Niemand ist Menschenmüll.

Im Zusammenhang mit einem unfassbar scheußlichen Verbrechen an Kindern las ich eine Art Verteidigung des Wortes „Menschenmüll“. Meine Entgegnung, dass auch solche Verbrecher nicht so bezeichnet werden dürfen, wurde energisch und zugleich sentimental („Haben Sie Kinder?“) erwidert.
Ich möchte einerseits nicht erklären, warum ich gegen die Bezeichnung von Menschen als Müll bin. Andererseits scheint es nötig.

1. Wenn ich Menschen als „Menschenmüll“ bezeichne, dann spreche ich ihnen das Menschsein ab. Müll ist nicht jemand, sondern etwas. Müll kommt in die Tonne, den Müllschlucker, wird geschreddert, verbrannt. Wer Menschen Müll nennt, billigt ihre Vernichtung nicht nur, er empfiehlt sie – zumindest legt der Sprachgebrauch das sehr nahe.

2. Wenn die Scheußlichkeit eines Verbrechens eine Rolle spielt dabei, ob man den Täter als Müll bezeichen darf, dann stellt sich die Frage: Ab wie scheußlich darf man?
Ist Müll bereits, wer die Kinder anderer Leute abtreibt, oder erst, wer sie in einem Konzentrationslager vergast, oder ist vom Vergasen bis zum Vergewaltigen und zu weiterer Vergewaltigung vermieten (um diesen Fall geht es) noch ein wesentlicher Abstand in Sachen Scheußlichkeit? Darf man auch in geringeren Fällen von Menschenmüll reden? Langt ein einziger Mord, oder ein einziger erledigter Killerauftrag? Wenn ja – geht es auch noch billiger? Wäre ein Bankräuber am Ende auch Menschenmüll, oder geht das nur mit Geiselnahme?
Sie sehen – die Frage ist absurd. Wenn man das Wort „Menschenmüll“ gebrauchen will, dann muss man sich auch fragen lassen: Warum in diesem Fall, und in jenem nicht?

3. Was tut man den Opfern jener Verbrecher an? Sie wurden (laut Ermittlungen in mindestens einem Fall von ihrem eigenen Vater) zum Mißbrauch herumgereicht und dabei gefilmt. Das ist grauenhaft. Da müssen Kinder damit leben, daß sie ihrem Vater nicht vertrauen können, und daß er im Gefängnis sitzt (wo er unbedingt auf lange Zeit hingehört, aber dennoch ist es für ein Kind alles andere als leicht, einen Vater im Gefängnis zu haben). Sie müssen damit leben, einen bösen Vater zu haben. Wenn man jetzt auch noch sagt „Dein Vater ist Menschenmüll“, erklärt man sie damit nicht zu Monstern, halb Mensch und halb Müll?

4. Wenn wir Menschen als Menschenmüll bezeichnen, können wir nicht zugleich sagen, daß Gott jeden Menschen von vornherein gewollt hat – oder wir werfen Ihm Pfuscherei vor, die Produktion von Ausschuss. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Eine böse Tat ist niemals gottgewollt. Aber der Täter ist immer ein Mensch, der durch Gottes Willen lebt. Warum Gott extreme Übel zuläßt, warum Er dem freien Willen so wenige Schranken gesetzt hat, weiß ich nicht. Aber irgendjemanden Menschenmüll zu nennen, und zwar nicht nur im ersten Entsetzen über diese Tat, sondern in einer wohlerwogenen Erklärung, warum diese Bezeichnung völlig richtig sein soll, ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Niemand ist Menschenmüll.

  1. Gerd schreibt:

    Was würde Herr Kelle sagen, wenn die Teilnehmer der „Demonstration für das Leben“ in Berlin, die ja nach eigenen Angaben immer friedlich verläuft, den Gegendemonstranten das Wort „ihr seid Menschenmüll!“ entgegen schleudern würden? Und warum beten wir an jedem Ende eines Ave Marias nicht: „Hl. Mutter, Gottes bitte für uns Menschenmüll, jetzt und in der Stunde unseres Todes!?“
    Und warum kann jeder „Menschenmüll“ von seinen Sünden gereinigt werden und danach seine Seele weißer strahlen als der Schnee? Und, und, und…….
    Ich gebe ihnen uneingeschränkt recht, Frau Sperlich.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Oh, nachdem mir auf Herrn Kelles Seite bereits unterstellt wurde, Abtreibungen gleichgültig gegenüberzustehen, bin ich nicht sicher, daß dies Argument dort verstanden wird.

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  2. Gerd schreibt:

    Eigentlich ist der Artikel von Herrn Kelle überflüssig wie ein Kropf. Niemand braucht so etwas. Am wenigsten Herr Kelle. Schade drum.

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  3. Gabriele v. Fuchs schreibt:

    Menschenmüll – white trash in den USA – gerade im Zusammenhang auch mit dem Wahlkampf von D. Trump öfter genannt, ist m.E. ein Instrument des Teufels. Menschen werden zu Unmenschen deklariert und damit zu Freiwild für Gewalt. Wir Menschen haben immer die Freiheit, uns für oder gegen Gottes Willen zu entscheiden. Jede Sekunde unseres Lebens. Darum geht es. Wer sich sehr bewusst dagegen entscheidet, ist ein Monster, ein Teufel, ein Verbrecher, aber kein Menschenmüll. Er gehört bestraft und weggeschlossen. Neulich lief eine Doku auf einem Sender über Schwerverbrecher, die sicherheitsverwahrt waren, die sich interviewen ließen. Viele sagten ganz klar, sie wollten nicht mehr hinaus, sie könnten auch nicht garantieren, dass sie nicht wieder rückfällig würden. Das fand ich sehr bemerkenswert. Das war kein Menschenmüll. Das waren Menschen, die zu Verbrechern geworden sind und die Konsequenzen dafür tragen, mal mehr mal weniger bewusst.

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