Bluttest als Kassenleistung

Die Kassen übernehmen schon seit langem Tests auf eventuelle Trisomie Ungeborener.
Risiken bei der Chorionzottenbiopsie sind Spontanabort, Bildung von Antikörpern bei Rhesus-Inkompabilität (mögliche Folge: Sauerstoffmangel beim Kind) und Deformation der Gliedmaßen.
Bei der Fruchtwasseruntersuchung bestehen ähnliche Risiken, außerdem kann das Kind durch die Nadel verletzt werden.
Mit anderen Worten: die von der Kasse zahlbaren Tests auf Trisomie des Ungeborenen bergen die Gefahr, daß das Kind stirbt, gleich ob es behindert ist oder nicht.

Nun wird überlegt, auch Bluttests als Kassenleistung zuzulassen. Bisher müssen solche Bluttests auf Trisomie privat bezahlt werden.

Das Argument für diesen Test ist, daß er dem Kind keinen unmittelbaren Schaden zufügt. Auch für die Mutter ist er schonend.

Wenn ein solcher Test regelmäßig dazu diente, Eltern bei Risikoschwangerschaften erheblich vor der Geburt eine relative Gewissheit über den Gesundheitszustand des Kindes zu verschaffen, wenn dann die regelmäßige Folge bei Eltern von Trisomiekindern wäre, daß sie sich in möglichster Ruhe vor der Geburt umfassend informieren, wie sie ihren so besonderen Sprößling pflegen und wo sie Hilfe bekommen, wäre ich ganz für diesen Bluttest. (Tatsächlich hatte ich genau diese Gedanken, als ich mit über 35 Jahren ein Kind wollte.) Es könnte Schwangeren große Ängste ersparen.

Leider ist das nicht das gewöhnliche Ziel solcher Tests. 90% aller Down-Syndrom-Kinder werden abgetrieben – das ist die Folge der immer genaueren, immer einfacheren Pränataltest. Schwangeren wird oft, wenn nicht meistens, regelrecht empfohlen, ein solches Kind „wegzumachen“.

Um 1920 lag das Durchschnittsalter bei Down-Syndrom-Kindern bei neun Jahren. Heute sind es von der Geburt an 65 bis 70 Jahre – Tendenz steigend. Grund hierfür ist, daß das Down-Syndrom oft mit Herzfehlern und einer schwachen Gesundhaben einhergeht und die Therapiemöglichkeiten immer besser werden. Aber statt Geburt findet fast immer eine Abtreibung statt. Wir haben also die absurde Situation, daß Trisomiekinder eigentlich immer bessere Chancen auf ein hohes Alter hätten, aber dennoch die meisten in der frühesten Kindheit getötet werden.

Behinderte machen Mühe, sie kosten viel Geld, sie stellen die Gesellschaft vor große Probleme. Es ist Augenwischerei, das zu verneinen. Vorgeburtliche Tötung macht wenig Mühe, kostet wenig Geld – und stellt die Gesellschaft vor das überwältigende Problem, herzlos zu werden, indem das Böse (das Beseitigen unschuldiger Menschen ist böse!) erst banalisiert, dann empfohlen und schließlich gefordert wird. Der Bluttest auf Chromosomenstörungen als Kassenleistung wäre in einer vollkommen gerechten Gesellschaft eine Lebenshilfe, aber wir haben keine vollkommen gerechte Gesellschaft. Deshalb ist er entartet zu einem Mittel, „unpassende“ Menschen zu beseitigen – ebenfalls als Kassenleistung.

Ich bin gegen die Kassenleistung „Bluttest auf Trisomie“, weil ich gegen die Kassenleistung „Kindstötung“ bin.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Höllisches, Weltliches abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.