Die Bosheit der anderen

Nach dem Massaker von Orlando lese ich in den sozialen Medien viel darüber, wie gefährlich der Islam ist.

Ich bin keine Freundin des Islam. Allerdings stelle ich auf facebook in letzter Zeit immer wieder fest, daß Menschen große Probleme damit haben, wenn ein Muslim etwas Gutes tut oder sagt (das meint er nicht so! Wenn er seine Religion wirklich verstünde, könnte er das gar nicht tun oder sagen!), oder wenn von Unbekannt ein Gewaltverbrechen verübt wird (Bestimmt ein muslimischer Einwanderer!).

Ja: Es gibt vermutlich ein spezifisch islamisches Gewaltproblem. Attentate sind ziemlich häufig das Werk von Muslimen. Daß in meiner Kindheit Deutschland von einer Bande gutbürgerlich aufgewachsener Deutscher terrorisiert wurde, deren letzte Überlebende kürzlich versuchten, ihre Rente durch einen Raubüberfall aufzubessern, oder daß 1998 ein kleines Mädchen von einem niemals muslimisch gewesenen Österreicher entführt und acht Jahre lang festgehalten wurde, oder daß eine weitere deutsche (und deutschstämmige) Bande jahrelang aus rassistischen Motiven mordete, oder daß ein deutsches Paar in seinem Häuschen auf dem Lande jahrelang unbemerkt folterte und mordete, wird darüber gern vergessen. Ich will damit nicht eine Untat gegen die andere aufwiegen. Tatsächlich ist mir herzlich egal, aus welcher Art von Irrsinn jemand meint, andere ermorden zu müssen – mein Mitgefühl gilt den Opfern, und zwar gleichgültig, ob die mit mir hätten befreundet sein können oder nicht. Mir fällt nur auf, daß mit der Häufung islamistisch motivierter Untaten die Erinnerung schwindet, daß auch Nicht-Muslime Böses tun können. Die Bosheit der anderen wird wahrgenommen, die aus den eigenen Reihen nicht.

Nach den Schüssen von Orlando stelle ich zwei Dinge fest. Erstens: Eine Zeitung hält es für meldenswert, daß der Täter als Kind gemobbt wurde. Der Spott über diese Meldung ist berechtigt. (Ich wurde als Kind auch gemobbt. Hüten Sie sich vor mir!) Zweitens: Die Tat, die gegen die Besucher eines Schwulentreffs gerichtet war, wird im Internet schamlos bejubelt – und zwar nicht nur von Muslimen, sondern auch von evangelikalen Christen in Amerika.

Nun könnte man sagen: Naja, Evangelikale Amerikaner sind halt so ein Thema für sich. Man hätte nicht einmal ganz Unrecht damit. Aber das klingt doch schon sehr nach „Das hat nichts mit dem Christentum zu tun“ – oder?

Jubel über die Ermordung von Menschen hat in der Tat nichts mit Christi Lehre zu tun. Es sollte auch nichts mit dem Christentum zu tun haben. Leider gehören zum Christentum auch Menschen von dem Zuschnitt jener Jubler, die auf den sozialen Medien verkünden, „Gott hasst Schwule und Moslems, die sind jetzt alle in der Hölle“. (Ich denke mir das nicht aus – es gibt diese Äußerungen.)

Jetzt zu sagen „Diese unbarmherzigen Frei- und Sonstwiekirchler haben nichts mit dem Christentum zu tun, aber Satz ‚Das hat nichts mit dem Islam zu tun‘ ist im gleichen Zusammenhang auf jeden Fall unsinnig“ – das ist schon ein wenig bizarr. Aber es geschieht, jede Wette, hundertfach.

Ich bin traurig. Ich bete für die Opfer, Tote und Überlebende, für alle, die trauern, für den Täter, für alle, die stolz auf ihn sind. Ich sollte versuchen, auch für die Menschen zu beten, die mit ihrer Grausamkeit und Unbarmherzigkeit das Christentum besudeln. Ob ich das kann, weiß ich noch nicht.

Gott gebe uns allen Herz und Verstand.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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