Mirjam aus Magdala

Ob sie halbblind mit dick geweinten Lidern
und müde nach zwei halb durchwachten Nächten
schwankenden Schrittes auf den Friedhof ging,
mit einem Alabastron in den Händen
voll teurem Salböl, wie für Fürstengräber,
ob sie so ging, vielleicht mit bloßen Füßen –
zitternde Finger schnürten nicht Sandalen -,
ob sie den Fragenden – „Was weinst du?“ – nicht
an seiner Stimme, an der Art erkannte,
ob sie vor Bangigkeit und vor Erschöpfung
nur wahrnahm, was wahrscheinlich schien –
Gärtner sind friedlich, und sie hüten Blumen,
man konnte ihn für einen Gärtner halten -,
und ob er wirklich sie mit Namen ansprach –
„Mirjam“ – und sie – „Rabbuni“ – vor ihm kniete –
ich weiß es nicht, und niemand kanns beweisen.

Doch glauben will ich lieber dies als jenes,
daß er, gefoltert und erstickt, begraben,
und mit ihm alle Hoffnung auf das Leben.

aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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