Unbeantwortete Hilferufe

Aus Aleppo kommen über die sozialen Medien erschütternde Hilferufe – Zeugnisse von Menschen, die wissen, daß sie mit großer Sicherheit in kurzer Zeit auf furchtbare Weise sterben werden.
Diese Zeugnisse werden vielfach geteilt. Kommentiert werden sie gern mit der Forderung, „endlich etwas zu tun“ – gerichtet an die UN, an große und kleine Politiker, aber auch an die anonyme Masse der Mitbürger.

Die Journalistin Heike Pohl hat die Diskrepanz zwischen fröhlichem Alltagsleben im Advent und der Trauer und Sorge um die Bürger von Aleppo in einem facebook-Posting zusammengefasst und fragt mit Recht, wie wir gestrickt sein müssen, um das Leben angesichts solcher Greuel noch zu ertragen.

Was die Forderungen, „etwas zu tun“, angeht: Ich kann nichts tun außer beten, und ich kenne niemanden, der etwas im guten Sinne Wirksames tun kann. Was Politiker in dieser Weltgegend bislang getan haben, kann man kaum als „im guten Sinne wirksam“ bezeichnen. Wie irgendeine Organisation jetzt noch die Menschen aus dieser Hölle herausholen könnte, weiß ich nicht. Die so oft mit „Wir müssen endlich etwas tun“ angesprochene Masse der mehr oder weniger behaglich lebenden mitteleuropäischen Bürger kann vielleicht Bilder auf facebook teilen und sagen, daß etwas geschehen muss – aber sonst kann sie nichts. Oder glaubt jemand, wenn wir jetzt alle unser Geld zusammenlegen und nach Aleppo gehen, würde irgendetwas besser? Es würden nur bald noch mehr Leichen dort herumliegen. Und Geld schicken? Ja wohin denn?

Aleppo berührt uns deshalb, weil jetzt die Medien berichten und weil uns durch das Internet die Aussagen der gerade eben noch Lebenden erreichen. Andere Schrecken der Welt berühren uns nicht in dem Maße, obwohl wir um sie wissen. Nordkorea ist seit Jahrzehnten ein Komplex riesiger Konzentrationslager, aber die Leute senden von dort keine Handyvideos.

Ich will damit das Leid der Bürger von Aleppo nicht relativieren. Es ist schrecklich, und daß wir es zumindest wahrnehmen in unseren hübschen Wohnungen, kann als ein winziger Akt der Solidarität verstanden werden. Was mich aber wirklich stört (bei mir nicht weniger als bei anderen) ist dies: Wir lassen uns von Leid verstören, wenn wir Bilder sehen. Sehen wir sie nicht oder nur ganz selten, läßt es uns ziemlich unverstört.

Aber wären wir anders gestrickt, wären wir wohl längst alle vollständig durchgedreht und lebensunfähig. (Ich zumindest wäre es.) Ich kann nicht anders als mich in dieser Welt voll Grauen und Ekel und Gemeinheit, mit einem Haufen eigener Probleme, die mich egozentrischerweise noch stärker belasten als die Schrecken von Aleppo, trotz allem zu freuen an den Eichhörnchen, an Musik, an der wunder- und hoffnungsvollen Adventszeit, an der Freundschaft, die ich erfahre und die ich geben darf, und vor allem an und in meinem Heiland. Er wird kommen – auch nach Aleppo und nach Nordkorea.

Ich bete. Mehr kann ich nicht, weniger will ich nicht.

Zwar blüht der Feigenbaum nicht, an den Reben ist nichts zu ernten, der Ölbaum bringt keinen Ertrag, die Kornfelder tragen keine Frucht; im Pferch sind keine Schafe, im Stall steht kein Rind mehr.
Dennoch will ich jubeln über den Herrn und mich freuen über Gott, meinen Retter.
Gott, der Herr, ist meine Kraft. Er macht meine Füße schnell wie die Füße der Hirsche und lässt mich schreiten auf den Höhen.
Habakuk 3,17-19

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Unbeantwortete Hilferufe

  1. Gerd schreibt:

    „fragt mit Recht, wie wir gestrickt sein müssen, um das Leben angesichts solcher Greuel noch zu ertragen.“

    Das Problem ist in der Informationsflut noch überhaupt einigermaßen über Wasser zu bleiben. Ich persönlich habe im Internet noch keine Artikel über Aleppo oder Nord-Korea gelesen, geschweige den angeklickt. Um es genau zu sagen: Es hilft mir nicht und es hilft den Menschen nicht. Frau Pohl könnte ja mal fragen, wie wir gestrickt sind, wenn wir für die Menschen auf der Welt nicht beten und bei Gott keine Fürsprache einlegen. Vielleicht könnte sie fragen, wie wir gestrickt sind, wenn wir unsere eigenen Sünden und Verfehlungen nicht bereuen, bekennen und dafür Buße auf uns nehmen. Das Leid der Welt und die Strickmuster der Menschen, hängen nun mal eng zusammen mit dem Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer. Aber das fragt Frau Pohl nicht und deswegen ist sie der Verzweiflung nahe. Mein Tipp an Frau Pohl, weniger klicken mehr beten.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Sie ist Journalistin, und entschuldige bitte, aber dieser Tip macht einen redlichen Menschen arbeitslos, wenn er befolgt wird. Außerdem bezügl. Nordkorea: bitte lies meinen Artikel noch einmal. Ich weiß – und Du weißt, und jeder kann wissen – daß und warum wir von dort keine Flut an Nachrichten bekommen.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Im übrigen weiß ich rein zufällig (weil ich nämlich ihre Artikel lese), daß Frau Pohl äußerst sozial ist und hilft, wo sie kann.

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  2. Gerd schreibt:

    Habakuk, ist entweder ein Zyniker der schlimmsten Sorte oder jemand der Gott kennt. Ich denke Letzteres. Wie kann man in der Welt über Gott jubeln und sich an ihm freuen? Weil wir erlöst sind. Selbst Habakuk musste davon eine Ahnung haben, noch lange bevor Jesus gelebt hat. Die entscheidende Frage ist, ob sich der Mensch erlösen lassen will. Ohne unser Zutun, bleibt die Freude und der Jubel über Gott im Keim stecken, und mit ihm auch die Antwort auf die Frage, wie wir gestrickt sein müssen um z.B. das Leid in der Welt zu (er)tragen.
    Manchmal denke ich auch, dass wir die falschen Fragen stellen. Ich z.B. frage mich, warum schlägt mein Herz immer noch, obwohl ich rein gar nix dazu beitrage. Wie muss ich eigentlich gestrickt sein um es zu ertragen, dass dieses Schlagen irgendwann mal aufhört, entweder plötzlich und unerwartet, oder nach einem langen Leiden?
    Und nein, eine journalistische Karriere oder Broterwerb nützt dem Menschen nichts, wenn er darüber verzweifelt und letztendlich an dieser Verzweiflung scheitert. Das gilt für Frau Pohl und auch für mich.
    Ein praktischer Hinweis: Gegen jede Verzweiflung hilft der Rosenkranz. Jeden Tag gebetet ist er wie ein Staubsauger, der alle Flusen der Verzweiflung, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit beseitigt. Nehmen wir mal an, und ich weiß ich mach mich zum Narren wie Habakuk: Assad und Putin würden jeden Tag den Rosenkranz beten. Frau Pohl, sie und ich könnten aufatmen, die Menschen in Aleppo sowieso, dann würden sie über Gott jubeln und ihm die Ehre erweisen, solange ihre Herzen noch schlagen.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Hast Du eigentlich, einem der Links folgend, mal gelesen, was Frau Pohl schreibt?
      Ich glaube kaum. Sonst würdest Du nicht so darauf herumreiten, daß sie angeblich “verzweifelt“ ist. Sie macht sich Gedanken darüber, daß sie das Leben nicht nur erträgt, sondern schön findet, und daß es da eine gewisse Diskrepanz gibt. Du redest hier ausschließlich von dem subjektiven Empfinden und von Gott. Frau Pohl denkt halt auch an das Leid anderer Menschen.

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  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Und was die Menschen in Aleppo angeht – juble Du mal, Du Frommer, wenn Deine Kinder massakriert werden.
    Ich finde Dich extrem zynisch.

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  4. Gertie S. schreibt:

    Beten ist ja auch mehr als Reden vor der Wand, wie mehrere Beispiele aus der Geschichte zeigen. https://dashoerendeherz.blogspot.de/2016/12/wir-brauchen-ein-neues-lepanto.html

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  5. Gerd schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    ich bin davon ausgegangen, dass sie den Unterschied zwischen Jubel über Gott und Jubel im Allgemeinen kennen. In ihrem Leserbrief gestern in der Tagespost machen sie ja auf den Geist der Unterscheidung aufmerksam. Ich will es mal aus meiner Sicht genauer sagen: Der Jubel über Gott ist eine Lebenshaltung, eine innere Einstellung die unser Leben prägen und gestalten soll. Dieser Jubel zeigt sich nicht der Welt. Zumindest nicht in äußerem Gehabe. Als Jesus sagte wir sollen jubeln und uns freuen, wenn die Welt uns hasst, hat er nicht damit gemeint, dass wir eine Fete organisieren müssten.
    Natürlich habe ich den Beitrag von Frau Pohl gelesen sonst könnte ich hier ja gar nicht kommentieren. Frau Pohl stellt Fragen, insgesamt zwölf und lässt sie erst mal unbeantwortet im Raum. Das, so ist zumindest mein Eindruck, könnte auf einen gewissen Grad an Verzweiflung hindeuten. Ich will da gar nicht drauf rum reiten, sondern nur erst einmal feststellen. Das Leben ist sicherlich schön, aber nicht nur schön, weil es Eichhörnchen oder Blumen gibt. Es ist zu allererst schön, weil wir Gottes Geschöpfe sind.
    Und nein, ich bin sicherlich kein Frommer. Ein Gottsucher, aber kein Frommer.

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