Wer entscheidet, ob ein Leben gelebt werden darf?

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 98.721 Kinder vor der Geburt getötet. Pro Arbeitstag 390. Die Zahl der Geburten lag bei 760.652. Das bedeutet: Auf sieben bis acht lebende Kinder kommt eines, das vor der Geburt getötet wurde.
Im ersten Quartal 2017 stieg die Zahl der Abtreibungen im Vergleich zum ersten Quartal 2016 um 1,3 % an auf 26.600. Noch einmal: In drei Monaten 26.600 Kinder, die vor der Geburt getötet wurden.
Quelle 1
Quelle 2

Die insgesamt leicht sinkende Zahl der Abtreibungen wird gerne benutzt, um zu zeigen, wie günstig sich die leichte Zugänglichkeit von medizinisch fachgerechten Abtreibungen auf die Gesamtzahl auswirkt. Aber wenn ich sehe, daß der Marsch für das Leben Jahr für Jahr größer wird, liegt es ja vielleicht auch daran, daß mehr und mehr Frauen (und sicher auch Männer) begreifen, was Abtreibung ist – die Beseitigung eines Menschen. Und daß sich deshalb immer weniger Frauen entscheiden oder von irgendjemandem dahingehend bearbeiten lassen, ihr Kind „wegzumachen“.

Dennoch ist jede einzelne Abtreibung zu viel. 390 Kindstötungen pro Arbeitstag – darauf kommt diese Statistik heraus – sind gegenüber 400 Kindstötungen pro Arbeitstag wenige Jahre vorher kein so überragender Fortschritt.

Wenn es die sozial akzeptierte Möglichkeit zur Abtreibung gibt – im Falle von Behinderung des Kindes oder der Mutter bereits die sozial geforderte Möglichkeit -, dann folgt automatisch, daß jede Schwangere sich entscheiden muss. Wirklich jede! Frauen in deutlich schwierigen Situationen, behinderte Frauen oder Frauen, deren Kinder voraussichtlich sehr krank oder behindert sind, müssen sich bereits vor der Gesellschaft (oft auch vor der Familie) rechtfertigen, warum sie ihr Kind nicht abtreiben. Aber im Grunde ist bereits jetzt jede Schwangere hierzulande in eine Situation des Wählen-Müssens gedrängt. Denn wenn überhaupt entschieden werden kann, ob dies Kind lebenswert ist, dann muss auch entschieden werden.

Die meisten Frauen entscheiden sich ohne weitere Überlegung für ihr Kind, und viele nach mehr oder weniger schwieriger Überlegung auch – einfach weil die meisten Menschen instinktiv wissen, daß da ein Kind ist, über dessen Leben sie nicht verfügen können, und daß der Mutterleib keine Rumpelkammer ist, die man leerräumen kann, wenn der Inhalt nicht passt.

Viele, wenn nicht die meisten Frauen, die vor einer Abtreibung stehen, entscheiden das nicht in völliger Freiheit selbst. „Das kannst du dir doch jetzt nicht zumuten“, „Ich verlasse dich, wenn du das Kind bekommst“, „Du hältst das seelisch/körperlich/finanziell nicht durch“, „Denk bloß nicht, wir helfen dir“, „Aber das Kind wird leiden“, „Du schaffst die Ausbildung nicht“, „Das ist doch heutzutage nicht nötig“, „Du wirst dem Kind nichts bieten können“ – das sind alles „Argumente“, mit denen zahlreiche Schwangere konfrontiert sind. Von Partnern, Familien, Kollegen, Freundinnen, Nachbarn.

Ich habe auch schon erlebt, daß eine Frau verzweifelt Argumente für die Beseitigung ihres Kindes suchte – der gerade laufende Hausbau war das wichtigste davon. Aber so krasse Einstellungen bei Schwangeren sind eher selten. Meistens sind die Argumente anderer ausschlaggebend für eine Abtreibung – so jedenfalls meine kurze Erfahrung in einer Beratungsgruppe sowie die Aussagen zahlreicher Menschen, die in der Schwangerenberatung wirklich Erfahrung haben.

Wer entscheidet über das Leben des Kindes?
Das Kind als Hauptbetroffener gar nicht. Die Mutter in vielen Fällen zuletzt.
Es entscheidet eine kaltschnäuzige, unsoziale Gesellschaft, die „so etwas“ Karrierehemmendes, Armes, Behindertes, irgendwie Unpassendes nicht „durchfüttern“ will.

Am 16. September ab 13.00 Uhr findet wieder der Marsch für das Leben statt. Ich werde dabei sein. Sie auch? Vorher, um 10.00 Uhr, findet in St. Marien-Behnitz ein Requiem für die Ungeborenen statt – auch dazu lade ich herzlich ein.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Wer entscheidet, ob ein Leben gelebt werden darf?

  1. name schreibt:

    „Ich habe auch schon erlebt, daß eine Frau verzweifelt Argumente für die Beseitigung ihres Kindes suchte – der gerade laufende Hausbau war das wichtigste davon. Aber so krasse Einstellungen bei Schwangeren sind eher selten. Meistens sind die Argumente anderer ausschlaggebend für eine Abtreibung – so jedenfalls meine kurze Erfahrung in einer Beratungsgruppe sowie die Aussagen zahlreicher Menschen, die in der Schwangerenberatung wirklich Erfahrung haben.“

    Hierbei ganz arg aufpassen, dass man sich bei der Häufigkeit nicht verschätzt.

    Denn KEINE Beratungsstelle bekommt einen sauberen Querschnitt aller Schwangeren zu sehen, sondern die Schwangeren treffen vielfach je nach ihrer Situation und Einstellung eine eigene Wahl.

    Einfaches Beispiel, eine Schwangere, die mit sich hadert und unter Druck ist, aber dennoch meint, dass ihr ungeborenes ja eigentlich ein Recht hat, zu leben, und die deshalb eine Abtreibung eigentlich vermeiden will, wird vielleicht alleine deshalb eher zu Donum Vitae oder Diakonie als zu ProFamilia gehen, weil erstere sich jeweils unmittelbar (z.b. auf ihren Webseiten) dazu bekennen, dass es auch um die ungeborenen geht; ProFamilia vermeidet hingegen sorgfälstigst den Eindruck, ungeborene seien irgendwas anderes als „wertlose Zellhaufen“.

    Eine Schwangere, die ihr ungeborenes nun gerade nicht als „wertlosen Zellhaufen“ ansieht, wird also eher bei Diakonie oder Donum Vitae landen als bei ProFamilia; umgekehrt wird eine Schwangere, die ihr ungeborenes gerade so sieht, vielleicht eher zu ProFamilia neigen, z.b. weil sie bei Diakonie oder Donum Vitae „christliches Moralgequatsche“ fürchtet, statt einfach schnell ihren Schein zu bekommen.

    Dies gilt natürlich umsomehr bei Beratungsstellen außerhalb des staatlichen Scheinberatungssystems, die sich klar zum Lebensrecht ungeborener bekennen.

    Und das zu vergessen, führt teilweise wirklich zu Überzeugungen, die vermutlich falsch sind.

    Z.b. hat 1000plus im glaube ich Jahresbericht für 2015 angegeben, dass sowas wie 80% der Schwangeren, DIE SICH BEI 1000plus MELDEN, unter Druck gesetzt würden.

    Auf einer Mahnwache von Lebensrechtlern habe ich dann gehört, dass eine Sprecherin sagte, dass 80% ALLER Schwangeren im Konflikt unter Druck gesetzt werden; hellhörig habe ich nachgefragt, woher sie das denn so genau wisse; sie verwies auf genau 1000plus; ich konnte ihr leider nicht klar machen, dass sie damit mgl. Unfug erzählt; denn wir wissen nicht, ob sich nicht vielleicht Schwangere, die unter Druck gesetzt werden, viel eher bei 1000plus melden als andere; dann würden die 80% von 1000plus wenig über Druck gegenüber ALLEN Schwangeren im Konflikt aussagen.

    Und mit so einem potentiellen Fehler macht man sich natürlich angreifbar; denn z.b. wenn ProFamilia ihre „Beratungskundschaft“ nach Druck fragt, würden ziemlich sicher niederigere Zahlen rauskommen (wiederrum vielleicht zu niedrig, wenn Schwangere unter Druck ProFamilia meiden, wozu ich raten würde); dann steht man ruckzuck da als würde man Zahlen übertreiben.

    (Das ist natürlich alles nicht schuld von 1000plus; denn das die erstmal angeben, wieviel Prozent der Schwangeren, die sich bei ihnen melden, erheblich unter Druck gesetzt werden, ist ja gut; nur muss man halt darüber nachdenken, was die Zahl aussagt)

    Und selbiges gilt natürlich auch für die Beratungsgruppe bei der die hiesige Bloggerin war; eventuell gibt es da auch einen „selection bias“, also vorsichtig beim Ableiten von Aussagen über alle Konfliktfälle.

    Ich persönlich vermute, dass sowas wie 20-50% der Schwangeren, die abtreiben, zuvor in relevanter Weise unter Druck gesetzt wurden; womit dann mit 20000-50000 ungeborenen Menschen, die sterben mgl. nur weil das Umfeld der Schwangerne es so will, immer noch genug Handlungsbedarf bestünde.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für diesen Hinweis. Ja natürlich, es ist aus den von Dir dargelegten Gründen wohl fast unmöglich, eine einigermaßen genaue Prozentzahl zu nennen.
      Allerdings kann man wohl immer noch sagen: ein signifikanter Prozentsatz von Frauen wird unter Druck gesetzt.
      Zuletzt aber – auf jeden Fall darf man wohl davon ausgehen, daß die meisten Schwangeren gar nicht zu einer Beratungsstelle gehen, ganz einfach weil sie ihr Kind behalten wollen. Das soll man nicht vergessen und dankbar dafür sein.

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  2. Pingback: 2017-09-09 | Wer entscheidet, ob ein Leben gelebt werden darf? | Gebetsgruppe Aachen

  3. POSchenker schreibt:

    Hat dies auf POSchenker rebloggt.

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