Martin Luther grüßt Maria

Lumen Gentium

66. Maria wird, durch Gottes Gnade nach Christus, aber vor allen Engeln und Menschen erhöht, mit Recht, da sie ja die heilige Mutter Gottes ist und in die Mysterien Christi einbezogen war, von der Kirche in einem Kult eigener Art geehrt. Schon seit ältester Zeit wird die selige Jungfrau unter dem Titel der „Gottesgebärerin“ verehrt, unter deren Schutz die Gläubigen in allen Gefahren und Nöten bittend Zuflucht nehmen (192). Vor allem seit der Synode von Ephesus ist die Verehrung des Gottesvolkes gegenüber Maria wunderbar gewachsen in Verehrung und Liebe, in Anrufung und Nachahmung, gemäß ihren eigenen prophetischen Worten: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter, da mir Großes getan hat, der da mächtig ist“ (Lk 1,48). Dieser Kult, wie er immer in der Kirche bestand, ist zwar durchaus einzigartig, unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung, der dem menschgewordenen Wort gleich wie dem Vater und dem Heiligen Geist dargebracht wird, und er fördert diesen gar sehr. Die verschiedenen Formen der Verehrung der Gottesmutter, die die Kirche im Rahmen der gesunden und rechtgläubigen Lehre je nach den Verhältnissen der Zeiten und Orte und je nach Eigenart und Veranlagung der Gläubigen anerkannt hat, bewirken, daß in der Ehrung der Mutter der Sohn, um dessentwillen alles ist (vgl. Kol 1,15-16) und in dem nach dem Wohlgefallen des ewigen Vaters die ganze Fülle wohnt (Kol 1,19), richtig erkannt, geliebt, verherrlicht wird und seine Gebote beobachtet werden.

67. Diese katholische Lehre trägt die Heilige Synode wohlbedacht vor. Zugleich mahnt sie alle Kinder der Kirche, die Verehrung, vor allem die liturgische, der seligen Jungfrau großmütig zu fördern, die Gebräuche und Übungen der Andacht zu ihr, die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen und das, was in früherer Zeit über die Verehrung der Bilder Christi, der seligen Jungfrau und der Heiligen festgesetzt wurde, ehrfürchtig zu bewahren (193). Die Theologen und die Prediger des Gotteswortes ermahnt sie aber eindringlich, sich ebenso jeder falschen Übertreibung wie zu großer Geistesenge bei der Betrachtung der einzigartigen Würde der Gottesmutter sorgfältig zu enthalten (194). Unter der Führung des Lehramtes sollen sie in der Pflege des Studiums der Heiligen Schrift, der heiligen Väter und Kirchenlehrer und der kirchlichen Liturgien die Aufgaben und Privilegien der seligen Jungfrau recht beleuchten, die sich immer auf Christus beziehen, den Ursprung aller Wahrheit, Heiligkeit und Frömmigkeit. Sorgfältig sollen sie vermeiden, was in Wort, Schrift oder Tat die getrennten Brüder oder jemand anders bezüglich der wahren Lehre der Kirche in Irrtum führen könnte. Die Gläubigen aber sollen eingedenk sein, daß die wahre Andacht weder in unfruchtbarem und vorübergehendem Gefühl noch in irgendwelcher Leichtgläubigkeit besteht, sondern aus dem wahren Glauben hervorgeht, durch den wir zur Anerkennung der Erhabenheit der Gottesmutter geführt und zur kindlichen Liebe zu unserer Mutter und zur Nachahmung ihrer Tugenden angetrieben werden.

Der Mai ist Marienmonat – das ist eine noch junge Tradition aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die die Blütenfülle des letzten Frühlingsmonats als Symbol für die Gnadenfülle der Gottesmutter sieht. Aber die Marienverehrung gibt es spätestens seit dem 3. Jahrhundert.

Der heuer besonders gefeierte Marienverehrer Martin Luther schrieb über Jesus:

Ich glaube, dass Er mir geboren ist von der reinen Jungfrau Maria ohne allen Schaden ihrer leiblichen und geistlichen Jungfrauschaft, auf dass er nach der Ordnung väterlicher Barmherzigkeit meine und aller seiner Gläubigen sündliche und verdammte Geburt gesegnet, unschädlich und rein machte.

Und über das Magnificat:

Nun weiß ich in der ganzen Schrift nichts, das so gut hierzu [zur Gottesfurcht und zum angemessenem Regieren] dient, wie dies heilige Lied der hoch gesegneten Mutter Gottes, das wahrhaftig allen, die gut regieren und heilsam Herren sein wollen, gut zu lernen und zu behalten ist. Sie singt in der Tat hierin aufs allerlieblichste von der Gottesfurcht, und was er für ein Herr sei vor allem, welches seine Werke sind in den hohen und niedrigen Ständen. Lass einen andern zuhören seinem Mädchen, die ein weltliches Lied singt. Dieser züchtigen Jungfrau hört billig zu ein Fürst und Herr, die ihm ein geistliches, reines, heilsames Lied singt.
Es ist auch kein unbilliger Brauch, dass in allen Kirchen dies Lied täglich in der
Vesper gesungen wird, dazu, verglichen mit anderem Gesang, auf eine besondere, angemessene Weise. Diese zarte Mutter Gottes wolle mir erwerben den Geist, der solchen ihren Gesang nützlich und gründlich auslegen könne. …

Die großen Dinge sind nichts anderes, als dass sie Gottes Mutter geworden ist, in welchem Werk ihr so viele und große Güter gegeben sind, dass niemand sie begreifen kann. Denn da folget alle Ehre, alle Seligkeit, und dass sie im ganzen menschlichen Geschlecht eine einzigartige Person ist über alle, der niemand (darin)gleich ist, dass sie mit dem himmlischen Vater ein Kind, und ein solches Kind hat. Und sie selbst kann ihm keinen Namen geben vor überschwänglicher Größe und muss es dabei bleiben lassen, dass sie heraus brünstet und schäumt, es seien große Dinge, die nicht auszureden seien noch zu messen. Darum hat man in einem Wort alle ihre Ehre begriffen, so man sie Gottes Mutter nennet. Es kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, wenn er gleich so viel Zeugen hätte wie Laub und Gras, Sterne am Himmel und Sand im Meer ist. Es will auch im Herzen bedacht sein, was das sei, Gottes Mutter sein.
Sie schreibt’s auch frei Gottes Gnade, nicht ihrem Verdienst zu. Denn obwohl sie ohne Sünden gewesen ist, ist doch diese Gnade so außerordentlich, dass sie ihrer auf keine Weise würdig gewesen. Wie sollte eine Kreatur würdig sein, Gottes Mutter zu sein? Zwar schwätzen etliche Skribenten hier viel von ihrer Würdigkeit zu solcher Mutterschaft. Aber ich glaube ihr selber mehr als ihnen. Sie sagt, ihre Nichtigkeit sei angesehen worden, und Gott habe nicht ihren Dienst damit belohnt, sondern: »Er hat große Dinge an mir getan.« Von sich selbst aus hat ers getan, ohne meinen Dienst. Denn sie hat ihr Lebtage nie daran gedacht, viel weniger sich dazu bereitet und geschickt, dass sie Gottes Mutter werden sollte. Es kam ihr diese Botschaft ganz unversehens, wie Lukas schreibt. Aber ein Verdienst ist nicht unvorbereitet auf seinen Lohn, sondern um Lohnes willen wohl bedacht und unternommen.
Dass man aber in dem Lied »Himmelskönigin, freue dich« singt: »denn du hast verdient zu tragen« und an anderem Ort: »des du würdig bist gewesen zu tragen«, beweist nichts. Singt man doch dieselben Worte auch vom heiligen Kreuz, das doch ein Holz war und nichts verdienen konnte. Ebenso ist dies auch zu verstehen, dass, sollte sie eine Mutter Gottes sein, so musste sie ein Weib sein, eine Jungfrau vom Geschlecht Juda, und der Engelsbotschaft glauben, damit sie dazu tauglich sei, wie die Schrift von ihr gesagt hat. Wie das Holz kein anderes Verdienst und keine andere Würdigkeit hatte, als dass es zum Kreuz tauglich und von Gott verordnet war, so ist ihre Würdigkeit zu dieser Mutterschaft keine andere gewesen, als daß sie dazu tauglich und verordnet gewesen ist. So dass es ja lauter Gnade sei und nicht ein Lohn werde, damit man von Gottes Gnade, Lob und Ehre nichts abbreche, wenn man ihr zuviel gibt. Es ist besser, ihr zuviel abgebrochen, als der Gnade Gottes. Ja man kann ihr nicht zuviel abbrechen, da sie doch aus nichts geschaffen ist, wie alle Kreaturen. Aber Gottes Gnade hat man leicht zuviel abgebrochen. Das ist gefährlich. Und geschieht ihr keine Liebe damit. Es bedarf wohl auch eines Maßes, dass man den Namen nicht zu weit treibe, dass man sie eine Königin der Himmel nennt. Zwar ist das wahr, aber dadurch ist sie doch keine Abgöttin, dass sie geben oder helfen könne, wie etliche meinen, die mehr zu ihr als zu Gott rufen und Zuflucht haben. Sie gibt nichts, sondern allein Gott…

Luther sagt also: Maria ist immerwährend jungfräulich, sie ist Gottesmutter, und sie ist Himmelskönigin – nur sieht er bei diesem Titel die Gefahr, daß er zur Vergöttlichung der Gottesmutter verleite. Diese Gefahr besteht ja auch tatsächlich; dennoch werde ich sie weiter gerne als Regina Cœli betiteln und immer mal wieder erklären, daß Verehrung etwas anderes ist als Anbetung.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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