Der Glaube der Atheisten ist so seltsam.

Kaum gibt man sich in der Nähe eines kampflustigen Atheisten als Katholik zu erkennen, kommt die Rede auf die katholische Sexualmoral – als ob das Christentum nichts anderes als diese beinhaltet! Einem Atheisten gegenüber kann ich oft nicht einmal von meiner Begeisterung für Gregorianik und für mittelalterliche Hymnendichtung reden (geschweige denn über meine Liebe zu Jesus Christus), ohne daß er binnen dreißig Sekunden fragt, was wir eigentlich gegen Schwule haben. Dann wird versucht, mich zu überzeugen, daß das Christentum falsch sei wie jede andere Religion auch, und begründet wird dies gern damit, daß es alt sei und sich auf ein altes Buch beziehe. Im weiteren Verlauf kommt dann noch die Theodizeefrage.

Daß ich der Bibel und der Kirche vertraue, hat seinen Grund in langjähriger Erfahrung und in der Beschäftigung mit der Bibel und verschiedenen Formen der Exegese.
Ganz zu Anfang stand ein Damaskuserlebnis, aber ich glaube, wer das begreift, ist kein Atheist. Mir wurde klar, daß es absurd ist, nicht an Gott zu glauben, und daß biblische Aussagen ernstzunehmen sind. Daß ich vor diesem Anfang in Bezug auf Religion doof war, richtig, richtig doof, gestehe ich gern.

Ich weiß aus Erfahrung, daß es für mich und andere besser ist, wenn ich katholisch bin, als wenn ich es nicht bin. Leider beharren viele Atheisten mit religiöser Inbrunst darauf, ich müsse mich irren. (Ach, hätten wir Katholiken doch mehr Missionare mit diesem Eifer – bloß gescheiter und erfolgreicher müssten sie sein!)

Da kommen sie also mit der Theodizeefrage und mit den Droh- und Strafreden der Bibel, und daß es unbiblisch sei, die wegzuerklären. Die Theodizeefrage kann ich nicht beantworten. Schon habe ich in atheistischen Augen verloren, denn die Möglichkeit, daß Menschen schlicht nicht imstande sind, Gott ganz zu erfassen, aber dennoch wissen können, daß er allmächtig und allgütig ist, wird verworfen. Was man nicht vollkommen verstehen kann, kann nicht sein – so argumentieren selbst gebildete Atheisten angesichts der Frage, ob es Gott geben kann. Kein redlicher Wissenschaftler argumentiert so.

Georg Christoph Lichtenberg fällt mir ein. „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?

Gottes Erbarmen zeigt sich in der Schrift immer wieder, und in Jesus vollendet Er dies Erbarmen. Nur wird alles, was nicht leicht zu lesen ist, alles, was die Intelligenz und Bildung eines Paulus oder Johannes und die Begeisterung und Liebe eines Petrus oder einer Mirjam von Magdala benötigt, um verstanden zu werden, missachtet. Man könnte sein neo-humanistisches Hirn ja verwirren.

Nachdem man mir mehrfach blinden Glauben vorgeworfen hat, was eigentlich „eines denkenden Menschen unwürdig“ sei,  wird behauptet, es gebe keine einzige Bibelstelle, laut der Gott unsere Entscheidungsfreiheit schätzt. Die Zeugen Jehovas, also die besten Bibelauskenner (wirklich, so nennt sie ein Diskutant), kennen keine Stelle, laut der Gott unseren freien Willen schätzt.

Gott will in der Tat, daß wir die Wahrheit akzeptieren und auf Ihn vertrauen – ganz einfach, weil das der Weg zu ewiger Freude ist. Er will unsere Freiheit (denn nur aus eigener Entscheidung kann man überhaupt glauben), und Er weist darauf hin, welchen Weg wir einschlagen sollen, um unserer selbst willen. Weltlich gesprochen: Ich bin frei darin, zu entscheiden, ob ich auf der Avus Skateboard fahren lerne. Nicht frei bin ich darin, die Konsequenzen zu tragen, wenn ich mich dafür entscheide. Und dennoch kann ich nach einer Fehlentscheidung Gottes Hilfe erfahren, wenn ich mich ehrlichen Herzens an Ihn wende.

Die Zeugen Jehovas (mit denen und in deren Argumentationsweise Atheisten überraschend gern argumentieren) halte ich zwar für die besten Bibel-in-einer-strittigen-Übersetzung-auswendig-Kenner, nicht aber für bibelkundig. Ich werde ja auch kein Mathematiker, wenn ich Formeln auswendig lerne, ohne sie zu verstehen. Die Zeugen Jehovas haben niemals gelernt, über die Schrift nachzudenken wie die Rabbinen oder wie Augustinus oder wie Thomas von Aquin. Sie sind von vielem überzeugt, was aus der Bibel keineswegs begründbar ist, und verwerfen anderes, was in der Bibel steht oder mit gutem Grund aus ihr abgeleitet wird. Auch haben sie das Konzept der Barmherzigkeit nie begriffen. Christen im eigentlichen Sinne sind sie nicht, da sie die Göttlichkeit Jesu leugnen – also einen Punkt, der für das Christentum konstitutiv ist. Atheistische Fragesteller aber zitieren die Zeugen Jehovas oft und gern und argumentieren wie sie.

Und dann kommt das mit der Homosexualität. Warum wir Katholiken die Schwulen so hassen. Ich antworte, daß sie das keinesfalls tun, wie man dem KKK entnehmen kann, und bin kühn genug, auf die Bruderschaft des Weges hinzuweisen, eine Vereinigung von Schwulen, die keusch leben, weil sie das Ausleben von Homosexualität aus christlicher Überzeugung nicht richtig finden. Sage noch ein paar Sätze darüber, daß Sexualität nach kirchlicher Überzeugung eine wundervolle, in sich heilige Sache ist, von Gott gegeben – und daß sie immer eine Offenheit für Kinder beinhalten soll.

Nun folgt: die Kulturgeschichte der Sexualität sei eine Geschichte von Gewalt und Macht.

Die Kulturgeschichte der Sexualität (und aller anderen Dinge auf der Welt) ist auch das, aber keineswegs nur das. Mir sind zahlreiche Werke bekannt, die von einer fröhlichen, unverklemmten und nach christlichen Maßstäben legitimen Sexualität sprechen, allen voran Bilder des frommen Calvinisten Rembrandt. Abgesehen davon ist „Kulturgeschichte“ und „Geschichte des Christentums“ nicht ganz dasselbe. Daß Frauen im antiken Griechenland rechtlos waren, geht nicht auf die Kappe des Christentums – daß Frauen der Spätantike massenhaft zum Christentum konvertiert sind, hatte einsehbare Gründe.

Nun  werde ich  auf zölibatäre Triebunterdrückung angesprochen, die angeblich ganz furchtbar ist, schrecklich und ungesund und eigentlich gar nicht möglich. Einvernehmlicher Sex sei immer eine Privatsache, in die niemand sich einmischen dürfe.

Man mischt sich also fröhlich ein, wenn Menschen aus freiem Willen keinen Sex haben, aber wenn sie Sex haben, darf man keine Meinung dazu haben? Das finde ich bizarr – umso mehr, als von atheistischer Seite der Hinweis folgt, risikobehaftete und verletzungsträchtige Sexualpraktiken seien unmoralisch und schädlich, worüber „wir“ uns wohl einig seien.

Ich bin durch staatliches Gesetz verpflichtet, den Trieb, meinem Diskussionspartner tatsächlich oder verbal eine zu scheuern, zu unterdrücken, was ihm gewiß recht ist. Die Kirche hingegen fordert zwar auch, daß ich es sein lasse (die Ohrfeige ist hier nicht ultima ratio!), trägt mir aber zugleich auf – und hilft mir – diesen Trieb zu sublimieren, indem ich ihn vor Jesus trage und Ihn bitte, meine Aggressionen in etwas Gutes zu wandeln, zum Beispiel in einen Blogartikel.

Nun folgt ein süffisanter Hinweis, daß die Schwangerschaft einer Jungfrau biologisch nicht möglich sei. Ja, lieber Atheist, das weiß ich. Deshalb sprechen wir im Falle der Seligen Jungfrau und Gottesmutter von einem Wunder.

Nach einem kurzen Exkurs des Atheisten, daß Muslimen die Selbstbefriedigung verboten sei und der Islam höchst gewalttätig, und da sehe man mal, wohin Triebunterdrückung führt, gebe ich auf. Christen ist ebenfalls die Selbstbefriedigung verboten; ich scheuere ihm trotzdem keine, und wenn doch, dann nicht deshalb.

Falls der Exkurs über die Muslime bedeuten sollte, daß alle Religionen gleich schrecklich sind und die Welt ohne Religion ein besserer Ort wäre, möge der Atheist sich bitte mal genau mit der Geschichte der religionslosen Staaten beschäftigen. Also mit der UdSSR, dem nationalsozialistischen Deutschland, der DDR, Kambodscha unter den Roten Khmer, der Sozialistischen Republik Vietnam, der Volksrepublik China, der Repubik Kuba, Nordkorea.

Nun ist er beleidigt, der Atheist. Und er hat mich immer noch nicht gefragt, warum ich überhaupt an Jesus glaube und was ich davon habe, was die Sakramente eigentlich sind, warum ich mit Flammen im Herzen vor einem Stück Brot knie, warum es Gelübde gibt und was mich am Aquinaten so fasziniert und an der Gregorianik, warum ich glaube, es gebe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Religion und Kultur, und wieso ich im Advent faste. Im Grunde hat er Antworten auf Vorwürfe provoziert, um diese dann als unvollkommen, unsachlich, ausweichend, naiv oder eines denkenden Menschen unwürdig zu bezeichnen. Er war also von vornherein keine Sekunde lang an einem Dialog interessiert, sondern daran, seine unverrückbare Meinung über eine Religion, von der er keine Ahnung hat, in wohlgesetzten Worten zu äußern.

Zum Ausgangspunkt: Ich verstehe den Glauben der Atheisten nicht, weil die kämpferischen Atheisten (um die, die mich einfach in Ruhe lassen, geht es hier nicht)

  • Gespräche anfangen, ohne die Gegenseite überhaupt wahrnehmen zu wollen,
  • immer von Sex reden, wenn sie „katholisch“ hören, und zwar sofort und pausenlos, und das Christentum auf die katholische Sexualmoral reduzieren,
  • jedes Argument für die Wahrheit des Christentums beantworten, indem sie zum nächsten Thema abschwenken oder behaupten, daß man eben spinnt,
  • sich niemals auf geistig hochstehende christliche Denker beziehen, sondern mit Vorliebe auf Sektierer, auf Zeugen Jehovas und Muslime,
  • mit Vorliebe zu Beginn einer Diskussion Kreide verspeisen, um am Ende in gebildet scheinender Weise zu sagen, daß man mit Christen eben nicht reden kann, nachdem sie den auskunftswilligen Christen mit indiskreten Fragen bombardiert haben, aber immer noch nicht wissen wollen, wer dieser Jesus eigentlich ist.

Ich gehe soweit zu sagen, daß ich Atheismus bescheuert finde. Symptome hierfür habe ich angegeben. Der eigentlich Grund aber ist auch der Grund von allem anderen. Der eigentliche Grund ist Gott.

Atheisten! Bei Christen klingeln und sagen „Wir wollen mit Ihnen über die Sinnlosigkeit des Christentums sprechen“ ist sinnlos. Wenn Ihr mit Christen über das Christentum diskutieren wollt, informiert euch erst einmal über das Christentum. Neben Bibeln gibt es in jeder öffentlichen Bücherei auch etwas von Ratzinger / Benedikt XVI. Im CIC und im Katechismus steht Grundsätzliches. Josef Bordat schreibt gut verständlich. Radio Horeb bietet zahlreiche Informationen (z.B. in der Sendereihe Credo) und ist zudem unterhaltsam.

Allerdings kann es bei genauer Information über das Christentum auch passieren, daß man es auf einmal mag. Daß man (Pech für den Atheismus – Glück für den Atheisten) auf einmal erkennt, wie sinnvoll Jesajas Aufruf ist:

Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!
Jes. 60,1

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Der Glaube der Atheisten ist so seltsam.

  1. Muriel schreibt:

    Wenn man es leid ist fortwährend mit so doofen Klischees konfrontiert und als Zerrbild wahrgenommen zu werden, in’s findet, dass das die Kommunikation unnötig erschwert, und dass man lieber auf individueller und offener und freundlicher Basis miteinander reden sollte – müsste es dann nicht, gerade für eine Christin, naheliegend sein, erst mal selbst damit anzufangen?

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  2. Christian schreibt:

    Tja, Triebgesteuerte können sich eben nicht vorstellen, dass man seine Triebe, welcher Art auch hintanhalten kann. Dabei ist genau das die Kulturleistung unserer westlichen Welt, die Norbert Elias den Prozess der Zivilisierung nannte. Norbert Elias war einer der berühmtesten Soziolgen des 20. Jhdts., der muss wohl auch für einen Nicht-Christen Geltung haben.

    Was die Alten noch wussten, führt es nach Sodom und Gomorrha, wenn jeder frech nach seiner Laune, seinen wilden Trieben frönte. Leider ist dieses Wissen abhanden gekommen.

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  3. Chris P. schreibt:

    Ich sehe die Vernunft in der Diskussion zwischen Christen und Atheisten nicht eindeutig auf nur einer Seite. Für mich gibt es sowohl Dinge die für, als auch die gegen die Position des Christentums sprechen. Für mich war Glauben eher eine Frage der Wahl – ich kann mich angesichts unklarer Faktenlage auf die Seite stellen, deren Ansichten tief in der Kulturgeschichte Eurasiens verwurzelt sind, die den Menschen als Teil einer Schöpfung zugleich achtet, aber auch zu Bescheidenheit aufruft, und die im Großen und Ganzen das Wohl der Welt voranbringen möchte, und sehen, was diese Entscheidung mit und aus mir macht. Oder ich nehme eine, die das aus meiner Sicht in ihrer Beliebigkeit und Werteindifferenz eben nicht durchgängig tut. Dabei habe ich Respekt vor denjenigen Leuten, die sich anders entschieden haben. Es wäre schade, wenn wir nicht ohne genervt zu sein miteinander reden könnten, denn es gibt, so denke ich, durchaus einiges voneinander zu lernen.

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  4. Thomas schreibt:

    Das es in den Gesprächen mit Atheisten eher um Sexualität geht und weniger um den Glauben an sich, zeigt ein für mich schon sehr merkwürdiges, ja krankhaftes Verständnis von Glauben bei vielen Atheisten.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen und Dank für den Kommentar.
      Ich stimme zu und stehe zugleich ratlos vor dem Problem. Es ist ja nicht so, als gebe es keine klaren Aussagen über den Glauben – die man nur zur Kenntnis nehmen muss.

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  5. Cornelie schreibt:

    Hallo Claudia, gut nachvollziehbar, was Du schreibst – hab ich auch durch. Zum Thema Atheismus habe ich neulich einen Sketch geschrieben, vielleicht gefällt er Dir, guck doch mal: http://www.pulchra-ut-luna.de/2016/10/und-jetzt-gott-in-sicht-53-jahre-gagarin-in-erfurt/ (hat eine kurze Einleitung, dann kommt er und heißt „Der Menschenbeweis“). Eine ganz einfache Geschichte, die jedem Gesprächspartner klar machen müßte, daß Atheismus schlicht ein unmöglicher Standpunkt ist. Viele Grüße Cornelie

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