Die Würde des Fieslings ist unantastbar

Gleich ob Menschen Polizisten in einen Hinterhalt locken, um sie mit Steinen zu bewerfen, oder ob Menschen Christen zu Tode bringen, oder ob Menschen jede auch nur ansatzweise christliche Äußerung verbieten und Verstöße gegen dieses Verbot lebensgefährlich sind – gleich ob Menschen noch andere mehr oder weniger scheußliche Verhaltensweisen an den Tag legen: Sie sind und bleiben Menschen.

Selbstverständlich gilt meine Sympathie zuerst den Opfern, ob das nun Berliner Polizisten oder ägyptische Christen oder deutsche Caritasmitarbeiter in Nordkorea sind (oder irgendwelche anderen körperlich und seelisch mißbrauchten Menschen). Ich pflege mich bei Gewalttaten nicht als erstes hinzusetzen und die armen Täter ob ihrer schweren Kindheit zu bejammern. Ich stelle aber im öffentlichen Diskurs, in sozialen Medien, aber auch in analogen Gesprächen, fest, daß Tätern gerne das Menschsein abgesprochen wird. Mehr noch, wer Gewalttätern der höheren Kategorie (also mit einer mindestens zweistelligen Opferbilanz) Grundrechte und die dem Menschen immanente Würde nicht absprechen will, wird als Sympathisant angesehen, zumindest aber als Dummkopf.

Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ stimmt aber immer, sowohl aus rechtlicher Sicht in demokratischen Staaten als auch aus philosophischer und aus christlicher Sicht. Sobald sich die Annahme durchsetzt, daß „die Würde der meisten Menschen unantastbar“ sei, sind wir auf dem besten Weg zur Überzeugung, daß „die Würde der wenigsten Menschen unantastbar“ zu sein hat. Auf diesem schlechtesten aller Wege sind wir, und leider gehen auf diesem Weg auch Menschen, die sich für besonders fromme Christen oder für besonders rechtschaffene Staatsbürger halten. Menschen, die das Christentum für verabscheuungswürdig halten, haben diesen Weg schon längst vom Trampelpfad zur mehrspurigen Straße ausgetreten.

Ich bin es leid, mich in Debatten darüber einzubringen, ob die Menschenwürde nicht doch ein bißchen antastbar sei, in diesem oder jenem besonderen Fall, ob man nicht vielleicht doch hie und da ein wenig foltern oder ein klitzekleines bißchen Selbstjustiz üben solle.

Ich bin es immer noch nicht leid, für Menschen, die vermutlich erheblich schlechter sind Schlechteres tun als ich selbst, zu beten. Das ist übrigens sehr empfehlenswert. Glauben Sie, dieser oder jener Mensch sei eigentlich kein richtiger Mensch, sondern ein *beliebiges grobes Schimpfwort einsetzen*, bitten Sie Gott, diesen Menschen zu segnen. Und dann stellen Sie sich vor, ein vom Herrn Gesegneter wird unmenschlich behandelt.

Selbstverständlich brauchen wir, solange die Welt nun einmal so ist, wie sie ist, Strafjustiz. Es ist leider notwendig, Menschen einzusperren oder mit anderen Strafen zu belegen, die ihre Freiheit zum groben Schaden anderer mißbrauchen. Aber das bedeutet eben nicht, ihnen das Menschsein und die Menschenwürde abzusprechen – es darf dies nicht bedeuten, sonst ist jedes Strafrecht absurd.

Wer die Menschenwürde nicht absolut setzt, kann sie in keinem Fall verteidigen.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Katholonien, Weltliches abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Würde des Fieslings ist unantastbar

  1. Gerd schreibt:

    Ich denke, dass jemand der eine wie immer geartete Straftat vollzieht, sich selber etwas von seiner Würde raubt. Aber das ist vermutlich eine andere Diskussion.

    Gefällt 1 Person

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Sofern es sich nach rechtsstaatlichen und moralischen Maßgaben um eine Straftat handelt (bedenke: In Saudi-Arabien wäre es eine Straftat, wenn eine Frau Auto fährt), stimme ich zu.
      Aber das ist in der Tat eine andere Diskussion.

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.