Offener Brief an Herrn Sternberg

Am 20. Mai ließ Thomas Sternberg, Prädident des ZdK, gegenüber der Welt verlauten, die in Erwägung gezogene getrennte Unterbringung von christlichen und muslimischen Flüchtlingen sei ein „verheerendes Signal“. Wenn man Flüchtlinge hierzulande „nach Religion getrennt unterbrächte, würde man dem Eindruck Vorschub leisten, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“. Man dürfe nicht „den Irrglauben schüren, dass Christen und Muslime nicht gut zusammenleben könnten“.

Ich erfuhr das am 21. Mai und schrieb dem Herrn Sternberg eine Mail. Die wurde bis heute nicht beantwortet. Ich hatte zunächst den Katholikentag und einige Tage der Nacharbeit abgewartet, aber – ZdK und Sternberg schweigen immer noch.

Ich schweige aber nicht. Dies schrieb ich an den Präsidenten des ZdK, von dem ich nicht vertreten werden möchte:

Sehr geehrter Herr Sternberg,

ich bin fassungslos über Ihre Äußerung, man dürfe christliche Flüchtlinge nicht von muslimischen Flüchtlingen getrennt unterbringen, um nicht „dem Eindruck Vorschub [zu] leisten, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“.
Wie Sie genau wissen (vorausgesetzt, Sie lesen die Zeitung), kommt es in Flüchtlingsheimen immer wieder zu Drangsalierung von nicht-muslimischen Flüchtlingen durch muslimische Flüchtlinge.

Es geht um Mobbing, Gewalt, auch sexueller Natur, und Morddrohungen. Das seriös arbeitende Hilfswerk Open Doors berichtet seit langem über derartige Übergriffe. Drei von vier nicht-muslimischen Flüchtlingen melden derartige Vorfälle, die meisten Betroffenen sind Christen.

Und da wagen Sie zu sagen, man müsse erst mal abwarten, bis ein Geschundener sich traut, Meldung zu machen, und dann den Kladderadatsch die ohnehin überforderten und oft auch parteiischen Hilfskräfte in den Erstaufnahmen irgendwie bereinigen lassen?

Aus welchem bequemen Sessel heraus kümmern Sie sich denn?

Ich beherberge seit einiger Zeit eine Jesidin, die auch nicht als Touristin nach Deutschland gekommen ist. Sie war vorher fünf Monate lang in einer Notunterkunft mit 200 Menschen und berichtet zwar selbst nicht von Übergriffen, aber von ihrer beständigen Angst vor muslimischen Männern. Sofern Sie sich mal informieren, können Sie vielleicht auch erahnen, warum eine Jesidin aus Shingal (oder ein Christ aus Mossul, um nur zwei Beispiele zu nennen) eventuell einfach Angst vor Moslems hat. Sich davorstellen und sagen „Ei nun, du musst aber keine Angst haben, der tut nichts“ ist aus der Position eines in Sicherheit und Frieden lebenden Deutschen, dessen Kopf auch dann auf den Schultern bleibt, wenn er täglich vor aller Augen zur Messe geht, erbärmlich.

Wie es ist, dergleichen zu sagen, wenn zahlreiche Übergriffe bewiesen sind und kein Ende in Sicht ist, sage ich hier nicht, denn dafür habe ich nur justiziable Ausdrücke.

Ich gelte als höflicher Briefschreiber. Ich bin um Ihretwillen bereit, diesen Ruf aufzugeben. Mein Zentralkommittee sitzt übrigens in Rom, nicht in Deutschland.

Beste Grüße
Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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