Dichterin oder Dichter? Zum generischen Maskulinum.

Eine Bekannte beschwerte sich über den Gebrauch des generischen Maskulinums. Siebzehn Frauen und ein Mann hatten im Rahmen eines Wettbewerbs Torten gebacken, und es war von achtzehn Tortenbäckern die Rede.

Ich äußerte, daß ich das vollkommen richtig finde, und verließ damit den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der guten Sitten und so weiter.

Ich bin Dichterin, und ich benutze das generische Maskulinum. Das bedeutet: Der Satz „Ich bin Dichterin“ kommt mir problemlos über die Lippen, denn ich bin eine Frau, die dichtet. Wenn ich aber mit einem männlichen Kollegen zusammen bin, so bin ich einer von zwei Dichtern. Andernfalls müßte ich sagen, wir sind eine Dichterin und ein Dichter – und mit dieser Ausdrucksweise würde ich bereits einen Unterschied implizieren, der über das Geschlecht hinausgeht. Ich würde andeuten, daß mein Beruf ein anderer ist als seiner, und gerade das würde die patriarchalen Instinkte wecken: Aha, eine Dichterin und ein Dichter – also eine, die es versucht, und einer, der es kann. (Ich denke mir das nicht aus, ich habe meine Erfahrungen. Komplimente wie „Ich hätte niemals gedacht, daß Sie so gut dichten können“ habe ich schon öfter gehört – dichtenden Männern gegenüber werden weit weniger Menschen glauben, ein solcher Satz sei ein Kompliment.)

Wenn ich von Annette von Droste-Hülshoff sage: „Sie ist die bedeutendste deutschsprachige Dichterin“, so impliziere ich damit, daß es unter ihren männlichen Kollegen noch bedeutendere geben kann. Deshalb sage ich: „Sie ist unter den deutschsprachigen Dichtern die Bedeutendste.“ Den Dichtern, nicht den Dichterinnen – die im generischen Maskulinum eingeschlossen sind.

Als ich in der Diskussion fragte, ob man denn auch sagen wolle, Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten haben die Vernichtung der Juden beschlossen, oder Raserinnen und Raser sind für hunderte Tote auf unseren Straßen verantwortlich, wurde mir die Antwort, ich benutze Nazivergleiche, und das sei ja wohl krass. Diese Antwort kam von einer Frau, die sich in hohem Maße für die Verbesserung der deutschen Sprache durch Berücksichtigung der weiblichen Form einsetzte. Zu einem weiteren Gespräch mit mir war sie nicht bereit, was ich durchaus verschmerzen kann.
Tatsächlich wird auf die weibliche Form bei negativ konnotierten Bezeichnungen weit seltener bestanden als bei positiv oder neutral konnotierten. So weit geht der Wille zur sprachlichen Gerechtigkeit nicht.

Gefragt wurde ich auch, warum man nicht ein generisches Femininum einrichten könne, also beschließen, daß in der femininen Form die Männer auch enthalten sind. Tortenbäckerinnen implizieren dann Tortenbäcker.

Wenn wir das so machen (es gibt ja mit dem Binnen-I schon den Versuch), dann gehen wir beim Hören automatisch davon aus, daß nur Frauen anwesend sind. Sollten wir je lernen, das nicht mehr zu tun, und bei „Achtzehn Tortenbäckerinnen“ automatisch davon ausgehen, daß männliche Tortenbäcker dabei sein können, haben wir ein neues Problem – nämlich in dem Fall, wo es wirklich nur Frauen sind. Eine rein weibliche Gruppe von Dichterinnen, Bäckerinnen, Installateurinnen etc. kann sich dann durch die weibliche Endung nicht mehr als rein weibliche Gruppe zu erkennen geben. Das finde ich wirklich frauenfeindlich!

Nehmen wir den Satz „Drei Freundinnen trinken gemeinsam Kaffee und sprechen über ihre Arbeit als Dichterinnen.“ Wären Sie bereit anzunehmen, daß zwei der Kaffeetrinkerinnen Josef und Harald heißen?
Wenn wir umgekehrt sagen „Drei Freunde trinken gemeinsam Kaffee und sprechen über ihre Arbeit als Dichter.“, so ist die erste Assoziation vielleicht die von drei Männern, aber jeder, der leidlich Deutsch spricht, wird begreifen, daß auch ein oder zwei Frauen dabei sein können – vielleicht sogar drei, sofern die drei sich als Mitglieder der großen Gemeinschaft männlicher und weiblicher Dichter sehen. Sollten die drei nicht als Dichter, sondern als Bauarbeiter oder Klempner arbeiten, werden die meisten Menschen annehmen, daß es sich nur um Männer handelt, weil es wahrscheinlicher ist. Sprechen sie aber über ihre Arbeit als Schreibkräfte, so werden die meisten Hörer höchstens einen Mann in der Runde annehmen – weil es weit mehr weibliche als männliche Schreibkräfte gibt. In diesen Fällen könnte eine Gruppe mit Mitgliedern beiderlei Geschlechts sich aber selbständig äußern – Bauarbeiter, Klempner und Schreibkräfte können ja einfach sagen, was sie meinen, und Unklarheiten beseitigen.

Argumentiert wurde auch, daß man sich eben an neue Sprachregelungen gewöhnen müsse.

In der Tat gibt es Sprachregelungen, die zu Recht geändert wurden. So wird die Ehefrau eines Professors meist nicht mehr als „Frau Professor“ angeredet, es sei denn, sie hat selbst habilitiert. Das halte ich für sinnvoll; die in meiner Kindheit noch übliche Anrede „Frau Professor“ für die titellose Ehefrau eines Professors fand ich schon damals ebenso frauen- wie professorenfeindlich. (Übrigens wurde in der Geschichte der deutschen Sprache niemals die Anrede „Herr Professorin“ oder auch „Herr Professor“ für den Ehegatten einer solchen erwogen; man erkennt spätestens hier eine wirklich patriarchalische Denkungsart, und nein, das ist keine Ironie.) Die moderne Sprachregelung, auf Titel in der Anrede ohne Unhöflichkeit ganz zu verzichten, finde ich gut; sie ist für mich Ausdruck von Gleichberechtigung und ein gutes Mittel gegen intellektuellen Hochmut.

Aber der Verzicht auf das generische Maskulinum oder die Einführung eines generischen Femininums ist in meinen Augen eine Vergewaltigung der Sprache. Ich bin als Dichterin selbstbewußt genug, in einem Kreis von Kollegen (zehn Kolleginnen und einem Kollegen, um umständlich-übergenau zu sein) zum Dichter zu werden. Als Individuum bleibe ich Dichterin.

Siegerin des obengenannten Wettstreites ist übrigens eine Tortenbäckerin. Eine von achtzehn Tortenbäckern, so grammatisch ungewöhnlich kann man es sagen. Jede andere vorgeschlagene Sprachregelung ist am Ende nicht gerechter und nicht verständlicher, sondern bei genauer Betrachtung ungerechter und sprachlich häßlicher.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Dichterin oder Dichter? Zum generischen Maskulinum.

  1. Andreas Keller schreibt:

    Sehr einverstanden!
    Kleine Nörgelei am Rande:
    er habilitierte sich…
    (er wurde promoviert)
    Freundliche Grüße
    Andreas Keller

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  2. Gerd schreibt:

    Diese Hype um den generischen Maskulin, den sich feministischen Kampfhähninnen auf ihr Häubchen geschraubt haben, ringt mir als ein maskuliner Vertreter der Menschheit, den berühmten Brechreiz aufs Zwerchfell. Bei einer Nachbarschaftsversammlung in unserem Dorf, wurden wir als Nachbarinnen und Nachbarn begrüßt. Würg. Das reichte um diese Versammlung fluchtartig zu verlassen, nicht ohne den sarkastischen Hinweis, dass der Versammlungsraum keine gendergerechten Toilettenräume besaß und ich mal schnell aufs geschlechtslose Örtchen müsste, welches meine Frau (sag ich das richtig??) und ich in unserem Heim eingerichtet haben. Ganz dramatisch wird es z.B. bei öffentlichen Reden von Gewerkschaftsfunktionären und Gewerkschaftsfunktionärinnen. Wie oft in einer, sagen wir mal, 15 Min. Rede die Wendung: „liebe Kollegen und Kolleginnen in die gelangweilte Zuhörerschaft abgesondert wird, grenzt schon an verbaler Körperverletzung. Daher freue ich mich regelmäßig in einem Blog zu lesen wo der Dichter Claudia heißt. Chapeau!!

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  3. Gerd schreibt:

    Schande über mich: Natürlich heißt es richtig:
    Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wo kämen wir denn hin?

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja, und da wird es vollends absurd. Emanzipiert bis dorthinaus, aber wenn es um die höfische Ritterlichkeit geht, der Dame den Vortritt zu lassen, dann ist man – öh… frau ganz flott wieder à l’ancienne.

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  4. Das Mariechen schreibt:

    Die Kollegen sagen „Frau Doktor“. Noch nie hat es einer gewagt, „Frau Doktorin“ als Anrede zu verwenden 😉

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  5. MaReine schreibt:

    Ich habe mich sehr über diesen klugen Artikel gefreut, zumal ich selbst schon länger darüber nachgrüble, was es mit dem „Unterschied […], der über das Geschlecht hinausgeht“ ist. Genauer gesagt, seit einer meiner Freunde mich auf meine Aussage „Ich bin kein [setze eine politische Partei ein]-Wähler“ mit „Wählerin!“ korrigiert hat… So schön hätte ich das Unbehagen, das ich dabei empfand, aber nicht ausdrücken können. Vielen Dank! 🙂

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