Nur nicht nach Hause – Tobias und Suse Klein

Gestern durfte ich meine Freunde und Bloggerkollegen Suse und Tobias Klein bei einer Lesung mit Musik im Brit Pub, einer urigen Kneipe im Bahnhof Hermsdorf, erleben. Ich kann nur bitten: Macht das öfter!

Ein Keyboarder und ein Kontrabassist sorgten für die Musik – und Tobias zeigte mehr als einmal, daß er nicht nur schreiben, sondern auch rockig singen kann. Aber für mich war die Hauptsache (wen wird es wundern) doch die Literatur.

Tobias las aus seinem leider noch unveröffentlichten Band „Nur nicht nach Hause“ mehrere Kurzgeschichten – hochkomische Skizzen aus dem Berliner Leben. Da kommt jemand spät abends von einer etwas biederen Party, hat furchtbare Angst vor zwei vermeintlichen Skinheads, die sich an der Haltestelle auch noch neben ihn setzen – und die beiden entpuppen sich als ein sanftes, kultiviertes schwules Paar. Da geht der Erzähler schwer verkatert zu Kaufland, verirrt sich zwischen den Regalen und wird in der Tierfutterabteilung von dem Labrador auf einer Futterpackung wittgensteinisch belehrt. Da entpuppt sich ein kleiner, nicht besonders guter Chor als Werbung für ein Kaufhaus und zieht den Zorn des Erzählers auf sich. Da beobachtet er kopfschüttelnd, wie mancherorts eine eigentlich asexuelle Selbstverliebtheit als chique gilt.

Tobias Kleins Geschichten wirken niemals belehrend oder moralisierend, aber heimlich transportieren sie doch ernste Aussagen – und damit meine ich nicht das Wittgenstein-Zitat. Toleranz, Konsumkritik und Kritik an Eitelkeit und Selbstverliebtheit habe ich schon zuhauf gehört (und in meinen schlimmsten Zeiten mit großem Ernst geäußert). Tobias Klein transportiert dies alles in hochkomischer Weise – und schont sich selbst nicht. Er ist als Erzähler mitten in dieser verrückten Welt.

Susanne Klein schreibt Gedichte in freien Rhythmen. Die gestrige Auswahl beschreibt ihre Liebe in überraschenden Metaphern und sprachlicher Meisterschaft als etwas immer neu geschenktes Wunder, nicht begreifbar, aber ergreifend – und die Autorin greift auch selbst zu. Biblische Zitate beantwortet sie so, daß sie sich als Dichterin kühn neben den Psalmisten stellt – und sie kann das. Ich hätte mir von ihr noch mehr gewünscht (und auch ein wenig mehr Lautstärke).

Die Mischung „Kurzgeschichten und Gedichte“ war überraschend harmonisch. Ich hoffe auf weitere solcher Lesungen.

Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)
Nur nicht nach Hause (Lesung mit Musik)

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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