Eine Argumentation, die mir nie eingefallen wäre

… habe ich gerade im Spamordner gefunden. Es heißt darin:

Warum muss man sich dermaßen penetrant in Dinge einmischen, von denen man gar nicht selbst betroffen ist und die einen nichts angehen? Kein Lebensschützer kommt je in die Verlegenheit, eine Abtreibung machen zu lassen. Das Thema hat sie also schlicht nicht zu interessieren. Dieses unangenehme Einmischen in fremde Angelegenheiten ist ein psychologisches Muster, das irgendwie in den Lebensschützern drinsteckt und den ganzen Abtreibungsdiskurs kaputtmacht.

Lassen wir das mal auf uns wirken. Fragen wir uns, ob es auch so ginge:

Kein Tierschützer kommt je in die Verlegenheit, ein Robbenbaby totzuhauen. Das Thema hat sie also schlicht nicht zu interessieren. Dieses unangenehme Einmischen in fremde Angelegenheiten ist ein psychologisches Muster, das irgendwie in den Tierschützern drinsteckt und den ganzen Pelzdiskurs kaputtmacht.

Die Gedankenlosigkeit des Kommentators ist offensichtlich; er möchte jede Form der Anteilnahme am gewaltsamen Tod ungeborener Kinder pathologisieren, solange sie nicht von Menschen ausgeht, die bereits abgetrieben haben (was er fälschlich für grundsätzlich unmöglich hält).

Der Kommentar wäre, wie das Tierschützer-Beispiel zeigt, auch dann unsinnig, wenn die Grundannahme „Menschen, die gegen Abtreibung sind, sind von dem Problem niemals unmittelbar betroffen gewesen“ wahr wäre. Das ist sie aber nicht.

Viele Abtreibungsgegnerinnen wurden dies erst, nachdem sie ihr Kind hatten abtreiben lassen. Der Gynäkologe Bernard Nathanson wurde vom Abtreibungsarzt und Mitbegründer der National Abortion Rights Action League zum Lebensrechtler. Er ist der Erzähler in dem Film Der stumme Schrei und produzierte den Folgefilm Ungeborene wollen leben. (Die Filme kann man auf Youtube finden; sie zeigen sehr genau, was bei Abtreibungen geschieht.)

In den USA gibt es ein Netzwerk von Menschen, die ihre eigene Abtreibung überlebten – das Abortion Survivors Network. Zu ihnen gehört die Sängerin, Marathonläuferin und Lebensrechtsaktivistin Gianna Jessen. In Deutschland ist der Oldenburger Junge Tim bekannt geworden, der wegen Down-Syndroms abgetrieben wurde, dies überlebte und von liebevollen Pflegeeltern aufgenommen wurde.

Viele Menschen sind betroffen von der Abtreibung eines Geschwisterkindes. Zu den möglichen Folgen zählen Schuldgefühle und das Gefühl, ungeliebt oder nur „Ersatz“ zu sein. Haus Samaria, eine Hilfsorganisation für Mütter in Not, hat eine ausführlichere Zusammenstellung psychischer Folgen für überlebende Geschwister.

Vermutlich hat jeder jetzt lebende Mensch in Europa mindestens einen seiner näheren Verwandten nur deshalb nie kennengelernt, weil der abgetrieben wurde. Erzähle mir niemand, das sei keine schwere Belastung für Familien.

Man muss keinen Krieg begonnen oder erlitten haben, um gegen Krieg zu sein. Man muss nicht vor der Entscheidung „Abtreiben oder Austragen“ stehen, um gegen Abtreibung zu sein.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Eine Argumentation, die mir nie eingefallen wäre

  1. Gerd schreibt:

    Man könnte den ersten Kommentar problemlos auf einen weiteren Fall ausdehnen. Die Anschnallpflicht in PKW.

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  2. Christian schreibt:

    Das Einmischen in fremde Angelegenheiten sollte man tatsächlich vermeiden. Ich bin für die rigorose Umsetzung: Mal das Kind fragen, wie es diese Einmischung in seine Angelegenheit findet. Bei einer Einmischung mit tödlichem Ausgang sollte man doch wenigstens vorher fragen, oder? Achso, geht ja nich.

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  3. Herr S. schreibt:

    Noch mehr Einstieg in die „Einmischung“ von Lebensrechtlern in die Abtreibungsproblematik hier:

    http://www.1000plus.de/jahresbericht

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