Menschen sind schützenswert!

In Deutschland sind die Statistiken über Abtreibung rückläufig. Das ist gut. Allerdings ist es auch nicht direkt ein Grund zum Jubel, daß 2015 in Deutschland „nur“ 99.237 Menschen vorgeburtlich beseitigt wurden, also im Schnitt etwas über 270 täglich. Kriminologische Indikation ist dabei äußerst selten (immer im zweistelligen Bereich; 2015 waren es 20 Fälle); medizinische Indikation betraf knapp vier Prozent der Fälle. Die übrigen 95.338 Abtreibungen wurden nach Beratungsregelung vorgenommen – weil die Kinder unpassend kommen.

Wer ein bereits geborenes Kind (oder im Zuge der Euthanasiedebatte seine altgewordenen Eltern) beseitigen lassen möchte, weil davon auszugehen ist, daß andernfalls viel Arbeit und hohe Ausgaben auf ihn zukommen, wird hierfür bislang keine staatlich geförderte Beratungsstelle finden. Ein Spiegel-Titelblatt mit Menschen, die trutzig öffentlich sagen „Ich habe mein Neugeborenes beseitigt“ oder „Ich habe meinen dementen Vater abgeschafft“ käme auch nicht so gut an. Die Tötung eines Ungeborenen wird jedoch häufig banalisiert; wer laut sagt, daß dies ein Unrecht ist, gilt in Deutschland üblicherweise als Fanatiker, zumindest als etwas wunderlich.

Aber das ist doch noch gar kein Mensch! Nur so ein Zellhaufen! – Mit der Zeugung entsteht eine eigene, unverwechselbare DNA. Ein Mensch – nichts anderes. Das im Zusammenhang mit Ungeborenen im frühen Stadium gern genutzte Wort Zellhaufen ist ein sprachliches Konstrukt, das uns glauben machen soll, die Morula sei etwas Ungeordnetes, nicht Wünschenswertes. Nun ist aber in diesem frühen Stadium der Mensch von Aussehen und Struktur her so geordnet wie später nie mehr; Sie und ich sind zur Zeit weit haufenähnlicher, als wir in jener sehr frühen Jugendzeit waren.

Aber es merkt doch nichts davon! – Tatsächlich werden die meisten Abtreibungen vor der 12. Schwangerschaftswoche vorgenommen. Man kann davon ausgehen, daß ein so junger Mensch tatsächlich noch nichts merkt. Bei den in der 12. Schwangerschaftswoche oder später Abgetriebenen (im Jahr 2015 waren das 2795 Fälle) muss man allerdings davon ausgehen, daß das Kind Angst und Schmerz spüren kann. Aber selbst wenn nicht, bliebe Abtreibung, was sie ist: die Tötung eines Unschuldigen. Ob Tötung ein Unrecht ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob der Getötete etwas merkt. Sonst wäre der Mord an einem bereits geborenen schlafenden Menschen weniger schlimm als der an einem wachen. Einen Hypersensiblen umzubringen wäre schlimmer als einen Menschen mit defizitärer Sensibilität. Das ist aber erkennbar unlogisch und unmenschlich. Es ist für die Tat irrelevant, ob der Geschädigte etwas davon merkt.

Aber wenn es so krank ist, daß es nur leiden wird, wenn man es leben lässt? – Selbst wenn man mit vollkommener Sicherheit und ganz ohne Fehlerquote sagen könnte, dies Kind hat ein kurzes und qualvolles Leben zu erwarten (man kann es übrigens nicht!), bliebe eine solche Argumentation unzulässig. So vielfältig wie die Formen von Leid sind die Wege zum Ersparen, Überwinden und Lindern. Aber das Leid ist nicht mit dem Leidenden identisch. Die Tötung kranker Kinder „erspart“ Menschen, nicht Leid.
Ob ein Mensch Freude oder Zufriedenheit empfindet, ist für einen anderen Menschen kaum je zweifelsfrei erkennbar. Die Vernichtung eines Menschen vor der Geburt nimmt ihm jede Möglichkeit dazu. Übrigens gibt es zahlreiche Menschen mit schwerer Behinderung und großer Freude am Leben.

Aber wenn die Mutter vergewaltigt wurde? – Nochmals: die wenigsten Abtreibungen werden aus diesem Grund vorgenommen. Wenn aber dann abgetrieben wird: Wie praktisch für den Kerl, der der Frau das angetan hat! Er muss keine Alimente zahlen. Von einer Abtreibung nach Vergewaltigung profitiert der Vergewaltiger.
Auch wenn die Schwangerschaft für die Mutter aus nachvollziehbaren Gründen mit Angst, Zorn und Ekel verbunden ist und wenn sie sich nicht zutraut, gut für das Kind zu sorgen, ist die Tötung des Kindes falsch.

Die Frau hat ein Recht, über ihren Körper zu verfügen! – Ja natürlich. Aber der Körper des Kindes ist nicht ihr Körper. Jeder Biologe kann das bestätigen.

Es sterben doch ohnehin viele befruchtete Zellen ab, ohne daß die Mutter es überhaupt merkt! – Dies Argument habe ich tatsächlich schon mehrmals gehört. Es gibt aber einen moralischen Unterschied, ob ein Mensch durch eine unerkannte Krankheit oder durch Mord stirbt. Dieser Unterschied besteht auch dann, wenn der Betroffene ihn nicht empfindet.

Es gibt weit bessere Möglichkeiten als Abtreibung. Kaleb e.V. bietet Schwangeren in Not effektive Hilfe an. Der Sozialdienst katholischer Frauen bietet mit der Beratungsstelle Lydia Schwangeren in jeder Situation (unabhängig von ihrer religiösen Einstellung) qualifizierte Beratung. Es gibt Babyklappen, die Freigabe zur Adoption oder die Hilfe durch Pflegeeltern. Es gibt gerade von kirchlicher und kirchennaher Seite freundliche und sinnvolle Unterstützung.

Der Marsch für das Leben 2016 rückt näher, und ich werde gemeinsam mit vielen anderen großen Zellhaufen wieder teilnehmen. Wer am Samstag, dem 17. September (13.00 Uhr vor dem Reichstag) dabei sein kann, ist herzlich eingeladen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Menschen sind schützenswert!

  1. Claudia Sperlich schreibt:

    Bloggerkollege Josef Bordat konnte wegen einer technischen Panne nicht kommentieren und schickte mir diesen Kommentar zur Veröffentlichung:

    Die Sache mit dem Schmerzempfinden („Aber es merkt doch nichts davon!“-These) oder überhaupt, dem phänomenologischen Status des Fötus vor der 12. SSW, ist vielleicht doch nicht ganz so klar. Die Messbarkeit von Hirnströmen als Kriterium für Schmerzempfänglichkeit ist irgendwann zwischen der 6. und der 24. Schwangerschaftswoche gegeben. Irgendwo mittendrin liegt dann die 12-Wochen-Frist nach § 218 StGB. Die ist willkürlich bis pragmatisch gewählt: Bis dahin kann sich der Fötus nicht so stark „wehren“ und lässt sich entsprechend leichter töten. Man weiß von Spätabtreibungen, dass die Föten im Todeskampf sich im Mutterleib regelrecht festklammern und nur (handwerklich) mühsam aus dem Körper der Frau zu entfernen sind. Auch steigen die Überlebenschancen des Fötus bei einer Abtreibung von Tag zu Tag seiner Entwicklung. Dass der Eingriff für die Frau entsprechend auch immer belastender wird, kommt hinzu. Aber die 12 Wochen sind keine scharfe Grenze. Es könnten auch 8 oder 10 oder 14 Wochen sein – ohne Änderung der Argumentationslage zur „Aber es merkt doch nichts davon!“-These. Wenn man das wirklich – nach menschlichem Ermessen – garantieren wollte, dass der ungeborene Mensch bei seiner Tötung „nichts merkt“, dann müsste man eine 6-Wochen-Frist einführen. Das geht aber nicht, weil dann die Zeit zwischen Bemerken der Schwangerschaft und Termin für die Abtreibung regelmäßig knapp werden würde. Also: Reiner Pragmatismus!

    Klar ist aber, dass es auf den morphologischen und phänomenologischen Zustand gar nicht ankommt, sondern nur auf den ontologischen Befund, dass das getötete Lebewesen ein Mensch *ist*. Das machst Du sehr deutlich! Danke!

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  2. Eugenie Roth schreibt:

    … und selbst wenn das Kind nichts davon merken SOLLTE … wißt ihr, wie viele Frauen, die abgetrieben haben, später einen psychischen „Knacks“ haben?
    Ich kenne EINE solche Frau … und es ist mir genug, sie tut mir sehr leid. Warum sie diesen Schritt getan hat, weiß ich (leider) nicht. Meiner Meinung nach leidet diese Frau IMMENS unter der Abtreibung ihres Kindes – auch wenn sie sich „offiziell“ nichts anmerken lässt …

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Und selbst wenn das Kind es nicht merkt UND die Mutter sich nichts daraus macht – es bleibt: die Tötung eines unschuldigen, unverwechselbaren Menschen, das Negieren eines Individuums.

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  3. Claudia Leitner schreibt:

    Eine kurze Anmerkung noch zum Thema „Schwangerschaft nach Vergewaltigung“. Die meisten Experten gehen davon aus dass nur etwa eine von 300 Vergewaltigungen zu einer rechtskräftigen Verurteilung führt. Viele Frauen wollen solche Fälle- gerade wenn sie in intakten Beziehungen passieren – gar nicht anzeigen. Gerade die Zahlen der „kriminologischen“ sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Tatsache ist auch, dass eine Frau nach der Beratungsregelung auch dann abtreiben kann wenn sie diese Option nicht wahrnimmt.
    Die Leistungen der Beratungsstellen insbesondere des SKF sind sicher sehr gut. Man muss jedoch anmerken, dass bei einer sehr häufigen Ursache – Partnerschaftskonflikten – die Möglichkeiten der Beraterinnen sehr begrenzt sind. Sie können der betroffenen Frau ja keinen neuen Partner suchen.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Niemand kann alles in Ordnung bringen. Aber eine Beratungsstelle kann Frauen durchaus helfen, sich von ihrem prügelnden, vergewaltigenden und versoffenen Macker zu trennen. Auch wenn er der Ernährer der Familie ist.

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      • Claudia Leitner schreibt:

        Da haben Sie selbstverständlich recht. Das Problem ergibt sich für die Beratungsstelle eher dann wenn die Frau die Beziehung für wertvoll erachtet und der Mann keine Kinder (mehr) will. Dann steht oft Beziehung gegen Kind – und Frauen entscheiden sich für das erstere. Ich denke dass das für Beraterinnen die schwierigste Situation ist. Denn letztlich können sie der Frau ja nicht seriös versprechen, dass ihr Partner bei ihr bleibt. Das hatte ich gemeint.

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        • Claudia Sperlich schreibt:

          Ja – das sind schreckliche Fälle. Denn in Wahrheit ist die Entscheidung „Ich treibe ab, damit er bei mir bleibt“ immer die krasseste Form der Unterwürfigkeit. Sowas kann mir zugleich Trauer- und Zornestränen in die Augen treiben.

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