Ich, wir und die anderen

Fast täglich höre oder lese ich, wie „wir“ sind – fast immer als Negativaussage. Wir sind ein von den 68ern geprägtes Volk der Beliebigkeit. Wir sind im Grunde nicht mehr christlich. Wir haben die elementaren Werte der Zivilisation vergessen.

Wir finden das… nein: Ich finde das interessant. Grammatisch schließt das Wir den Sprecher ein. Wir heißt: Alle, die ich anspreche, und ich selbst in gleicher Weise. So kann es beschreibende, aber auch auffordernde Sätze einleiten (Wir schaffen das ebenso wie Lasset uns beten). Es kann auch die Bitte einer Gruppe einleiten, zu der der Sprecher sich zählt: Wir armen Sünder, wir bitten dich, erhöre uns. In all diesen Fällen wird Wir grammatisch richtig benutzt.

In den eingangs zitierten und ähnlichen Sätzen gibt der Sprecher dem Pronomen eine neue Bedeutung – bei ihm heißt es „die Angesprochenen, zu denen ich mich nicht zähle, die aber zur gleichen Gruppe gehören wie ich und deshalb besser genau so handeln würden wie ich“. „Wir vernachlässigen unsere Kultur“ heißt: „Ihr gehört in den gleichen Kulturkreis wie ich, vernachlässigt jedoch diese Kultur, ganz im Gegensatz zu mir, der sie pflegt.“

Ich möchte in Zukunft auf derartige Klagen antworten: „Macht Euch nicht schlechter als Ihr seid, Majestät.“

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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7 Antworten zu Ich, wir und die anderen

  1. kosinsky schreibt:

    Das Christentum ist ein Individualismus. In verschiedenen dialektischen und anderweitig zusammengesetzten und fragmentierten Varianten.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich weiß nicht genau, was Du damit meinst. Ich würde sagen: Wir Christen sind geeint durch den Glauben – und ich als Christin bin wie jeder Christ ein individueller Mensch vor Gott. Ich als Mensch bin eben dies wie jeder Mensch.

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      • kosinsky schreibt:

        Was ich damit unter anderem subjektiv meine ist, dass das Christentum in verschiedenen Varianten (ich glaube auch das orthodoxe Christentum) die Gleichzeitigkeit verschiedener Aspekte und die Individualität der Existenz akzeptiert oder zumindest (mehr oder weniger offen und auf verschiedene Arten) aufgenommen hat in seine Theorie und Praxis.
        Die Individualität aller Dinge, die für das Christentum vor Gott ist und von Gott ist.
        Selbst im Ordo-Gedanken (des Mittelalters?) ist die Welt nicht ein monolithischer Block, sondern die Menschen sind individuell komponiert und weisen verschiedene Talente, Sünden und Wege auf. Diese explizite oder implizite Akzeptanz der Pluralität kann man u.a. erzählen als im Katholizismus vielleicht eher Pragmatismus, im Protestantismus mehr theoretisch fundiert. Der Katholizismus ist sich der Vielheit bewusst und lässt das Individuelle (wenn es keine zu starken sozialen Gruppenbildungen hervorbringt) unter dem Dach einer gemeinsamen Orientierung in Unterschiedlichkeit gemeinsam sein. Der Protestantismus teilt (zumindest theoretisch) teilweise auf in Weltliches und Geistliches.
        Vereinfacht und metaphorisch erzählt/konstruiert ist der/im Katholizismus eine offenere Kultur und eine einheitlicherer Glaube und beim Protestantismus (bis ins 20. Jahrhundert) umgekehrt.

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  2. Gabriele v. Fuchs schreibt:

    Christ sein heißt, die von Christus angeforderte Verantwortung für das eigene Handeln und Leben anzunehmen und ernst zu nehmen. Erwachsen zu sein und zu handeln. Ich als Person habe eine Verantwortung, kann etwas bewirken, für meine Umgebung und für die Welt aus meinem Glauben an Christus heraus (Bsp. HL Mutter Teresa). Gleichzeitig sind Christen aber Schwestern und Brüder im Herrn, bleiben wir Christen Kinder Gottes und sollten uns besonders nahe stehen (was leider durch den Mainstream in diesen Notzeiten für viele Christen erfolgreich verhindert wird).
    Das ist mein persönliches Empfinden.
    Christentum als Individualismus zu verstehen, der auch noch fragmentiert ist, heißt m.E., meilenweit am Verständnis des christlichen Glaubens vorbeizudenken bzw. ihn nicht wirklich begriffen zu haben. Gerade Christen leisten überall in der Welt Dienst an den Menschen im Namen des Dreieinigen Gottes, m.E. oft mehr, als viele andere Glaubensgruppen. Christentum ist für mich auch Verstehen mit dem Herzen und der Seele. Zusammenwirken von Glauben und Vernunft (besser als es unser Papst Benedikt formuliert hat, kann man es wirklich nicht ausdrücken.)

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    • kosinsky schreibt:

      Bei Kommunikation über das Verständnis von Begriffen ist es ja (die subjektive Aussageabsicht möglichst wenig verfälschend, aber meist der Zeit und der Sprache wegen in seiner Pluralität reduziert) eine Frage der Definition.

      „Christentum ist für mich auch Verstehen mit dem Herzen und der Seele.“

      Das widerspricht meinem subjektiven Verständnis von Individualismus nicht. Ich würde derzeit formulieren: Die Individualität aller Dinge geht dem Willen oder Versuchen von Verständnis (rekonstruktions-logisch und/oder metaphysisch) voraus. Der Versuch den Menschen zu verstehen kann dann damti starten, die Individualität der Existenz (des Individuellen) anzunehmen, um daraus gegenseitiges moment- oder aspekt-bezogenes, oder anderweitig anklingendes, Verstehen zu ermöglichen. Als ein (zumindest in der Absicht/gegenseitigen Individualitäts-Anerkennung) gleichberechtigtes Treffen, das auf individuell verschiedene Arten oder auf verschiedenen Ebenen geschehen kann.

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  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Eigentlich ging es mir ja um den falschen Gebrauch des Wortes „wir“.
    Egal von wem.

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    • kosinsky schreibt:

      „Wir“ – und vermutlich alle Plurale – werden gerne vereinnahmend und abgrenzend verwendet.
      In der Geschichte des Christentums kommt meiner Einschätzung nach das „Wir“ auch in der anmaßenden, entpersönlichten Form vor. Aber im Geist des Christentums könnte eben grundsätzlich eine Indvidualität aufgewiesen sein, die ein die Personalität auflösendes „Wir“ nicht mit Christentum begründbar macht (nur in Ideologien, die das Christentum für andere Konstruktionen verwenden wollen).

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