Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird?

Auf Cathwalk hat Monsignore Florian Kolfhaus einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema Demut geschrieben. Die Diskussion darunter verlief leider etwas unglücklich. Da mich das Thema aber sehr beschäftigt und ich um Antwort ringe, versuche ich hier, meine Gedanken dazu deutlich zu machen.

Wörtlich ist Demut „dienende Gesinnung“ (das mittelhochdeutsche „muot“ kann nicht einfach mit dem neudeutschen „Mut“ gleichgesetzt werden).
Meiner Auffassung nach gehört dazu, das selbst erlittenes Unrecht auch mal herunterschlucke und übergehe, aber zugleich das anderen Menschen zugefügte Unrecht als solches benenne. Den Teil mit dem Herunterschlucken habe ich allerdings noch nicht gelernt.

Es geht mir dabei nicht nur um das Übergehen alltäglicher Nickeligkeiten (auch wenn das zuweilen schwer genug fällt). Es geht mir um den Verzicht auf das Rechtbehalten um jeden Preis. Und wenn es noch so Recht wäre!

Das ist etwas anderes als der nie ganz wahrheitsgetreue Satz „Du hast Recht und ich meine Ruhe“ – der ist Ausdruck der praktischen Vermeidung sinnloser Diskussionen, ist in sich weder Recht noch Unrecht und schon gar nicht demütig (im Gegenteil, der Satz kann sehr von oben herab gesagt werden). Es geht vielmehr um die Nachfolge Jesu in ihrer für mich krassesten, schwersten Form.

Bei Jesaja heißt es über den Messias:

Er wurde mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut.

Vermutlich nach dem Exil entstanden, liest sich dieser Vers wie eine Antwort auf die für viele heutige Christen aktuelle Klage aus dem Exil:

Ja, um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet.
Ps. 44,23

Bei Hiob heißt es gar:

Wenn wir das Gute von Gott annehmen, sollten wir da das Böse nicht auch annehmen?

Ich darf und will nicht schweigen, wenn es um Unrecht geht, das andere leiden. Im Gegenteil, ich muss mich in Wort und Tat dagegen einsetzen, so gut ich kann. Würde ich einem nigerianischen oder syrischen Christen nur einfach Jesaja 53 und Hiob 2 vor die Nase halten, wäre ich eine unerträgliche Heuchlerin. Zugleich aber habe ich für mich selbst zu akzeptieren, daß mir vielleicht irgendwann ähnliches blüht – und daß ich, wie fast jeder, hin und wieder Unrecht am eigenen Leib erfahre.

Ist das unlogisch? Unrecht, das andere leiden, als solches benennen, solches, das ich leide, aber nicht – und beide Male auf der Grundlage des Glaubens handeln?

Ich bin heute sicher, daß ich in mehreren Fällen mir widerfahrenes nicht ganz kleines Unrecht besser geschluckt hätte, um seine Konsequenzen so gering wie möglich zu halten. (Ich rede jetzt nicht von meiner Unbeherrschtheit bei Nickeligkeiten, die kommt dann noch hinzu und steht auf einem anderen Blatt.) Allerdings glaube ich, damit noch lange nicht bei der Hauptsache zu sein: beim Ertragen von Unrecht immer dann, wenn Gott es will, und nur deshalb, weil Er es will. Nicht, weil ich es verstehe (da könnte ich lange warten).

Dieser Artikel wird nicht fertig, denn ich bin wohl noch lange nicht fertig mit dem Thema. Einstweilen kann ich nur hoffen, halbwegs richtig zu liegen, und mich darum mühen, hinzunehmen. Und wenn ich falsch liege und gar nicht hinnehmen sollte? Dann nennt man das „irrendes Gewissen“. Kommt vor.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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