Tag der Einheit, am Abend

Ich war heute auf einer einzigen Feier – der morgendlichen Messe. Mehr nicht, und zwar aus zwei Gründen. Erstens fühle ich mich in großen Menschenmengen nicht besonders wohl. Zweitens bin ich erkältet.

Was meine jesidische Mitbewohnerin mir von diesem Tag erzählte, ist schön: Sie war mit einer anderen Frau bei einem Dankgottesdienst im Berliner Dom, dann im Museum, und sie war von beidem begeistert. Sie hat viele frohe Menschen auf der Straße gesehen.

Über facebook sehe ich auch die andere Seite der Einheitsfeier: aufgebrachte Pöbler, die diesen Freudentag mißbrauchen, ihrem Unmut auf undemokratische Weise freien Lauf zu lassen.

Ich bin froh und dankbar, daß es die DDR nicht mehr gibt, und zugleich traurig, daß die Mauern in den Köpfen so haltbar sind und sogar nachwachsen. Aber viel größer als die Trauer ist der Dank.

Meine Familie war nicht durch die Grenze zerrissen. Aber als Westberlinerin hatte ich die Absurdität der Mauer vor Augen. Am Tag des Mauerfalls saß ich gemütlich und ahnungslos zu Hause und hörte Musik, meine Mutter rief an und sagte: Claudia, die Mauer ist weg! – und meine erste Reaktion war das Warten auf die Pointe eines Witzes. Dann fuhr ich los und sah den Kurfürstendamm vollständig eingenommen von Fußgängern. Die meisten waren aus dem Ostteil Berlins (man konnte sie damals ziemlich sicher an der Kleidung unterscheiden), und es war eine feierliche und fröhliche Atmosphäre.

Ich will heute nicht über enttäuschte Hoffnungen schreiben und nicht über verfehlte Politik. Die große Verfehlung eines diktatorischen Staates ist unblutig überwunden.

Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen.
Der große Dinge tut
An uns und allen Enden,
Der uns von Mutterleib
Und Kindesbeinen an
Unzählig viel zu gut
Bis hierher hat getan.

Der ewig reiche Gott
Woll uns in unserm Leben
Ein immer fröhlich Herz
Und edlen Frieden geben
Und uns in seiner Gnad
Erhalten fort und fort
Und uns aus aller Not
Erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott,
Dem Vater und dem Sohne
Und Gott, dem Heilgen Geist
Im höchsten Himmelsthrone,
Ihm, dem dreieinen Gott,
Wie es im Anfang war
Und ist und bleiben wird
So jetzt und immerdar.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Tag der Einheit, am Abend

  1. War übrigens das Schlußlied bei unserer Hochzeit!

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  2. Herr S. schreibt:

    Ich finde seit der Maueröffnung auch den Text des 85. Psalms (im Gotteslob Nr. 633,5-7) treffend und trotz mancher Widrigkeiten passend und bete ihn seit damals möglichst vor jeder Hl. Messe für unser Volk.

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