Der Diözesanrat und das Lebensrecht

Der Diözesanrat von Berlin hat beschlossen, den Marsch für das Leben nicht zu unterstützen. Josef Bordat berichtete bereits darüber.

Ich habe an den Diözesanrat gemailt und gefragt, wie es zu dieser sonderbaren Entscheidung kommen konnte. Heute bekam ich Antwort. Darin heißt es:

Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin hat auf seiner Vollversammlung am 13. Mai 2017 das Thema: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ ausführlich beraten und dazu einen Beschluss befasst. … Von Mitgliedern der Vollversammlung des Diözesanrates wurden Anträge eingebracht zu den Themen:
• „Katholische Theologie in Berlin stärken“
• „Unterstützung Marsch für das Leben“.
… Der Antrag „Unterstützung Marsch für das Leben“ wurde von der Vollversammlung des Diözesanrates klar abgelehnt.

Der Antrag „Unterstützung Marsch für das Leben“ hat folgenden Wortlaut:

„Die Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin setzt sich für den Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang bis zum Ende ein. Euthanasie, genetische Selektion, das Töten von Menschen lehnen wir ab. Die Vollversammlung unterstützt daher ausdrücklich den überkonfessionellen und überparteilichen Marsch für das Leben am 16. September 2017 in Berlin und ruft die Gläubigen des Erzbistums Berlin zur Teilnahme daran auf. Die Priester des Erzbistums bitten wir in Vermeldungen auf den Marsch für das Leben hinzuweisen und die Gläubigen im Gebet für die Anliegen des Marsches zu unterstützen.“

In der Diskussion dazu gab es eine Gegenrede mit folgendem Inhalt:

„Das hier zur Rede stehende Anliegen hat einen ernsten Hintergrund. Es lässt niemand kalt, dass in Deutschland knapp 100.000 Kinder abgetrieben werden. Und auch wenn aktuell ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist, so kann und darf diese Situation nicht kommentarlos hingenommen werden, sondern bedarf, wie etwa der Umgang mit der immer ausgefeilteren Pränataldiagnostik, einer kritischen und öffentlichen Diskussion. Dabei sind ethische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Aspekte des Themas zu beleuchten und auch die Beweggründe der Frauen und Männer zu verstehen, die sich gegen ihr Kind entscheiden.
Ein erheblicher Teil der Befürworter des Marsches für das Leben lassen meines Erachtens diese differenzierte Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema vermissen. So wird bspw. weder die Not von Frauen nach Vergewaltigung und bei lebensgefährdenden Schwangerschaften in den Blick genommen noch die schwierige Debatte zur Sterbehilfe bzw. die Abwägung zwischen dem freien Willen eines Menschen und dem Schutzanliegen der Gesellschaft. Aus gutem Grund gilt Suizid in Deutschland nicht mehr als Straftatbestand!
Lebensrecht und Würde sind allen Menschen gegeben, dem ungeborenen Kind genauso wie der werdenden Mutter, dem werdenden Vater. Eine gegenseitige Aufrechnung verbietet sich genauso wie ein Ignorieren des Leidens der Betroffenen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass es engagierte Katholikinnen und Katholiken nicht zuletzt aus dem Erzbistum Berlin waren, die mit der Gründung von donum vitae dafür kämpften, dass die betroffenen Menschen in ihrer Not nicht allein gelassen werden.
Eine Stigmatisierung der Frauen kann genauso wenig im Ansinnen des Diözesanrates sein wie eine Verkürzung oder gar Radikalisierung in der sicherlich immer wieder neu notwendigen Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Der Marsch für das Leben versammelt aber leider nicht wenige Menschen, die genau dies tun.
Ich beantrage deshalb, den Antrag in der vorliegenden Form abzulehnen und das Thema in unsere Sachausschüsse zur weiteren Bearbeitung zu überweisen.“
Nach der Aussprache erfolgte die Abstimmung über den Antrag. Bei zwei Ja-Stimmen und neun Enthaltungen stimmte die große Mehrheit der Mitglieder der Vollversammlung gegen den vorliegenden Antrag und lehnte ihn somit ab.

Man muß es sich auch wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Der Heilige Vater sendet den Organisatoren eine Grußadresse, erklärt sich solidarisch und betet für alle Teilnehmer sowie natürlich für die, um deretwillen der Marsch für das Leben stattfindet – Schwangere in Not und Ungeborene. Erzbischof Koch schließt sich an, ja, er geht in vollem Ornat mit – und noch mehrere Bischöfe und zahlreiche Priester nehmen am Marsch für das Leben 2016 in Berlin teil.

2017 fällt die große Mehrheit des Berliner Diözesanrates ihrem Bischof und dem Heiligen Vater in den Rücken mit einer verschwurbelt-sentimentalen Begründung, die die Argumente der neben jedem MfdL zu hörenden linken Protestgröler übernehmen. „Zahlreiche“ Leute, die auf dem Marsch für das Leben gegen Abtreibung und Euthanasie eintreten, sind dem Diözesanrat nicht recht, weil sie (angeblich) nicht deutlich genug auf die Not vergewaltigter Frauen eingehen. Oder auf das Selbstbestimmungsrecht Depressiver. Wohlgemerkt: beides sind höchst wichtige Themen. Allerdings sind Abtreibungen wegen Vergewaltigung ein verschwindend geringer Anteil aller Abtreibungen. Und die Selbstbestimmungsfähigkeit Depressiver ist stark eingeschränkt (als geheilte ehemals Depressive weiß ich das sehr genau). Vor allem aber sagt die Mehrheit des Diözesanrates: „Da sind aber viele Leute bei, die wir irgendwie gar nicht mögen, die sind pfui, da machen wir nicht mit.“

Tatsache ist: Auf jedem Marsch für das Leben sind Vertreter von Hilfsorganisationen, die Schwangeren in Not und auch Frauen, die nach einer Abtreibung den Boden unter den Füßen verlieren, wirkliche Hilfe leisten. Bei der Kundgebung wird immer mit großer Empathie auf die Not der betroffenen Mütter eingegangen. Vom „Ignorieren von Leid“ kann wahrlich keine Rede sein! Mütter, die abgetrieben haben, kommen zu Wort – und auch Menschen, die ohne Schwierigkeiten hätten abgetrieben werden können, weil sie ein Chromosom mehr haben als die meisten Leute. Auf jedem Marsch für das Leben sehe ich friedvolle Menschen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, einige mit mehr oder weniger ausgeprägten Behinderungen. Auf jedem Marsch für das Leben sehe ich auch Leute, die mir nicht besonders sympathisch sind – mit ihnen verbindet mich dann das Ziel, dem Lebensrecht eine Stimme zu geben. Ich habe über den ein oder anderen Teilnehmer auch ziemlich unfreundliche Gedanken gehabt – bei über sechstausend Menschen kann das schon mal passieren. Trotzdem habe ich meinen Ordnerdienst gemacht und werde ihn, so Gott will und ich lebe, auch heuer tun.

Wer seine Hausaufgaben leider nicht gemacht hat, ist der Diözesanrat von Berlin (minus zwei seiner Mitglieder). Alsdann, liebe Diözesanräte und -rätinnen:

Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. (Eph. 4,2-3) Damit ist nicht gemeint, daß der Diözesanrat im eigenen Saft schmoren soll, sondern daß er sich mit dem katholischen Teil der katholischen Kirche irgendwie zusammenraufen muß. (Soviel zur Stärkung der Theologie.)
Und gehorcht gefälligst dem Heiligen Vater und Seiner Exzellenz dem Erzbischof von Berlin. Andernfalls besteht der Verdacht auf Häresie. Ist das jetzt mal klar?

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Der Diözesanrat und das Lebensrecht

  1. Wiebke M Eynaud schreibt:

    Es ist traurig, wenn man das Anliegen des Lebensschutzes vor Vertretern der Kirche verteidigen muss. Danke, dass Sie sich so entschieden einsetzen.

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  2. Gerd schreibt:

    >>Es lässt niemand kalt, dass in Deutschland knapp 100.000 Kinder abgetrieben werden.<<

    Genau und deswegen sieht man sich nicht imstande an einem Marsch für das Leben teilzunehmen. Wenn hier mal nicht der Vater der Lüge kräftig am Werk ist. Im Grunde genommen ist es den überwiegenden Mitgliedern des Diözesanrates vollkommen schnuppe, was mit 100 000 ungeborenen Kindern in Deutschland passiert. Mehr Kälte geht nun wirklich nicht.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich möchte den Diözesanratsleuten zugestehen, daß sie Abtreibungen entsetzlich finden. Sie benehmen sich aber wie die Kinder: Wenn einer unter den 7000 im MfdL ist, den sie nicht mögen, gehen sie nicht mit. Das ist ganz einfach unerwachsen.

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  3. Gerd schreibt:

    Man stelle sich vor: Es gehen nur noch Fans ins Fußballstadion, die sich mögen.

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  4. Claudia Leitner schreibt:

    Mit Verlaub- den abschließenden Satz „gehorcht gefälligst ….dem Erzbischof von Berlin“ finde ich etwas abwegig. Beim MFDL handelt es sich letztlich (auch) um eine Veranstaltung mit politischen Forderungen, die ich als Katholikin unterstützen kann oder auch nicht – unabhängig davon was der Bischof sagt. Der Salzburger Bischof Laun hat ja auch eine öffentliche Wahlempfehlung für die rechtsextreme FPÖ abgegeben – das müsste dann ja im Umkehrschluss bedeuten, dass ein Salzburger Katholik die FPÖ wählen müsste um nicht ungehorsam zu sein.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wenn der Erzbischof von Berlin die Berliner Katholiken um Teilnahme bittet und selbst auch mitgeht, ist es eine Unverschämtheit, als katholische Organisation den MfdL offiziell abzulehnen.
      Das und nichts anderes meine ich. Deinen anderen Kommentar, den mit dem persönlichen Angriff an einen Diskutanten, habe ich, wie Du siehst, nicht zugelassen. Weitere Kommentare von Dir werde ich auch nicht zulassen. Ich glaube, Du kannst erahnen, warum – wenn nicht, macht es auch nichts.

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