Muss man leben, auch wenn man nicht will?

Auf dem Marsch für das Leben wird regelmäßig nicht nur gegen Abtreibung, sondern auch gegen Beihilfe zum Selbstmord Flagge gezeigt. Das ist wohl noch mehr Menschen unverständlich und befremdlich.

Argumentiert wird so:

Wenn ein Mensch selbst entscheidungsfähig ist, warum soll er dann nicht seinem Leben ein Ende setzen, und warum soll er dazu nicht ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen? Wenn ein Mensch durch Krankheit oder Behinderung ein nur noch qualvolles, auf ein geistarmes Minimum reduziertes Leben hat, wenn er merkt, daß eine heimtückische Krankheit ihm in Kürze alle Möglichkeit zur Eigenbestimmung nehmen wird – ist es dann nicht sein Recht, zu entscheiden, in Würde zu gehen, solange er das noch kann, statt jahrlang sabbernd und jammernd in einem Pflegebett zu liegen?

Die häufigsten Gegenargumente von Lebensschützerseite sind leider meines Erachtens schwach. Sie lauten:

– Man muss Menschen Mut machen zum Leben!
– Man muss, statt der Selbsttötung zu assistieren, die Palliativmedizin verbessern!
– Man muss Sterbende liebevoll im letzten Abschnitt des Lebens begleiten!

Für sich genommen, stimmt das alles, und kein Mensch, der assistierten Suizid befürwortet, wird da ernstlich widersprechen. Nur wird es immer – und je älter wir werden, desto mehr – Krankheiten und Behinderungen geben, die äußerst schmerzhaft und seelisch in höchstem Maße belastend sind. Dazu gehört z.B. Demenz, der schleichende geistige Verfall, verbunden mit Angst und Einsamkeit selbst bei bester Pflege und Zuwendung, weil der Kranke seine Geschichte, seine Nächsten, seine Kinder vergisst. Angenommen, ich bekäme eine solche Diagnose – ich würde durchaus meinen Tod ersehnen. Allerdings hoffe ich sehr, daß ich die Sache nicht selbst in die Hand nähme – denn ich bin nicht Herr über Leben und Tod, und ich darf keinen anderen Menschen dazu machen.

Dabei sind das Dammbruchargument und die berechtigte Furcht, eine allgemeine Akzeptanz von assistierter Selbsttötung führe zu einer sozialen Pflicht, sein unbequemes Selbst entfernen zu lassen, zwar gute Argumente gegen assistierten Suizid, aber auch sie treffen nicht den Kern des Problems.

Man darf sich nicht töten und nicht töten lassen, einfach weil man lebt – weil ein Selbstmord nicht nur den Wert des eigenen, sondern jedes Menschenlebens relativiert. Auch wer nicht an Gott glaubt, kann das verstehen.

Ich darf leben, und ich habe zu leben – auch wenn es unbequem wird.

Ich werde am Marsch für das Leben teilnehmen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Muss man leben, auch wenn man nicht will?

  1. Claudia Leitner schreibt:

    Sie haben hier ein paar interessante Gedanken in diesem Artikel obwohl ich das ceterum censeo hier noch nicht nachvollziehen kann. Vor allem der letzte Absatz erschließt sich mir ohne religiösen Hintergrund nicht vollständig.

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