Integration de Luxe

Um wirklich zu verstehen, wie Deutschland so ist, muss man den Begriff „Sonntagsessen“ lernen.
Und da bin ich heute mal ganz, ganz traditionell:

Schweinebraten! (Jesiden kennen keine restriktiven Speisevorschriften.)

Braten

Man nehme einen nicht zu mageres bratengeeignetes Stück Schwein (ca. 750 g), brate es in Olivenöl von allen Seiten an, lege es auf ein Ofenblech, salze und pfeffre es und bestreiche es mit scharfem Senf. Obendrauf streue man noch einige fein gehackte Knoblauchzehen. Zuoberst lege man zwei Zweige Rosmarin.
Dann schneide man reichlich Zwetschgen in schmale Spalten und verteile sie auf dem Blech. Nach etwa 20 Minuten Backzeit (während der man ab und zu den Braten mit dem Sud beschöpft) kommen Zwiebeln und Lauch dazu, in feine Ringe geschnitten. Eine Tasse Wasser kommt dazu.
Nach weiteren 10 Minuten kommen geschälte Kartoffeln dazu. Und wiederum nach 15 Minuten begießt man das alles großzügig mit Rotwein (bitte auch zum Kochen keine minderwertigen Sorten nehmen!).

Aus 1/2 Becher Sahne, 1/2 Becher Crême Fraîche und so viel Sud, wie man ohne Probleme abschöpfen kann, köchelt man eine Sauce.

Und dann wird man sehen: die jesidische Freundin nimmt auch ein zweites Mal. Die Sauce wird noch mal extra gelobt.

Zudem weiß ich nun, wie wichtig ihr das gemeinsame Essen ist. In der Notunterkunft hat sie immer alleine gegessen. In der Heimat immer mit der Familie – Vater, Mutter, Schwester. Ich kann ihr die Familie nicht ersetzen; sie kann mir die Familie, die ich nie hatte, nicht geben – aber wir können als das, was wir sind, die Wohnung samt Küche teilen, äußerst wohlschmeckend kochen und gemeinsam essen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Integration de Luxe

  1. C.Becker schreibt:

    Liebe Claudia,

    es stimmt, dass sie dir Deine niemals vorhandene Familie nicht geben und Du ihr die ihre nicht ersetzen kannst. Und dennoch schenkt Gott sie Dir als Freundin und Familie. So sorgt er dafür, dass du bereits jetzt schon einen Einblick in sein Konzept der „himmlischen Familie“ erlangst und die Wunden und Lücken, die möglicherweise durch die eigene Herkunftsfamilie verursacht wurden, ein Stück heilen und sich schließen dürfen.
    Ich freue mich sehr für euch beide und wünsche euch von Herzen weiterhin ein gutes Zusammenleben.

    Gesegneten Sonntag!

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  2. Sabine R. schreibt:

    Gerade in unserer Zeit ist es wichtig, immer wieder auch einmal das (fast) ganz Normale zu beschreiben, gemeinsames Kochen und Essen, freundliche Eichhörnchen, die sich aufs Fensterbrett wagen. Das macht eben auch immer noch unser Umfeld aus.
    Gute Woche!

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