Argumente gegen den unbedingten Schutz menschlichen Lebens

1. Es ist noch kein richtiges Leben, kein Mensch, nur ein Zellhaufen.

Mit der Befruchtung entsteht DNA  aus den zwei haploiden Chromosomensätzen der Eltern ein neuer, in dieser seiner Kombination einzigartiger diploider Chromosomensatz eines unverwechselbaren Menschen. Der Biologe nennt es Leben (und die Biologin Suse machte mich auf den „DNA-Fehler“ aufmerksam).
Die befruchtete Zelle teilt sich, die Zellteilung geht weiter – die Morula ist in ihrer strengen Ordnung offensichtlich klarer strukturiert als ein Mensch, der dies schreiben und lesen kann. Mit meinen 54 Jahren bin ich einem Haufen sehr viel ähnlicher als ich im Morula-Stadium war; dennoch hoffe ich zuversichtlich, daß selbst die lautesten Krakeeler gegen den Marsch für das Leben meine Beseitigung nicht legalisieren wollen.

2. Die Frau hat ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung!

Das ist strenggenommen gar kein Argument gegen die Anliegen der Lebensschützer und keines für die Legalisierung von Abtreibung. Denn die Tötung eines Menschen, gleich wo er sich befindet, hat nichts mit Sexualität zu tun. Es sei denn, man definiert Menschen ausschließlich als „das, was beim Sex rauskommt“. (Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Leute gibt, die sich und andere Menschen ausschließlich als das Ergebnis einer Sexuellen Beziehung sehen, kann es mir aber kaum vorstellen.)
Wenn man schon irgendeinen Zusammenhang zwischen sexueller Selbstbestimmung und Tötung eines Menschen herstellen will, könnte man mal über die sexuelle Selbstbestimmung des Ungeborenen reden. Das ist ein Mensch, der viel später entscheiden könnte, wie er mit seiner Sexualität umgeht. Zunächst einmal hat das Ungeborene das Recht, im Mutterleib zu sein – so die atheistische Lebensschutzbewegung Libertarians for Life.

3. Abtreibungen verhindern das Leid unheilbar kranker Kinder!

Das ist tatsächlich ein gar nicht so selten gehörtes Argument. Wie jetzt – „Ich bring dich um, weil das besser für dich ist“? Und dann beleidigt sein, wenn man das Euthanasie nennt? Ich wollte in diesem Artikel eigentlich ganz ruhig bleiben, aber bei diesem Argument gelingt mir das nicht.

4. Wenn Abtreibungen nicht legalisiert werden, gehen die Frauen zu Engelmacherinnen!

Sehen wir einmal davon ab, daß Abtreibung in Deutschland keineswegs legal ist, sondern unter bestimmten, sehr liberal interpretierten Umständen straffrei (was aber de facto einer Legalisierung nahekommt). Man könnte genauso gut sagen: „Wenn wir Gatten- und Verwandtenmord nicht legalisieren, dann gehen die Leute zu einem Auftragskiller oder machen es selber, das ist viel schlimmer.“ Also muss man dann, nachdem man in einer Beratungsstelle ausführlich dargelegt hat, daß die Tötung des Gatten oder Verwandten die einzige Möglichkeit ist, dem Antragsteller unzumutbares Leiden zu ersparen, ein Formular ausfüllen und bekommt einen approbierten Killer, der den Job diskret und professionell erledigt.
Keine gute Idee? Aber würde das nicht ein paar unprofessionell und leidvoll ausgeführte Morde ersparen?

5. Schließlich wird ja auch nur selten abgetrieben!

Tatsächlich wird in Deutschland auch nur selten ein bereits geborener Mensch ermordet. Das ist aber kein Argument für die Legalisierung von Mord. Wie häufig etwas geschieht, sagt nichts über die moralische Qualität des Ereignisses.
In den Jahren 2008 bis 2011 war die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland getötet zu werden, für Ungeborene 41 mal so hoch wie für Geborene. 2013 wurden 45mal so viele Kinder abgetrieben wie es Todesfälle Geborener im ersten Lebensjahr gab. Nach dem leichten Absinken im letzten Jahr gab es im zweiten Quartal 2016 gab es einen Anstieg der Abtreibungsziffern um 1,9%. Grob gerechnet, werden seit vielen Jahren in Deutschland jährlich mehr als hunderttausend Abtreibungen vorgenommen, das sind täglich über 270.
Würden täglich europaweit zehn Grundschulklassen durch Amokläufer ausgelöscht, fände das die überwiegende Mehrheit sehr schlimm. Etwa die gleiche Anzahl an Menschen wird täglich in Deutschland vor der Geburt getötet, ohne daß es besonders störend wirkt.

Mich störts aber schon. Deshalb nehme ich am 17. September zum fünften Mal am Marsch für das Leben teil.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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