Rosenkranz bei Nacht und Nebel

Die öffentlichen Verkehrsmittel in Augsburg sind, nun ja, spannend für Fremde. Die Buslinie 211 fährt stündlich, und sie fährt abends sowie an Sonn- und Feiertagen nicht die gleiche Strecke wie wochentags. Das bescherte mir einige Warterei – und eine sehr schöne Erfahrung.

Am Samstag war die Endstation nicht wie am Donnerstag und Freitag zehn Minuten vom Hotel entfernt, sondern eine knappe halbe Stunde. Und das Hotel war ziemlich weit außerhalb der Stadt, in einem Industriegebiet. Das bedeutet: An einem winterlichen Samstagabend ist es an der Haltestelle Tancherechweg (und in der weiteren Umgebung) zappenduster und leer. Da ist niemand! Wenn es dann auch noch, wie vergangenen Samstag, so neblig ist, daß man die nächste trübe Laterne auch nicht sieht, wird es spannend. Ich verlief mich.

Normalerweise ist das eine beängstigende Situation, und die Angst klopfte auch ganz kurz bei mir an. Ich atmete tief durch, dachte „Was soll schon passieren?“ und betete den Rosenkranz (laut, weil in einem Industriegebiet am Samstagabend niemand sich daran stört). Dabei merkte ich, wie ich immer fröhlicher wurde. Irgendwann kam ein Auto des Wegs, ich winkte, der Fahrer hielt tatsächlich und gab mir freundlich die richtige Auskunft, wie ich gehen musste. Es war nicht einmal allzu weit.

Ich wurde mit jeder Rosenkranzperle froher. Sollte doch irgendjemand außer mir in der Nähe gewesen sein, hat er sich vermutlich gewundert, wie laut und fröhlich Rosenkranzgebet klingen kann. Und dann erreichte ich das Hotel, ganz ruhig, ganz froh, ganz erfüllt. Was für eine Gnade!

Sollte also noch jemand behaupten, Rosenkranz sei etwas für alte Schachteln, kann ich ihm nur erwidern: Ja, auch, und was dabei herauskommt, sind frohe und furchtlose alte Schachteln. Es gibt vergleichbare Berichte von frohen und furchtlosen jungen Kerlen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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