Ist es jetzt mal gut mit dem Gendern?

Der Evangelische Kirchentag hat einiges Sonderbare vorgebracht. Dazu gehört, wie ich eben erfuhr, ein gegendertes Liederbuch, in dem Matthias ClaudiusAbendlied in selbstgerechter Sprache verdorben wurde. Die letzte Strophe lautet

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Und was machen diese nichtsnutzigen Sprachverderberinnen daraus?

So legt euch, Schwestern, Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und alle kranken Menschen auch!

Das tut weh, schon beim Abschreiben. Der fromme protestantische Pfarrerssohn wird von Personen, die sich für evangelisch halten, in den Schmutz gezogen, und dabei glauben sie noch, ihm und uns etwas Gutes zu tun.

Lieber Dichterkollege Matthias Claudius, schauen Sie bitte wohlwollend auf meine Replik. Ich nehme zwar an, daß Sie, verehrter Herr Claudius, mittlerweile über alle Rancüne erhaben sind, ich aber noch nicht.

An die Genderinnen des EKT

Der Teig ist aufgegangen,
Die Fliegen, drin gefangen,
Man für Rosinen hält.
Den Dichtern müßt ihr zeigen –
Ach würdet ihr doch schweigen! –
Wie man verbessert diese Welt.

O hört doch auf zu gendern!
Müßt ihr denn alles ändern,
Was vormals kunstvoll klang?
Das Denken und das Dichten
Versteht ihr doch mitnichten,
Verderbt nur guten Kirchensang.

Hört auf, euch zu erfrechen,
Den Dichtern Hohn zu sprechen,
Dem reichen Liederschatz!
Wollt ihr sein Luthers Erben,
Lasst Claudius nicht sterben
Und macht gefälligst Gerhardt Platz!

© Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Ist es jetzt mal gut mit dem Gendern?

  1. Thomas Jakob schreibt:

    Mir war das nicht aufgefallen. Ich habe im Liederbuch nachgesehen. Dort ist der Originaltext von Matthias Claudius abgedruckt. Darunter gibt es einen Absatz „Variationen/Alternativen in gerechter Sprache:“, in dem sich die zitierten veränderten Verse finden. Ich bin kein großer Freund dieser Art von Sprachpflege, aber in dieser Form ist das nichts, worüber ich mich empören müsste.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich finde es einfach albern, Veschlechterungen eines guten Gedichtes darunterzusetzen. Das bedeutet ja auch implizit: Wir, die Macher des Liederbuches, halten eine signifikante Menge von EKT-Besuchern für zu stulle, mit Literatur umzugehen.

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  2. Gerd schreibt:

    Wie gut hatten es da die Verfasser der Apostelbriefe, sie erachteten ihre Leser für weniger stulle mit der Anrede „Brüder“ auch die Schwestern zu erreichen. Und das alles ohne Ideologie.

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  3. Wolf-Dieter Steinmann schreibt:

    Sehr geehrte Frau Sperlich
    Was ist das für ein Blogging? Haben Sie das Liederbuch tatsächlich gesehen? Mir scheint das undenkbar, sonst könnten Sie ich behaupten es wurden Lieder umgeschrieben. Das Liederbuch gibt ausschließlich zuerst die Originale wieder und macht dann – in Anmerkungen – wenige Vorschläge, doch mal Varianten zu probieren.
    Ich fände es angemessen, wenn Sie das Kriterium der Wahrhaftigkeit nach diesem Blogeintrag ernster nehmen würden.
    Wolf-Dieter Steinmann

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      In der Tat bezog ich mich auf den velinkten Artikel der FAZ (nachprüfbar). Sodann habe ich das, was Sie kritisieren, bereits weiter oben (Antwort auf Thomas Jakob) erklärt. Ich wiederhole:
      Ich finde es einfach albern, Veschlechterungen eines guten Gedichtes darunterzusetzen. Das bedeutet ja auch implizit: Wir, die Macher des Liederbuches, halten eine signifikante Menge von EKT-Besuchern für zu stulle, mit Literatur umzugehen.

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      • Supersansa schreibt:

        Warum genau macht „Schwestern, Brüder“, oder meinetwegen auch „Und alle kranken Menschen auch“ Ihrer Meinung nach zu einer Verschlechterung des Liedtextes?
        Sie ranten lustig vor sich hin, aber eine Begründung fehlt mir in Ihrem Text.

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  4. Hansjörg Schrade schreibt:

    Herzlichen Dank für diesen Blogbeitrag und herzlichen Glückwunsch zu den 810 Likes unter Ihrem Leserkommentar im FAZ-Artikel – so bin ich erst auf diese Seite gestoßen.
    Viele Grüße vom evangelischen Freikirchler.

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  5. Supersansa schreibt:

    Tja, meine Schwester und ich singen seit fast 30 Jahren „Schwestern, Brüder“.
    Damals fanden wir beide, übrigens von jeglicher feministischer Erziehung unbeleckt, dass wir in dem Lied einfach nicht gemeint waren. Denn wir waren nun mal keine Jungs, sondern Mädchen. Und ein Lied, das sich an „Brüder“ richtete, richtete sich nicht an uns.
    Da wir aber dieses Lied sehr liebten, ließen wir uns eine Version einfallen, die auch uns einschloß.
    Ob das eine „Verschlimmbesserung“ war oder nicht, war uns egal. Wir konnten das Lied so aus vollem Herzen singen, weil der Text auch für uns galt. Das war uns damals wichtig – und genau so singe ich das Lied heute meiner Tochter vor, die es übrigens mit ihren 20 Monaten stellenweise auswendig kann.
    Es ist mir lieber, ihr über einen leicht abgewandelten Text den Zugang zu diesem Lied, das mir sehr viel bedeutet, gut zu ermöglichen, als einen lang verstorbenen Matthias Claudius durch 100%ige Texttreue zu ehren – wovon weder dieser noch meine Tochter etwas hat.

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