Frau Bundschuh-Schramm, die Bibel und die Armen

Das Sonntagsevangelium (Mt. 21,28-31) ist eigentlich gar nicht so schwer verständlich.

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes:
„Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: „Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!“
Er antwortete: „Ja, Herr!“, ging aber nicht.
Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: „Ich will nicht.“ Später aber reute es ihn, und er ging doch.
Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?“ Sie antworteten: „Der zweite.“
Da sagte Jesus zu ihnen: „Amen, das sage Ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.“

Auf der Facebook-Seite des Bistums Rottenburg-Stuttgart gibt Frau Bundschuh-Schramm folgendes zum Besten:

„Die Dirnen und die Zöllner gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“
Leider ist das Reich Gottes nicht gekommen. Und die Dirnen und Zöllner, die Arbeitslosen und die Ausgegrenzten, die Benachteiligten oder die, die sich benachteiligt fühlen, haben stattdessen die AfD gewählt.
Schock! Aufschrei!
Aber das Evangelium spricht gar nicht zu den Zöllnern und Dirnen, sondern zu den anderen. Zu den Privilegierten, zu den Etablierten. Zum Beispiel zu mir. Die haben, so heißt es im Evangelium, den Weg der Gerechtigkeit zu wenig beschritten. Sie haben vieles deutlich gesehen, aber zu wenig gehandelt. Und jetzt beschweren sie sich, daß sie von den anderen die Quittung kriegen. Aber das Gleichnis im Evangelium, die Geschichte vom Vater, der seine beiden Kinder um einen Gefallen bittet, diese Geschichte sagt aus: Der Sohn, der zuerst nicht handeln wollte, kann es immer noch tun. Auch nach der Wahl.“

Wäre Frau Bundschuh-Schramm Verkäuferin oder Klempnerin oder Sportlehrerin (nichts gegen diese Berufe!) und hätte das auf ihrem privaten Internetauftritt gesagt, so hätte ich ihr vielleicht in einer Privatnachricht freundlich erklärt, was daran falsch ist. Aber Christiane Bundschuh-Schramm ist Doktorin der katholischen Theologie und Pastoralreferentin sowie nach eigener Aussage „Referentin für Spirituelle Bildung“. Damit ist sie verpflichtet, zu wissen, daß ihre auf einer Diözesanseite gemachte Aussage in fast jeder Hinsicht falsch ist.

„Leider ist das Reich Gottes nicht gekommen.“
Doch, ist es. „Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete Er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk. 17,20-21)

Pharisäer hören das Gleichnis von den zwei Brüdern und die Antwort auf die Frage nach dem Kommen des Gottesreiches. Beide Male können wir davon ausgehen, daß Sein Wort zumindest oberflächlich verstanden wird.

„Und die Dirnen und Zöllner, die Arbeitslosen und die Ausgegrenzten, die Benachteiligten oder die, die sich benachteiligt fühlen, haben stattdessen die AfD gewählt.“
Zunächst: Dirnen waren zwar ausgegrenzt und meistens wohl auch arm (allerdings dürfte es sich bei der in Lk. 7,36-50 genannten Sünderin um eine sehr wohlhabende Prostituierte handeln). Zöllner waren gerade deshalb so unbeliebt, weil sie reich waren – reich geworden durch Kollaboration mit der Besatzungsmacht und durch Korruption. Benachteiligt waren ihnen gegenüber die Pharisäer.
Sodann behauptet Frau Bundschuh-Schramm pauschal, die Benachteiligten, die Arbeitslosen zumal, hätten die AfD gewählt.
Ich war lange Zeit arbeitslos, und ich bin jetzt als freischaffende Autorin alles andere als wohlhabend. Die gesellschaftliche Auffassung der AfD liegt mir jedoch fern. Ich wähle so etwas nicht. Viele meiner Freunde und Bekannten sind finanziell in beklemmend schwieriger Situation. Soweit ich weiß, hat keiner von ihnen AfD gewählt (die meisten von ihnen haben sich mehrmals sehr heftig gegen diese Partei ausgesprochen).

„Schock! Aufschrei!“ Ja, Frau Bundschuh-Schramm, aber aus einem anderen Grund als Sie meinen. Zum Schreien schockierend ist, daß eine Doktorin der Theologie diesen Schmarrn von sich gibt.

„Aber das Evangelium spricht gar nicht zu den Zöllnern und Dirnen, sondern zu den anderen. Zu den Privilegierten, zu den Etablierten. Zum Beispiel zu mir.“ Natürlich spricht das Evangelium an jeder Stelle zu allen, aber in der Tat wendet Jesus sich hier zuerst an die Pharisäer. Also an Leute, die gegenüber den Dirnen in der Regel privilegiert sind, gegenüber den Zöllnern aber nicht. Es geht nämlich gerade nicht um Geld, sondern um den rechten Glauben. Und den findet der Herr bei dem Zöllner im Tempel (Lk. 18,9-14) und bei der bereits erwähnten Sünderin (Lk. 7,36-50), die Ihm die Füße salbte.
Natürlich spricht das Evangelium auch zu Frau Bundschuh-Schramm, aber eben nicht, weil sie ein regelmäßiges Einkommen hat (verglichen mit dem eines spätantiken Zöllners dürfte das ihre eher mager sein), sondern weil es sich an die Selbstgerechten wendet.
Was übrigens die Bibelkenntnis angeht, fühle ich mich Frau Bundschuh-Schramm gegenüber durchaus privilegiert – und weiß, daß das Evangelium auch mich angeht.

„Die haben, so heißt es im Evangelium, den Weg der Gerechtigkeit zu wenig beschritten. Sie haben vieles deutlich gesehen, aber zu wenig gehandelt.“

Hier scheint mir Frau Bundschuh-Schramm nicht mehr ganz zu glauben, daß sie selbst gemeint ist. Ist sie aber! Fangen wir mit dem einfachsten Stückchen Gerechtigkeit an – nichts über andere behaupten, was nicht stimmt. Zum Beispiel, daß sie alle AfD wählen.

„Und jetzt beschweren sie sich, daß sie von den anderen die Quittung kriegen.“
Wenn man logisch denken kann, wird man es selten als „Quittung“ für eigenes Fehlverhalten empfinden, daß andere Menschen anders wählen als man selbst. Ich finde das Wahlergebnis sehr bedauerlich und auch beängstigend, aber als Quittung für irgendetwas, was ich getan oder gelassen habe, kann ich es nicht ansehen. Ich bin sicher an vielem schuld, aber nicht an allem.

„Aber das Gleichnis im Evangelium, die Geschichte vom Vater, der seine beiden Kinder um einen Gefallen bittet, diese Geschichte sagt aus: Der Sohn, der zuerst nicht handeln wollte, kann es immer noch tun. Auch nach der Wahl.“ Nein, das sagt es nicht. Sondern es sagt: Taten sind wichtiger als Worte. Ein böses oder unachtsames Wort kann durch eine gute Tat vollkommen wieder gutgemacht werden. Ein Versprechen geben und nicht halten ist schlimmer als eine Bitte ablehnen und am Ende doch erfüllen.

Mit der Wahl hat das nichts zu tun, gleich wie bedauerlich deren Ergebnis sein mag. Nicht einmal mit der Berufswahl hat es zu tun. Obwohl ein Gleichnis von zwei Töchtern, die beide Theologie studierten, die eine bis zum Abschluß und die andere nicht, und die eine schrieb dann häretischen Unfug und die andere stellte es richtig, – also, obwohl so ein Gleichnis auch denkbar wäre.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Frau Bundschuh-Schramm, die Bibel und die Armen

  1. klimaleugner schreibt:

    In den Augen Frau Bundschuhs haben die Wähler die Erwartungen, die in sie gesetzt worden sind, nicht erfüllt. Aber ich kann Frau Schramm beruhigen: In den kommenden vier Jahren wird Frau Merkel so viele Neuwähler importieren, daß sich so eine Panne nicht mehr wiederholen wird.

    Kasner Aleikum

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  2. Gerd schreibt:

    Ich habe noch nie eine Universität von innen gesehen. Aber wenn ich höre und lese was dabei herauskommen kann, war die Entscheidung, ob bewusst oder unbewusst, gar nicht mal so schlecht. Unser Diakon, hauptberuflich ein Mediziner, verkündete in seiner Predigt: Wollen sie die wählen die auf Flüchtlinge schießen oder die sie mit offenen Armen empfangen? Nach seiner Logik wollen nun 5 Millionen Deutsche auf die Flüchtlinge schießen. Das Wahlergebnis kann bedauerlich oder beängstigend sein, ist aber bei genauer Betrachtung die logische Folge der Nichtpolitk unserer studierten Elite. Vom mir aus können wir eine Zeit lang von Klempner, Verkäuferinnen oder Sportlehrerinnen regiert werden. Wobei Lehrer ja auch ein Studium nachweisen sollten.

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  3. Gerd schreibt:

    Waren bestimmt studierte Leute:
    https://gloria.tv/album/4TiKDkERiGJ31qxePdFwYmdAQ

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  4. Herr S. schreibt:

    Sie haben mit Ihrer Kritik an der rein vordergründigen politisch-innerweltlichen Auslegung des heutigen Evangeliums durch Frau Bundschuh-Schramm völlig recht, sehr geehrte Frau Claudia Sperlich.

    Gottlob gibt es noch bibelkonforme christlich-fundierte Deutungen dieses ernsten Evangeliums – z.B. gestern Abend durch unseren fast 80jährigen Priester:

    Demnach kommt es nicht nur allein auf das Lippenbekenntnis zu Gottes Wort und Forderung an, sondern eben gerade auch auf das entsprechende Tun des einzelnen von Gott Angesprochenen.

    Folgen den zusagenden Worten zu Gottes Bitte keine Taten, so erfüllt man eben Gottes Willen NICHT.

    Ein Sünder dagegen, der umkehrt und sich bekehrt und dann auch entsprechende Taten folgen lässt [z.B. der barmherzigen Nächstenliebe], hat dann diesbezüglich eben letztlich doch Gottes Willen erfüllt.

    Auch wenn er/sie vorher durch seine Ablehnung vielleicht ein schwerer Sünder war…

    Für so jemanden besteht doch zumindest eine Chance, ins Himmelreich zu gelangen.

    Während die erstgenannten Heuchler nur wegen ihrer Lippenbekenntnisse ohne entsprechende Taten der Barmherzigkeit (Mt25) bzw. Nächstenliebe die einstige Teilhabe am Himmel verfehlen könnten, wenn sie sich nicht auch noch entsprechend bekehren.

    Gerade wir gläubigen Christen müssen uns immer wieder selbstkritisch hinsichtlich unseres Tuns und Unterlassens guter Werke hinterfragen.

    Denn nur diese zählen letztendlich vor Gott und nur durch sie können wir im Gericht bestehen, auch wenn wir selbst dann wohl noch auf Gottes Gnade – Sola gratia! – angewiesen sein dürften.

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