Tote Kinder

Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht. So berichtet orf.at heute:

Catherine Corless, eine Historikerin, hatte in jahrelanger Arbeit die Akten des Heims untersucht. Sie kam zu dem Schluss, dass 796 Kinder in den 36 Jahren, in denen das Heim betrieben wurde, gestorben sind. Angesichts der Kindersterblichkeit jener Zeit in Irland sei diese Zahl nicht übermäßig hoch. Allerdings gebe es keine Aufzeichnungen über Beerdigungen auf den umliegenden Friedhöfen, insofern war bereits angenommen worden, dass die Leichen andernorts „entsorgt“ wurden.

Über die Menge der kleinen Leichen gemessen an der allgemeinen Säuglingssterblichkeit schreibt allerdings The Journal ein wenig anders:

At 796 deaths, this means that one child died approximately every fortnight at The Home – a mortality rate far higher than the rate for other children in Ireland at the time.

(796 Todesfälle bedeutet: etwa alle vierzehn Tage starb in dem Heim ein Kind – das ist eine weit höhere Sterblichkeitsrate als die für andere Kinder in Irland zu jener Zeit.)

Von einem „Massenmord“ wird gesprochen; das ist allerdings nach dem Stand der Ermittlungen nicht erwiesen. Es muss wohl eher von einem Mangel an Liebe und Pflege ausgegangen werden, der tödlich wirkte, und von einem Mangel an Ehrfurcht vor den Toten. Was es kaum besser macht.

Ob die Sterblichkeitsrate in diesem und anderen katholischen Heimen Irlands tatsächlich höher war als anderswo, werden die Ermittlungen hoffentlich bald zeigen. Ob der Umgang mit ledigen Müttern und ihren Kindern anderswo als in diesen Heimen besser war, wage ich zu bezweifeln. Aber damit will ich die Heime nicht in Schutz nehmen. Eine christliche Einrichtung ist allein durch ihr Selbstverständnis als christlich bereits verpflichtet, ihren Schützlingen mit größter Liebe entgegenzukommen. Das geschah hier offenbar nicht. Vielen jungen Müttern wurden ihre Kinder weggenommen; Frauen wurden wohl teilweise wie Leibeigene gehalten.

Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.

Ich trauere um die Kinder, um die betrogenen Mütter – erst von Männern verraten, dann von Schwestern, die ihnen helfen sollten – und um alle, die sich schuldig gemacht haben. Beten wir für sie alle.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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17 Antworten zu Tote Kinder

  1. Herr S. schreibt:

    Es gab (und gibt?) in der katholischen Lehre leider Widersprüche im Umgang mit z.B. sog. „Totgeburten“, die erst ab einem bestimmten Mindestgewicht (!) kirchlich beerdigt wurden – d.h. als Mensch behandelt wurden!

    Wie will man dann ob solchen Umgangs mit ungeborenen Babies denn den Menschen glaubhaft machen, man achte kirchlicherseits den Menschen bereits ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle als vollwertige Person???

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für den Hinweis!

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    • Herr S. schreibt:

      Ja, seit 2002 gibt es also zumindest im Bistum Trier solch eine Regelung.
      Und davor?
      Und in anderen Bistümern deutschland- bzw. weltweit.
      Ich hab noch im kath. Religionsunterricht den Unsinn vom Limbus gelernt, in den ungetaufte tote Kinder statt des Himmels kämen…

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      • Gerd schreibt:

        „Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, wie sie dies im entsprechenden Begräbnisritus tut. Das große Erbarmen Gottes, der will, daß alle Menschen gerettet werden‘, und die zärtliche Liebe Jesu zu den Kindern, die ihn sagen läßt: ‚Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!‘ (Mk 10,14), berechtigen uns zu der Hoffnung, daß es für die ohne Taufe gestorbenen Kinder einen Heilsweg gibt. Die Kirche bittet die Eltern eindringlich, die Kinder nicht daran zu hindern, durch das Geschenk der heiligen Taufe zu Christus zu kommen.“ Katholischer Weltkatechismus, 1992, Quelle Wikipedia

        @Herr S. Wenn sie im katholischen Religionsunterricht (nach 1992) Unsinn gelernt haben, ist das sicherlich bedauerlich und unentschuldbar, für den Religionslehrer(!) Eine pauschale Kritik, wenn sie diese hier anbringen wollen, in Richtung katholischer Kirche rechtfertigt das allerdings nicht. Fakt ist nämlich, dass in der Offenbarung nichts darüber steht, wohin die Seelen der Kinder (und nicht nur der) gelangen, die ungetauft sterben bzw. was noch trauriger ist, getötet werden. Da haben sich halt Theologen auf den Weg gemacht dieses Geheimnis zu erklären und sind auch im Laufe der langen Geschichte auf Holzwegen gelangt. Immerhin standen und stehen diese Theologen im Wort des Herrn, dass nur die gerettet werden, die sich taufen lassen und glauben. Glauben kann man aber eigentlich nur wenn man eine gewisse Reife im Leben erlangt hat, die man von Babys oder dem ungeborenen Leben nicht unbedingt erwarten sollte. Über allem steht allerdings das Wort des Herrn: „Für Menschen ist das nicht möglich, aber für Gott ist alles möglich.“

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        • Herr S. schreibt:

          @Gerd
          Mein Religionsunterricht bei Klerikern war weit (Jahrzehnte) vor dem von Ihnen genannten Jahr.
          Deshalb auch meinem kritischen Anfragen bzw. Anmerkungen Richtung Kirche, die sich uns einfachen Gläubigen früher oftmals sehr, sehr überlegen und selbstbewusst-allwissend gab – wozu in Wirklichkeit nicht immer Grund bestand.

          Etwas mehr Demut auch von Seiten der Theologen hätte gut angestanden.

          Ich bin der festen Überzeugung, dass auch Nichtkatholiken und selbst Ungetaufte des himmlischen Heils teilhaftig werden können, wenn sie nicht gegen das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe im irdischen Leben verstoßen.

          So halte ich auch eben z.B. die ungetauften, totgeborenen oder abgetriebenen Kinder für des Himmelreiches teilhaftig und nicht verbannt in einen todlangweiligen Limbus, weil ihnen doch nicht in der Taufe die Erbsünde entfernt wurde.

          Entsprechende Schilderungen von Nahtoderfahrenen bestärken mich in meiner Auffassung.

          JEDER Mensch muss nach seinem Tod durch Jesu Christi (Gericht) gemäß des Herrn Wort:

          „ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben – NIEMAND kommt zum VATER, außer durch MICH!“

          WIE das genau vonstatten geht, wissen wir alle nicht.
          Auch kein noch so kluger Theologe…

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  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Gerd, herzlichen Dank für die kompetenten Antworten.

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  3. Gerd schreibt:

    „und nicht verbannt in einen todlangweiligen Limbus,“

    @Herr S.
    Wie ein Limbus aussieht, ich zitiere sie, „wissen wir alle nicht.“
    Wenn sie jetzt schreiben, dass der Limbus todlangweilig ist, implizieren sie in diese Aussage, dass der Limbus existiert, allerdings in einer todlangweiligen Ausgabe. Ich halte Kritik ja für durchaus sinnvoll, wenn sie fundiert geäußert wird. Halten wir uns doch daran.

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    • Herr S. schreibt:

      Nun, das mit dem „todlangweiligen Limbus“ war Ironie.
      So wurde er uns seinerzeit im Religionsunterricht tatsächlich geschildert, weil der Lehrende (und die Theologen, von denen er seine Weisheiten hatte), sich denn doch nicht trauten, für diese ungetauften aber natürlich erbsündebelasteten Kinder die Hölle oder das Fegefeuer anzunehmen.
      Aber natürlich auch keinesfalls den Himmel…
      Ich wollte nur aufzeigen, wohin solch ein hochspekulatives falsches Denken hinführen kann.
      Mehr nicht.

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      • Claudia Sperlich schreibt:

        „… die Hölle oder das Fegefeuer…“ – das zeigt bereits, daß im Religionsunterricht nicht gut aufgepasst wurde. Das Fegefeuer ist kein Teil der Hölle, sondern der Weg zum Himmel.

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        • Herr S. schreibt:

          Liebe @Claudia Sperlich, ich habe sehr wohl im Religionsunterricht aufgepasst und weiß sehr wohl zwischen Hölle und Fegefeuer zu unterscheiden.

          Nun, letzteres ist uns immerhin als sehr unangenehm geschildert worden:

          Feuer – wer sich jemals verbrannt hat, weiß, wie weh das tut.

          Ähnlich unangenehm – wenngleich geistig – sind wohl die in diesem Reinigungsort zu erduldendenden Reinigungsschmerzen, nicht wahr?
          Allerdings sind die Qualen im Fegefeuer wenigstens nur temporär im Gegensatz zur Hölle.

          Ich wollte jetzt nicht noch „ein weiteres Fass aufmachen“, auf dass mir @Gerd gleich wieder kommt , woher ich das denn alles weiß u.s.w…

          Also, wie gesagt, einen schmerzhaften jenseitigen Reinigungsort hat man uns seinerzeit im Religionsunterricht für die ungetauft gestorbenen und außer der Erbsünde unschuldigen Kinder nicht ausgemalt, aber eben doch einen Ort, an dem sie keine volle Anschauung Gottes hätten, im Gegensatz zu den getauften geläuterten Christen.

          Wenn Sie so wollen, erinnert das an die muslimische Lehre von den verschiedenen Himmeln unterschiedlicher Qualität.

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        • Claudia Sperlich schreibt:

          Das Fegefeuer ist nach kirchlicher Lehre zeitlich begrenzt. Soviel zum guten Aufpassen.

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        • Herr S. schreibt:

          Sagte ich doch, @Claudia, mit dem Wort „temporär“ bzgl. des Fegefeuers.
          Da dürften wir doch d’accord sein, nicht wahr?

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        • Claudia Sperlich schreibt:

          Ah, OK. (Auch ich lese manchmal zu flüchtig.) D’accord!

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  4. Gerd schreibt:

    Vielleicht noch dies: Es kann durchaus sein, dass ein Limbus existiert. Wie das vonstatten geht wissen wir alle nicht. Auch kein noch so kluger Theologe und, möchte ich ironisch zufügen, Kritiker. 😉

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    • Herr S. schreibt:

      Tja, @Gerd, vielleicht existiert also doch ein Limbus?

      Vielleicht gibt es doch „Russels Teekanne“ draußen im All?

      Nun, ich halte den Limbus nach allem, was ich von der biblischen Offenbarung und insbesondere vom Erlösungswerk unseres Herrn Jesus Christus verstanden und begriffen habe, für ein nicht vorhandenes Konstrukt früherer überspannter Theologen.

      Unser emeritierter Papst Benedikt XVI. sieht’s offenbar ähnlich und wollte ihn offiziell abgeschafft haben.

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