Hat die Polizei von Paris eine Kirche überfallen?

Aufregende Nachrichten und Amateurvideos kursieren im Internet: In dem neogotischen Kirchlein St. Rita im 15. Arrondissement von Paris wird am Mittwoch, dem 3. August 2016, eine traditionelle Messe von der Polizei gestört, Gläubige, Priester und Ministranten werden ziemlich rüde abgeführt.

Auf Facebook gibt es reihenweise erregte Kommentare, vor allem von Katholiken.

Allerdings stimmt da einiges nicht. Das erste, was mir seltsam schien, war, daß von einer Messe die Rede war, die Gläubigen aber unaufhörlich das Ave Maria beteten – kein Bestandteil der Messe. Gut, das kann eine spontane Reaktion auf den Einfall der Polizei gewesen sein.
Zweitens sieht man ganz kurz, daß ein Gläubiger seinen Hund mit in die Kirche gebracht hat (eindeutig kein Blindenhund).

St Rita wurde 1900 als (von Rom getrennte) Katholisch-Apostolische Kirche errichtet, aber niemals konsekriert. Das Gebäude ist Eigentum einer in Belgien ansässigen Gesellschaft und soll demnächst der Société Garibaldi, Teil der Immobiliengesellschaft Lamotte, überlassen werden, die dort ein Parkhaus und Wohnungen errichten will. Das ist seit langem bekannt.

Seit den 90er Jahren wurde das Gebäude von den Gallikanern genutzt, einer von Rom nicht anerkannten Splittergruppe, die besonders dafür bekannt ist, Haustiere in der Kirche willkommen zu heißen und ihnen den sakramentalen Segen zu erteilen. Die gallikanische Kirche erstarkte im späten 19. Jh.; sie verneint die Unfehlbarkeit des Papstes und versteht sich als französische Nationalkirche, die zwar Nichtfranzosen zulässt, aber von einer irgendwie gearteten französischen Priorität ausgeht. Sie hat eigene Bischöfe (derzeit Dominique Philippe) und wurde von Pius X 1907 exkommuniziert. Die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils werden von den Gallikanern als Sakrileg empfunden. Es handelt sich also um eine nicht-katholische Kirche, die ausschließlich den Tridentinischen Ritus zulässt.

Die Gallikaner mussten allerdings im März 2015 St. Rita verlassen, nachdem sie monatelang keine Miete gezahlt hatten.

Anwohner und der Bezirksbürgermeister des XV. Arrondissements, Philippe Goujon, protestierten monatelang gegen die Zerstörung des Gebäudes.

Der frühere Piusbruder, jetzt wieder mit der katholischen Kirche versöhnt, Abbé Guillaume de Tanouärn, besetzte das Gebäude im Oktober 2015. Am 3. August veranlasste die Eigentümerin die polizeiliche Räumung.

Es wäre weit besser gewesen, damit bis nach der Messe zu warten.
Es wäre vermutlich weniger grob möglich gewesen.
Es wäre gut gewesen, die Anwohner und den Bezirksbürgermeister wenigstens anzuhören.

Aber es war nicht widerrechtlich. Nicht nach dem französischen Gesetzbuch, nicht nach Völkerrecht und nicht einmal nach dem CIC. Das Gebäude ist keine konsekrierte Kirche, war von Anfang an niemals katholisch, wurde nur wenige Monate lang gegen den Willen der Eigentümerin von einer katholischen Gemeinde und ihrem Priester genutzt. Die Krone der Baukunst ist es übrigens auch nie gewesen – in dem an schönen Kirchen so reichen Paris ist St. Rita aus architektonischer Sicht wahrlich kein Verlust.

Selbstverständlich fände ich es schön, wäre diese Kirche weiter als katholische Kirche genutzt. Aber die Vorgänge um St. Rita sind nichts, was zu übergroßer Empörung auf katholischer Seite Anlass gibt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Hat die Polizei von Paris eine Kirche überfallen?

  1. Joel schreibt:

    Sollte es so gewesen sein, dass die Messe willentlich für den Zeitpunkt der angekündigten Räumung angesetzt wurde, empfinde ich dies als eine schändliche Verzweckung des Sakraments.

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  2. Sharela K. schreibt:

    Danke für den informativen Blogeintrag. War interessant zu lesen.

    Schönen Start ins Wochenende und liebe Grüße
    Sharela

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  3. Claudia Leitner schreibt:

    Nur eine Frage off topic: was spricht eigentlich dagegen Haustiere in die Kirche zu lassen wenn sie sich ruhig verhalten? Für viele Menschen sind sie ja wertvolle Partner,die sie auch nicht alleine lassen können.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dagegen spricht, daß man eine Regel „wenn sie sich ruhig verhalten“ kaum durchsetzen kann – und daß es gut ist, einen Raum für Menschen zu haben. Einfach nur für Menschen und für Gott. Natürlich sind Blindenhunde eine Ausnahme. Dagegen spricht auch, daß es in einer Gesellschaft, die Tiere nahezu anbetet, wenigstens einen Ort geben muss, an dem man vor den Hunden und sonstigen Tieren der lieben Nächsten einfach seine Ruhe haben kann. Dagegen spricht schließlich, daß sie vom Gottesdienst ablenken.

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