Zum Nikolaustag

Nikolaos wird Bischof

Verwaist war Myras Kathedra. Da kamen
die Mitrenträger und berieten, wer
in Bischofs Amt und Würden dienen sollte.

Die Zeiten waren hart. Des Kaisers Wüten
erschütterte die ganze Christenheit.
Ein weiser Bischof, auf den alle hörten,
war selbst zu alt für dieses neue Amt.

Zwei Tage waren fruchtlos schon verflossen,
da sprach der Weise: „Brüder, lasst uns beten
und fasten. Möge uns der Herr erleuchten.“
Sie beteten die Vesper, und sie baten:
„Herr, zeige Du uns Myras neuen Bischof!“

Um Mitternacht erwachte jener Weise
vom Strahlen eines Engels, der ihm sagte:
„Hab keine Angst! Denn morgen kommt der Bischof
noch vor der Matutin. Ihn sollt ihr wählen!
Ein Pilger ist es namens Nikolaos.“

Der Weise stand nun betend an der Pforte,
von keiner Müdigkeit beschwert, erwartend –
bis vor dem Morgengrauen, leichten Schrittes,
ein Mann im Ordenskleide zu ihm trat,
der grüßte froh: „Gelobt sei Jesus Christus!“
„In Ewigkeit! – Wie heißt du?“ – „Nikolaos.“

Als sich die Brüder dann zur Mette fanden,
da wies der alte Priester auf den jungen
und sagte, was der Engel angekündigt.
Zwar Nikolaos wehrte ab, bescheiden:
„Als Pilger komme ich aus Heilgem Lande,
bin Mönch vom Kloster Sion, Patara,
zwei Tage weit von hier. Ich bin ein Priester,
doch unerfahren noch. Wählt einen andern!“

Sie aber sagten: „Was der Herr gesprochen
durch Seinen Engel, musst du auch ertragen –
trag du die Mitra, Bischof Nikolaos!“

Und auf der Kathedra der junge Bischof
rückt sich zurecht, ein wenig unbehaglich,
und spürt die Mitra lastend auf der Stirne –

„Mein Herr! Tu, was Du willst. Ich bin Dein Diener.“

© Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Zum Nikolaustag

  1. Chris P. schreibt:

    Sehr schön. 🙂

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