Keine Diskussion mit Lebensschützern!

Gestern fand in der immer noch katholischen Kirche St. Bonifatius ein häretisches Event statt, in dessen Folge zwei Abtreibungsbefürworterinnen über Frauenrechte sprachen. Tobias Klein hat hierüber bereits berichtet, dennoch schildere ich es aus meiner Sicht – denn es geht mich in besonderer Weise an.

Ich möchte an dem ökumenischen Gottesdienst nicht alles kritisieren. Die beiden musizierenden Frauen – Geige, Keyboard und Gesang – waren ausgezeichnete Musikerinnen; besonders die Stimme der Keyboarderin hat es mir angetan. Die Lieder waren zum großen Teil auch wirklich schön (nur das letzte war wirklich das Letzte, vielleicht werde ich es hier gelegentlich verreißen), und das heitere klassische Stück, das die beiden zum Abschluss spielten, stimmte mich versöhnlich. Diese Stimmung sollte sich später geben… aber eines nach dem anderen.

Die Geschichte der Susanna war das Thema, und man hätte sie in einem ökumenischen Gottesdienst (als solcher firmierte das Event) aus der Bibel vorlesen können. Stattdessen gab es eine Zusammenfassung der Geschichte und eine Art Interview mit Susanna. Außerdem stand die Kirche voll mit Dingen zum Mitmachen. Wachsstifte und Papier, um Nein zu schreiben. Blätter, auf die man seine Vorstellung vom Paradies schreiben sollte (ich schrieb: Dort wird niemand Anstoß daran nehmen, daß ich vor Jesus knie und Ihm die Füße küsse). Es lagen Zettel mit Zitaten über Machtmissbrauch aus. Und man konnte eine Kerze anzünden und still beten. Das fand ich vernünftig. Man konnte sich auch den Segen zusprechen und die Hände salben lassen. Nachdem vorher in den Gebeten Gott ständig als „sie“ bezeichnet worden war und das Gebet des Herrn verfälscht worden war, scheute ich davor zurück.

Das Gebet des Herrn war hier nämlich kein Gebet des HERRN. Es begann „Gott, Du eine in den Himmeln“, und statt der Worte „und führe uns nicht in Versuchung“ (gr. καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν, lat. et ne nos inducas in tentationem) sollte man beten „und führe uns in der Versuchung“. Natürlich ist das eine legitime Bitte, aber sie steht nicht im Gebet des Herrn. Mich beschlich der Verdacht, sie sei gewählt worden, weil sie einfacher zu verstehen ist als die wortgetreue Übersetzung. Ich möchte aber als Frau so ernst genommen werden, daß man mir mir auch in einem als „ökumenischer Frauengottesdienst“ bezeichneten Dingsda die schwierigen Texte der Bibel zumutet. Im Wortlaut.

Auch der Schlußsegen richtete sich an irgendein weibliches Wesen, nicht an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Warum in ökumenischen Gottesdiensten übrigens immer gesagt werden muss, daß Gott lacht oder lächelt, weiß ich auch nicht. Selbstverständlich stelle ich mir Gott humorvoll vor (Er muss es einfach sein, um solche Aktionen zuzulassen). Aber wenn man immer wieder betonen muß, daß „sie lacht“, ist das einfach verkrampft.

Anlass der Aktion war der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, an dem in St. Bonifatius immer irgendetwas stattfindet. Nach dem Gottesdings, oder Göttinnendienst, oder was auch immer es war, sprachen im Pfarrsaal Frau Dr. Eva Högl  (SPD) und Birte Rohles (Terre des Femmes) über die Neufassung des Sexualstrafrechts, die unter dem Motto „Nein heißt Nein“ endlich durchgesetzt wurde. Über die Geschichte dieses Paragraphen und auch über seine wohl tatsächliche Notwendigkeit lernte ich viel. Ich hatte ihn zunächst für überflüssig gehalten, weil ja das Gesetz Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung verbietet und ich der Meinung war, bei einer Vergewaltigung kommt das ohnehin alles zusammen. Frau Högl erläuterte auf meine Frage sehr gut, daß es hier doch große Lücken im Gesetz gebe und die genannten Tatbestände eben nicht jede sexuelle Nötigung erfassen. Wenn das so ist, muss es diese Ergänzung im Strafrecht wohl wirklich geben; abschließend beurteilen kann ich es als juristischer Laie nicht.

Eine  Frau wollte thematisieren, daß – wie sie meinte – eine erhebliche Bedrohung von muslimischen Flüchtlingen ausgehe.Es gab mehrere halblaute Rufe aus dem Publikum, aber die Moderatorin war schnell dabei, die Gemüter zu beruhigen und sehr sachlich zu sagen, dies sei nicht Thema des Abends. Ich hätte mir durchaus eine Antwort der Referentinnen gewünscht; sie hätten hier die Möglichkeit gehabt, die offen rassistischen Vorwürfe zu widerlegen. Stattdessen wurde die Frau mit ihren zwar dummen, aber doch subjektiv ernsten Bedenken alleingelassen. Suse Kleins zutreffende Äußerung, es gebe seit Beginn der großen Migrationsbewegungen unserer Tage keinen signifikanten Anstieg an Sexualstraftaten in Deutschland, und der ebenfalls zutreffende Einwurf von irgendwo, die meisten Sexualstraftaten finden im Kreis der Familie statt, gingen in empörtem Gemurmel unter.

Es gab noch mehrere Diskussionsbeiträge aus dem Publikum – im Wesentlichen handelte es sich um Zustimmung zu den Referentinnen. Dann meldete ich mich noch einmal mit einer Frage, die mir am Herzen lag.

Es ist richtig, daß das Gesetz die Schwachen schützt – und daß diese besondere Novelle nötig war, haben Sie gut erklärt. Nun frage ich mich aber, wie es mit dem Schutz der Menschen steht, die noch nicht Nein sagen können.

Entrüstetes Murmeln allenthalben.

Ich meine die Ungeborenen, Sie sprechen sich ja beide deutlich für ein Recht auf Abtreibung aus. Es scheint mir unlogisch…

Vielstimmiges Gebrüll. „Das gehört nicht hierher, Sie schreiben ja auch in diesem Hetzblatt kath.net“, röhrte ein eisgrau behaarter Herr. (Vermutlich meinte er den Artikel des neben mir sitzenden Tobias Klein, vielleicht hielt er mich für seine Ghostwriterin.)

Ich versuchte es noch einmal:

Es scheint mir unlogisch, daß Sie für Frauenrechte kämpfen, aber ein „Recht auf Abtreibung“ öffentlich fordern.

Ich wurde nun auch von den Referentinnen niedergebrüllt. Die Moderatorin tat nichts – außer den Referentinnen zustimmend zuzunicken. Ich versuchte zu argumentieren, daß ich als Katholikin ein Problem mit Abtreibungsbefürwortern in einem Pfarrsaal habe. Das wurde laut missbilligt.

Die Veranstaltung endete bald, und ich wurde von einer Zuhörerin beschuldigt, ich hätte die Diskussion gesprengt.

Nein, das habe ich nicht. Eine wildgewordene Horde Irrer hat das getan, und eine Moderatorin sowie zwei Referentinnen haben es nicht verhindert. Ihre Proteste gegen offenen Rassismus waren viel, viel leiser und kürzer. Diesen allen schrieb jemand ins Stammbuch:

eritis sicut Deus, sapientes bonum et malum.

 

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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13 Antworten zu Keine Diskussion mit Lebensschützern!

  1. E.T. schreibt:

    .
    ihren Mut (oder Ihre Leidensbereitschaft), sich solchen „Veranstaltungen“ auszusetzen, bewundere ich. Verwundert bin ich über die Aussage von Fr. Suse Klein, es gebe keine Zunahme von Sexualstraftaten seit Beginn der Migrationsbewegung der letzten Zeit. Die mir zugängigen Informationen sagen doch etwas anderes..

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  2. Alipius schreibt:

    Daumen hoch für Deinen Versuch, das Thema Abtreibung anzusprechen. Ich weiß nicht, ob es ein Zeichen einsetzender Resignation ist, aber über die Reaktionen des Publikums und der Referentinnen wundere ich mich überhaupt nicht.

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  3. Meerschreibfrau schreibt:

    Ich finde es immer extrem lächerlich und irgendwie erheiternd wenn das „Gendergequatsche“ – er oder sie – auf Gott angewendet wird. Wenn er nicht größer wäre als die Unterscheudung zwischen den Geschlechtern bräuchten wir ihn nicht.

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  4. Meerschreibfrau schreibt:

    Ich finde allerdings auch, dass in einen Pfarrsaal jedes Thema gehört, das die Menschen bewegt und angeht. Aber unter den Höflichkeitsregeln, die für alle anderen Selbsthilfegruppen auch gelten: Man läßt sich ausreden und hört sich zu. Mit Respekt. Denn Respektlosigkeit gehört NICHT in einen Pfarrsaal.

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  5. Pingback: Sonntagsschau (27/11) • Löwenblog

  6. Gabriele v. Fuchs schreibt:

    Abtreibungsbefürworter werden nie verstehen, was gläubige Christen dagegen haben. Ich hoffe immer, dass ein anderes Argument wenigstens zum Nachdenken anregt: Wieviele Kinder wurden allein in Deutschland in den letzten 40 Jahren abgetrieben? Hunderttausende? Über eine Million? Wieviele Kinder hätten diese Kinder bekommen, wenn sie denn hätten leben und erwachsen werden dürfen? Wieviele Kinder fehlen uns heute, die unser demographisches und generationenübergreifendes wirtschaftliches Gleichgewicht gesichert hätten? Genau jene, die abgetrieben wurden. Sie und ihre Kinder fehlen. Weil zuviele Frauen sich eine ihre eigenen Seelen und das Leben ihrer Kinder zerstörende Freiheit herausgenommen haben. Und wieviele Kinder wurden nicht mehr gezeugt, weil als Spätfolge einer Abtreibung die Frau später keine Kinder mehr bekommen konnte, auch wenn sie sich dann eines gewünscht hätte? Zuviele. Und auch darum haben wir heute die Probleme mit unserer Generationenfolge.
    Vielen Dank für Ihren Mut.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das Argument mit der Demographie finde ich schwierig, obwohl es sachlich stimmt. Kinder haben ja nicht dadurch ihren Wert, daß sie eine demographische Größe sind, sondern dadurch, daß sie sind.

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    • Utopio schreibt:

      Ich verstehe allerdings nicht, warum sie es nicht verstehen.

      Beim Thema Abtreibung geht es ja keineswegs nur um eine Glaubensfrage, die ein Atheist nicht verstehen könnte. Es geht auch um eine juristische, biologische und ethische Frage. Unabhängig vom Glauben an Gott bleibt doch die Frage stehen, wann Leben beginnt, und ab wann menschliches Leben ein Anrecht auf Menschenrechte hat.

      Das BVerfG hatte dazu einst eine sehr schöne und sowohl wissenschaftlich wie auch juristisch sehr logische Antwort gegeben … die auch ganz ohne jedweden christlichen Glauben zu verstehen ist:

      Ausschnitt aus dem Urteil von
      „Das sich im Mutterleib entwickelnde Leben steht als selbständiges Rechtsgut unter dem Schutz der Verfassung (Art. 2 Abs. 2 Satz 1, Art. 1 Abs. 1 GG). Die Schutzpflicht des Staates verbietet nicht nur unmittelbare staatliche Eingriffe in das sich entwickelnde Leben, sondern gebietet dem Staat auch, sich schützend und fördernd vor dieses Leben zu stellen.
      2. Die Verpflichtung des Staates, das sich entwickelnde Leben in Schutz zu nehmen, besteht auch gegenüber der Mutter.
      3. Der Lebensschutz der Leibesfrucht genießt grundsätzlich für die gesamte Dauer der Schwangerschaft Vorrang vor dem Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren und darf nicht für eine bestimmte Frist in Frage gestellt werden.“

      Entscheidender Ausschnitt aus der Begründung

      „Die Pflicht des Staates, jedes menschliche Leben zu schützen, läßt sich deshalb bereits unmittelbar aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ableiten. Sie ergibt sich darüber hinaus auch aus der ausdrücklichen Vorschrift des Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG; denn das sich entwickelnde Leben nimmt auch an dem Schutz teil, den Art. 1 Abs. 1 GG der Menschenwürde gewährt. Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm Menschenwürde zu; es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde bewußt ist und sie selbst zu wahren weiß. Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potentiellen Fähigkeiten genügen, um die Menschenwürde zu begründen.“

      Einleitendes Urteil von 1993:

      „Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, menschliches Leben, auch das ungeborene, zu schützen. Diese Schutzpflicht hat ihren Grund in Art. 1 Abs. 1 GG; ihr Gegenstand und – von ihm her – ihr Maß werden durch Art. 2 Abs. 2 GG näher bestimmt. Menschenwürde kommt schon dem ungeborenen menschlichen Leben zu. Die Rechtsordnung muß die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleisten. Dieses Lebensrecht wird nicht erst durch die Annahme seitens der Mutter begründet. “

      In seinen Urteilen hat das BVerfG eindeutig festgehalten, dass das ungeborene Leben bereits eigenständig Träger der Grundrechte und damit auch des Rechts auf Leben zukommt.

      Leider hat es durch gewisse Gestaltungsspielräume, die dem Staat zur Umsetzung der Schutzpflichten eingeräumt wurden, die Möglichkeiten für die gegenwärtige Situation geöffnet.

      Aber ein Recht auf Abtreibung widerspricht nach bisheriger Rechtsprechung eindeutig unserem Grundgesetz und den darin enthaltenen Grundrechten, insbesondere der Menschenwürde und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.

      Leider hat man in der heutigen öffentlichen Diskussion oft den Eindruck, das Gegenteil wäre der Fall und das Recht auf Abtreibung stände im Grundgesetz. Es ist Wahnsinn wie die doch sehr deutlichen Worte des BVerfG so flächendeckend ignoriert werden können, so sehr sogar, dass man sich noch nicht einmal mehr mit dessen Argumenten auseinandersetzt.

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      • Claudia Sperlich schreibt:

        Willkommen, Utopio, und Dank für diesen sachlichen Kommentar!

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        • Claudia Leitner schreibt:

          @ Utopio: Sie zitieren zwar nicht falsch aber doch etwas selektiv. Vor allem das Urteil BVerfG 88 von 1993 sagt jedenfalls auch, dass der Staat das Leben des ungeborenen Kindes nicht durch Strafandrohung schützen muss. Das Urteil wirkt widersprüchlich und ist es auch. Bedingt ist das wohl auch durch die Situation damals kurz vor der sehr knappen Wiederwahl Helmut Kohls 1994. Bereits im Vorfeld des Urteils war klar geworden, dass eine starke Mehrheit im Bundestag für die Beratungsregelung eintrat und dass nur diese als konsensfähiger Vorschlag eine Chance auf Mehrheit hatte. Hätte das BVerfG daher diese Möglichkeit verwehrt, dann wäre er u. Umständen vor der Peinlichkeit gestanden, dass das Urteil im Bundestag vom Gesetzgeber weitgehend ignoriert wird. SPD, Grüne, Linke und FDP hätten niemals für ein Gesetz gestimmt, dass Frauen Strafen androht, Grundgesetz hin oder her.

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