Dem Doktor Luther kann ich mich nicht entziehen.

Mögen andere Katholiken ihn in Grund und Boden verdammen, und das auf sehr unsachliche und zum Teil auch rundheraus falsche Weise (denn Luther hat, man mag es wollen oder nicht, als Übersetzer ein großes Werk vollbracht und unsere Sprache geprägt), und mag ich auch vieles ganz falsch finden, was meine protestantischen Freunde und Glaubenshalbgeschwister ganz oder teilweise richtig finden und anderes mit jenen vereint verurteilen – Martin Luther ist mein Kollege als Dichter, und wahrlich keiner der geringsten in den Gauen von Sachsen-Anhalt.

Ein feste Burg ist unser Gott, dies protestantische Kampflied, das ich so liebe und in dem ich gar nichts finde, was ein Katholik nicht aus vollem Herzen mitsingen könnte, ist für mich eines der schönsten deutschen Glaubenslieder überhaupt, und zu meinen Wunschträumen gehört, es in einem vierstimmigen Chorsatz a capella bei der Mittwochsaudienz auf dem Petersplatz zu singen.

Ähnlich eindrucksvoll ist Luthers Adaption des 130. Psalms, Aus tiefer Not – das ist kein gemütlich-biedermeierlicher Protestantismus, sondern das Lied eines Menschen, der mit Gott und der Welt hadert und ringt, bis er endlich eingesteht: ER ist allein der gute Hirt.

Im Advent erklingt zu meiner Freude auch Luthers Übertragung des ambrosianischen Veni redemptor gentium: Nun komm, der Heiden Heiland. (Ich bin auch nicht neidisch, daß Luthers Version berühmter ist als meine. Dafür ist meine vollständiger. An dieser Stelle werbe ich frech für mein zweisprachiges Hymnarium.) Zu Weihnachten möche ich nicht auf den lutherschen Engel mit der guten neuen Mär verzichten.

Luther verehrte Maria, auch wenn er ihre leibliche Aufnahme in den Himmel nicht annahm. Die sternengekrönte Frau aus der Johannesapokalypse sah er zwar nicht als Maria, sondern als Bild der Kirche, aber das fließt für mich Katholikin ja ineinander, und ich lese das folgende Lied (das in evangelischen Kirchen so gut wie nie gesungen wird) mit katholischem Blick auf die Apokalyptische Madonna.

Ein Lied von der heiligen christlichen Kirche, aus dem 12. Kapitel der Offenb. Joh..

Sie ist mir lieb, die werte Magd
und kann ihr nicht vergessen,
Lob, Ehr und Zucht von ihr man sagt,
sie hat mein Herz besessen.
Ich bin ihr hold,
und wenn ich sollt
groß Unglück han,
da liegt nicht an;
sie will mich des ergetzen
mit ihrer Lieb und Treu an mir,
die sie zu mir will setzen
und tun all mein Begier.

Sie trägt von Gold so rein ein Kron,
da leuchten inn zwölf Sterne,
ihr Kleid ist wie die Sonne schon,
das glänzet hell und ferne;
und auf dem Mon
ihr Füße stohn;
sie ist die Braut,
dem Herrn vertraut.
Ihr ist weh und muss gebären
ein schönes Kind, den edlen Sohn
und aller Welt ein Herren,
dem sie ist unterton.

Das tut dem alten Drachen Zorn
und will das Kind verschlingen,
sein Toben ist doch ganz verlorn,
es kann ihm nicht gelingen.
Das Kind ist doch
gen Himmel hoch
genommen hin
und lässet ihn
auf Erden fast sehr wüten.
Die Mutter muss gar sein allein;
doch will sie Gott behüten
und der recht Vater sein.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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