Ein komischer Heiliger

Ob es im 7. Jh. tatsächlich nahe Arcis einen heiligen Einsiedler und strengen Asketen namens Helenus (andere Schreibweisen: Helynus, Helayim, Helaym) gegeben hat, wissen wir nicht. Sicher ist aber, daß es im 13. Jh. einen Dominikanerbruder namens Vincent de Beauvais gab, der eine Enzyklopädie des mittelalterlichen Wissens in französischer Sprache verfasste, und der von Heleni Existenz überzeugt war.

Soweit sie ihn noch kennt, feiert die Kirche seinen Gedenktag am 4. Mai.

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Bildquelle

Vincent schreibt über jenen Helenus:

Als er lange in der Wüste gelebt hatte, wollte er seine Brüder besuchen und ihnen etwas Fleisch mitbringen. Und da die Last des Fleisches ihn beschwerte, sah er in der Wüste einige Wildesel herumlaufen. Er rief einen zu sich und sagte im Namen unseres Erlösers Jesu Christi: „Einer von euch soll kommen und diese Last tragen“, und einer von ihnen kam und trug es mit ihm zu den anderen Brüdern.

Ein anderes Mal, als er seine Brüder besuchte, bemerkte er, daß sie den sonntäglichen Gottesdienst nicht so feierlich begingen wie sie sollten. Er erfuhr, daß sie keinen Priester hatten, denn der hatte morgens den Fluss überquert, über den nun niemand zurückkehren konnte, wegen eines Krokodils; das ist ein wildes Tier mit vier Beinen, von gelber Farbe, und über dreißig Cubit [ca. sieben Meter] lang. Es ist stark zu Wasser wie zu Lande und ist bewaffnet mit Klauen und großen Zähnen, und seine Haut ist so überaus hart, daß es viele starke Schläge aushält. Und dies Ungetüm lebte inmitten dieses Flusses und tötete alle Menschen, die ihm in den Weg kamen.

Darauf sagte der Greis: „Ich will gehen und den Priester holen.“ Als er nun das Wasser erreichte, sah er das Krokodil unter Wasser auf ihn zukommen. Er stieg auf seinen Rücken und wurde von dem Tier hinübergetragen und erreichte den Priester, den er dann zum Wasser mitnahm, um mit ihm überzusetzen. Und als der Priester ihm sagte, er habe kein Schiff, antwortete er ihm: „Hab keine Angst! Es ist ganz nah.“ Und sogleich rief er mit lauter Stimme das Krokodil und stieg auf seinen Rücken.

Der Priester war nun wahrlich so entsetzt über diesen Anblick, daß er fortlief und auf keinen Fall aufsteigen wollte. Und so wurde der heilige Mann allein hinübergetragen. Und da er von dem Tier abstieg, sagte er zu ihm: „Du solltest besser sterben, als soviel Unheil anrichten!“ Und sogleich starb es.

Et sicomme il descendi de la beste lui dist il te vault mieulz mourir que faire tant de maulz et tantost il morut.

Auch wenn der Illustrator das Krokodil nicht so ganz genau getroffen hat, und auch wenn sich die Geschichte möglicherweise nicht ganz so zugetragen hat – die Beschreibung des Krokodils ist erstaunlich genau.

Auch kräuterkundig soll der Heilige gewesen sein. Die Legende, daß er eine Feuerprobe unverletzt überstanden habe, ist wohl von einem anderen Helenus aus dem 3. Jh. auf ihn übertragen worden.

In den Acta Sactorum der Bollandisten heißt es im Eintrag zum 4. Mai (in meiner Übersetzung):

Es lebte ein heiliger Mann namens Helenus, der von Kindheit an im Dienst des Herrn stand und Ihm mit großer Enthaltsamkeit hingebungsvoll diente. Genährt durch überaus keusche Unterweisungen, erlangte er höchste Verdienste.

Als er noch im Knabenalter im Kloster war, trug er, wenn es nötig wurde, Feuer aus der Nachbarschaft zu erbitten, glühende Kohlen im unversehrten Gewand herbei, worüber alle anwesenden Brüder staunten und wünschten, seinen geistlichen Eifer und sein Leben nachzuahmen.

Als er nun einst allein war an einem einsamen Ort, bekam er Lust, Honig zu essen, und als er sich umwandte, sah er eine an einem Felsen klebende Honigwabe. Da er aber begriff, daß dies ein Betrug des Feindes war, schalt er sich sogleich selbst und sagte: „Geh weg von mir, trügerische und verführerische Begierde, denn es steht geschrieben: Wandelt im Geist und vollendet nicht die Begierden des Fleisches.“ [Gal. 5, 16] Und sogleich verließ er diesen Ort, ging fort und begab sich in die Wüste und begann dort, sich Fasten aufzuerlegen, um die Fleischeslust zu bestrafen. In der dritten Woche seines Fastens aber sah er in der Wüste verschiedene erlesene Früchte liegen, und er durchschaute die Listen des Feindes und sagte: „Ich werde das nicht essen und will es nicht berühren, damit ich meinem Bruder, das heißt meiner Seele, kein Ärgernis gebe. Denn es steht geschrieben, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt.“

Da er nun in der folgenden Woche fastete, wurde er im Traum ein wenig weggeführt, und ein Engel stand ihm bei und sagte: „Steh nun auf, und was du neben dir findest, iss nur ohne Furcht.“ Und er stand auf und sah eine sanft aufwallende Wasserquelle, und ihre Ufer waren ringsum mit zarten, duftenden Kräutern gesäumt. Es heißt, er sei von dem Engel zur Erfrischung dorthin geführt worden, und er trat heran, begann zu pflücken und zu essen und mit dem Becher aus der Quelle zu schöpfen. Da versicherte er, niemals in seinem ganzen Leben so etwas Köstliches genossen zu haben. Auch fand eran diesem Ort eine Höhle, in der er eine Weile ausruhte,  und solange Zeit und Notwendigkeit der körperlichen Wiederherstellung währten, fehlte durch Gottes Gnade nichts von dem, was er vom Herrn erbat. 

Ich möchte gern glauben, daß es im 7. Jh. einen furchtlosen und genügsamen Einsiedler gab, der gut mit Tieren umgehen konnte – und dem eine ordentliche Messe wichtiger war als seine Sicherheit und das leibliche Wohl.

Die Erfahrung, daß das Böse vor frommer Furchtlosigkeit zurückweicht, durften schon viele machen.

Sancte Helene, ora pro nobis!

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Ein komischer Heiliger

  1. meckiheidi schreibt:

    Herrlich! Ich mag Helenus! Ganz faszinierend, die Geschichte vom Krokodil.

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  2. Sharela schreibt:

    Die Geschichte vom Krokodil kannte ich bisher noch nocht. Danke fürs Weitererzählen!

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  3. emhaeu schreibt:

    Kleine Korrektur: der gute Vincent von Beauvais hat alle seine Werke auf Latein verfasst ….

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