Wenn Weihnacht nicht wäre

Natürlich wissen wir nie, was gewesen wäre, wenn es anders gewesen wäre.
Aber Gedankenspiele können ganz aufschlussreich sein. Zum Beispiel – was wäre, wenn damals, vor rund zweitausend Jahren, jene Geburt im Stall nicht stattgefunden hätte?

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Geburtenregelung könnte dann Folgendes bedeuten:

Es müssen ja nach dem Zugegebenen die besten Männer den besten Weibern möglichst oft beiwohnen, und die schlechtesten Männer den schlechtesten Weibern möglichst selten, und die Kinder der einen muss man aufziehen, die der andern aber nicht, wenn die Herde möglichst vorzüglich sein soll, und alles dies muss geschehen, ohne dass es jemand außer den Regierenden selbst bemerkt, wenn andererseits die Herde der Wächter möglichst frei von innerem Zwist sein soll.

Die Zahl der Vermählungen aber werden wir die Regierenden bestimmen lassen, damit sie möglichst die gleiche Zahl von Männern erhalten, indem sie auf Kriege und Krankheiten und alles Derartige Rücksicht nehmen, so dass uns der Staat womöglich weder zu groß noch zu klein werde.

Und denjenigen unter den jungen Männern, die im Kriege oder sonst wo sich tüchtig erweisen, muss man unter andern Auszeichnungen und Preisen wohl auch die häufigere Erlaubnis, bei Weibern zu schlafen, erteilen, damit zugleich auch unter diesem Vorwand möglichst viele Kinder von solchen gezeugt werden.

Die von den Tüchtigen dann werden sie, denke ich, nehmen und sie in eine bestimmte Anstalt bringen zu Wärterinnen, die in einem gewissen Teile der Stadt abgesondert wohnen, die von den Schlechteren aber, und wenn etwa von den andern eines gebrechlich zur Welt kommt, werden sie an einem geheimen und unbekannten Orte verbergen [d.h. aussetzen und sterben lassen], wie sich’s geziemt.
Politeia 5

Platons Staatsmodell, die Politeia, hatte sich zwar über dreihundert Jahre nach seinem Tod noch keineswegs vollkommen durchgesetzt. Es wurde aber in Ansätzen verwirklicht. Es war in Griechenland und dem Römischen Reich üblich, kranke und behinderte Menschen ab Geburt zu entsorgen. Abtreibung war ebenfalls bekannt.

Heute ist die Umsetzung der Politeia hinsichtlich der Nachwuchsregelung z.B. in Nordkorea weitgehend verwirklicht. In unseren Breiten gilt Platon als einer der größten Philosophen, und die staatliche Besserwisserei besonders in Bezug auf Kindererziehung und Sexualität nähert sich dem Wächterstaat.

Und die Christen?

Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermassen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. Sie heiraten wie alle andern und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleische, leben aber nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel.
Brief an Diognet, 2. Jh.

Und sie treiben sie auch nicht ab. Sie tun es deshalb nicht, weil sie Christen sind. Sie sind Christen, weil vor über zweitausend Jahren Weihnachten war. Sie lassen die Menschen um Gottes Willen leben, weil Gott Mensch wurde als Jesus Christus, weil Er starb und auferstand.

Denn christliche Ethik ist das genaue Gegenteil von Platons Politeia. Christen wollen keine unbarmherzige Gleichmacherei und Entfernung alles Störenden – sondern sie wollen in den Grenzen göttlicher Gebote die Weite des jubelnden, großherzigen, umarmenden Glaubens, daß alle Menschen von Gott geliebt sind.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Wenn Weihnacht nicht wäre

  1. The Cathwalk schreibt:

    Hat dies auf KathStern rebloggt.

    Gefällt mir

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