Betreffen bioethische Fragen auch mich?

So hieß eine Veranstaltung in der Herz-Jesu-Kirche in Berlin-Tegel. Dr. Walter Ramm, der Vorsitzende der Aktion Leben, informierte am vergangenen Dienstag über die Themenkreise Abtreibung, in-vitro-Fertilisation, Genschere, Euthanasie bzw. „Sterbehilfe“, Umgang mit Tod und Sterben, Patientenverfügung und -vorsorge – also über die „Machbarkeit“ von Leben und Tod aus christlicher Sicht und darüber, wie man sich am Ende vor dem Machbarkeitswahn schützen kann.

Es war nicht geradezu übervoll, und ich bin etwas bekümmert, daß ich wieder einmal den Altersdurchschnitt senkte. Schüler und Studenten hätten auch sehr gut dort hingepasst.
Es wurden viele Fragen gestellt, und Herr Ramm nahm sich für alle Zeit. Seine guten Kenntnisse sowie seine freundliche und humorvolle Art ließen die Veranstaltung an keiner Stelle langweilig werden.

Lebensschützer oder Lebensrechtler?

Herr Ramm begann mit einem sprachlichen Hinweis: Das Wort „Lebensschützer“ (gern in Zusammenhang mit „selbsternannt“) ist eine Schöpfung der Gegenseite, um Lebensrechtler verächtlich zu machen. Es geht ja zuerst um das Recht auf Leben, das jedem Menschen von Anfang bis Ende immanent ist. Daraus ergibt sich notwendig, daß dies Leben schützenswert ist. Jedoch ist der Schutz damit sekundär, primär das Recht. Auch spricht man von Tierschutz, Naturschutz, Denkmalschutz usw., sprachlich wird dadurch mit dem Wort „Lebensschutz“ das menschliche Leben anderen irgendwie auch schützenswerten Sachen gleichgestellt, also in seinem Rang und seiner Würde vermindert. Deshalb sollten Lebensschützer sich vielmehr Lebensrechtler nennen.

Abtreibung

Häufig hört man die Aussage: „Ja, ich bin gegen Abtreibung“ – beim Nachhaken ist aber der Anfang der Schwangerschaft später angesetzt als bei der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle, nämlich erst bei der Nidation oder noch später. Das ist nur möglich, wenn man völlig willkürlich die früheste Lebensphase als „noch kein Leben“ definiert. Dann aber wird die Bestimmung, wann das Leben nun anfängt, diskutabel. Daß Pille und Spirale zuweilen nicht die Befruchtung, sondern die Nidation verhindern, scheint bei dieser Betrachtungsweise gleichgültig. Jedoch ist ein Lebewesen mit menschlichem doppeltem Chromosomensatz ein Mensch – bereits vor der Einnistung. Verwehrt man ihm die Einnistung, bringt man ihn damit um.

Die nachgeborenen Geschwisterkinder Abgetriebener haben, so Ramm, überdurchschnittlich häufig ernste seelische Probleme und fühlen sich nur bedingt geliebt.

Es wird oft behauptet, daß es in Ländern mit liberaler Regelung immer weniger Abtreibungen gibt. Diese Behauptung übersieht aber, daß z.B. in Holland Abtreibungen bis zur 8. Schwangerschaftswoche gar nicht als solche firmieren – sondern als „Menstruationsregulierung“.

Kind nach Wunsch?

Bei der in-vitro-Fertilisation werden überzählige Embryonen vernichtet oder „für später“ eingefroren. In Amerika hat es bereits Sorgerechtskämpfe um eingefrorene Embryonen gegeben. Das Embryonenschutzgesetz in Deutschland verbietet die Forschung an menschlichen Embryonen und auch das Einfrieren. Jedoch gilt der Mensch in den ersten zwölf Stunden nach Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, im „Vorkernstadium“, nach deutschem Recht noch nicht als Embryo. Man kann ihn dann einfrieren und zum Forschungsobjekt machen, wenn man nur schnell genug ist.

Leihmutterschaft bedeutet das Mieten einer Frau als Gebärmutter. Ramm spricht von Leihmutterkliniken auf den Philippinen (wo pro Jahr etwa 30.000 Kinder von Leihmüttern ausgetragen werden) und in Kiew (wo es 20 solcher „Kinderschmieden“, wie Ramm sie zutreffend nennt, gibt).

Die Crispr/Cas-Methode, bei der die DNA durch eine Genschere so verändert wird, daß diese Veränderung vererbbar und nicht als Manipulation nachweisbar ist, galt zunächst als medizinischer Fortschritt, durch den perfekte, die Welt ernährende Pflanzen gezüchtet und schreckliche Erbkrankheiten besiegt werden können. Was die perfekten Pflanzen angeht: Es gibt bereits Champignons, die durch Genmanipulation nicht mehr braun werden. Man kann das olle Zeug also wochenlang als frisch verkaufen. Es gibt bereits hunderte, wenn nicht tausende von Patenten auf Lebensformen.

An Embryonen wird derzeit in China und Großbritannien die Crispr/Cas-Methode erprobt – und das bedeutet: Entweder die Manipulation ergibt die gewünschten Resultate, oder das Embryo wird weggeworfen. Und selbstverständlich wird, sobald der Weg dahin gefunden ist, nicht nur der erbgesunde, ästhetisch perfekte und immune Mensch hergestellt. Es gibt mit Sicherheit genug Interesse und Geld, dann auch den Menschen zu machen, der äußerst gehorsam und gerade intelligent genug ist, einfache Befehle zu befolgen – Huxleys Gamma minus.

Transplantation

Das schwierige Thema der Organtransplantation wurde nur gestreift. Das große Problem ist dabei, daß dem Spender im Grunde der eigene Tod vorenthalten wird; er wird lebend in einen sterilen Vorraum vom Operationssaal gebracht, künstlich am Leben erhalten und am Ende frisch ausgeweidet. Ein Abschied in Würde vom Sterbenden ist nicht möglich. Eltern sterbender Kinder werden oft bedrängt, der Organspende zuzustimmen – dann darf das Kind nicht in den Armen der Mutter sterben. Auch bringt der Empfänger einer Organspende sich selbst in die Situation, den Unfalltod eines vitalen Menschen zu erhoffen.
Xenotransplantationen scheinen ein Ausweg, aber dafür werden Schweine in vollkommen steriler Umgebung ausschließlich zur Produktion von Spenderorganen gezüchtet. Vielleicht ist die Idee, sein eigenes Schicksal anzunehmen, appetitlicher. Ich jedenfalls möchte Organe weder spenden noch gespendet bekommen. Es ist sinnvoll, einen diesbezüglichen Ausweis bei sich zu tragen.

Lebensende

Seit Ende der 70er Jahre werden Mediziner immer häufiger dazu gebracht, lebensverlängernde Maßnahmen zu unterlassen und lebensbeendende Maßnahmen einzuleiten. Daß Menschen nicht mehr mit Gewalt am Leben gehalten werden, wenn dadurch der bevorstehende Tod nur qualvoll hinausgezögert wird, ist selbstverständlich gut, ebenso wie die Palliativmedizin. Jedoch werden, so Ramm, immer häufiger sinnvolle Therapien unterlassen und Patienten praktisch stattdessen zu Tode sediert. In Holland, wo Euthanasie legal ist, geht derzeit die aktive Euthanasie zurück, gleichzeitig steigt die terminale Sedierung. Das wirkt in der Statistik besser, ist aber Jacke wie Hose.

Die Patientenverfügung, in der man z.B. niederlegen kann, daß man nicht euthanasiert werden möchte und im Falle einer Demenz immer noch als Mensch mit unveräußerlicher Würde behandelt werden will, ist rechtlich nicht mehr als ein Regelungswunsch. Eine Vorsorgevollmacht, in der klar bestimmt wird, wer die Entscheidungen über Behandlung und Nichtbehandlung zu treffen hat, ist sicherer.

Beistand

Als Christ und Lebensrechtler scheint man heute auf ziemlich verlorenem Posten zu stehen, auch wenn die Lebensrechtsbewegung wächst – denn auf der anderen Seite ist viel Macht und viel Geld im Spiel. Aber als Christen dürfen wir nicht verzweifeln. Dr. Walter Ramm sprach auch immer wieder von der Notwendigkeit zu beten und beschloss die Veranstaltung mit einem Gebet. Zuletzt gab er den Zuhörern noch ein kurzes Gebet des Heiligen Antonius Maria Claret mit auf den Weg:

Herr, es ist aussichtslos.
Aber Du bist allmächtig.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Betreffen bioethische Fragen auch mich?

  1. Herr S. schreibt:

    Ihre Position zur Organspende deckt sich zu 100 Prozent mit der meinigen:

    Weder will ich lebensnotwendige Organe spenden noch bin ich bereit, solche für mich gespendet zu erhalten.

    Ich habe mich lange und intensiv mit der Organspende und dem sog. „Hirntod“ als Voraussetzung derselben beschäftigt und hierzu Fachliteratur und Bücher gelesen, sowie auch u.a. einen mir bekannten Neurologen gesprochen.

    Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass der sog. „Hirntod“ NICHT der wahre Tod des Menschen ist.
    Zum echten Tod gehört Unumkehrbarkeit mit Gewebezerfall, also Verwesung.
    Das ist beim „Hirntod“ eben nicht der Fall.

    Zudem gibt es durchaus dokumentierte Fälle, wo irrtümlich von Ärzten die Diagnose „Hirntod“ falsch gestellt wurde.
    Gottlob ohne anschl. Organentnahme.
    Die betr. Patienten genasen dann aber wieder. Bei Organentnahme wären sie durch dieselbe dann aber unweigerlich wirklich zu Tode gekommen.

    Das alles hat mich dazu veranlasst, für mich auch den Empfang lebenswichtiger Organe abzulehnen!
    Ich habe das schriftlich niedergelegt.

    Auch vom christlichen Standpunkt her halte ich die Organspende lebenswichtiger Organe für falsch:

    Lt. christlichem Glaubensbekenntnis glaube ich an das ewige Leben meiner unsterblichen Seele. Bestärkt werde ich in meinem diesbezüglichen Glauben durch die sog. Nahtoderfahrungen (NTE), über die ich aus verschiedenen seriösen Büchern inzwischen Informationen gesammelt habe, die ich als zuverlässig einschätze.

    Es kommt natürlich nach christlichem Glauben darauf an, die himmlische Seligkeit zu erlangen durch ein am Liebesgebot Christi ausgerichtetes irdisches Leben.

    Vor dem Hintergrund der Tatsache ewigen Lebens im Jenseits, welches nach den Berichten von Menschen mit NTE offenbar ungleich schöner als das irdische Leben ist, erscheint mir eine Verlängerung des irdischen Lebens durch eine Organtransplantation unbedeutend und nicht wesentlich erstrebenswerter als vielmehr mit allen Kräften hier auf Erden danach zu streben, nach dem Tod die ewige Seligkeit bei Gott zu erlangen…

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  2. Gerd schreibt:

    Zustimmung. Sterben müssen auch Organempfänger.

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