leid. Aber ging halt nicht anders.

***

Moral der heutigen Perikope:
Was immer ihr tut oder unterlasst, irgendjemand versteht es völlig falsch.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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