Völkermord darf Völkermord heißen.

Mit Spannung folgte ich eben der Bundestagsdebatte zu Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916.

Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor den Opfern der Vertreibungen und Massaker an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten des Osmanischen Reichs, die vor über hundert Jahren ihren Anfang nahmen. Er beklagt die Taten der damaligen jungtürkischen Regierung, die zur fast vollständigen Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich geführt haben. Ebenso waren Angehörige anderer christlicher Volksgruppen, insbesondere aramäisch/assyrische und chaldäische Christen von Deportationen und Massakern betroffen. Im Auftrag des damaligen jungtürkischen Regimes begann am 24. April 1915 im osmanischen Konstantinopel die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier. Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist. Dabei wissen wir um die Einzigartigkeit des Holocaust, für den Deutschland Schuld und Verantwortung trägt. Der Bundestag bedauert die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reichs trotz eindeutiger Informationen auch von Seiten deutscher Diplomaten und Missionare über die organisierte Vertreibung und Vernichtung der Armenier nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen. Das Gedenken des Deutschen Bundestages ist auch Ausdruck besonderen Respektes vor der wohl ältesten christlichen Nation der Erde.

Bundestagsabgeordnete, insbesondere solche mit türkischem Familienhintergrund, hatten im Vorfeld der Debatte massive Drohungen – auch Morddrohungen – erhalten. Die türkischen Nationalisten, die das getan haben, sind erbärmlich – und zwar unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht.

Sie sind zudem auch dumm. Denn was könnte den Bundestag mehr zusammenschweißen in seiner Meinung über den Völkermord an den Armeniern, als der Versuch durchgeknallter Erdoğan-Fans, eine immer noch demokratische Regierung zu stürzen (denn darauf kommen solche Taten heraus)?

Daß es sich in der Tat um Völkermord handelt, meinen alle Redner. Zu blöd, daß Gysi vor seinen durchaus sinnvollen Aussagen noch eine Menge nicht zum Thema gehörende Dinge schwafelt – zum Beispiel, wie gut die DDR war und wie bös die BRD bezüglich Aufarbeitung der Nazizeit. Es ist mir nicht bekannt, daß die DDR den Antisemitismus wirklich bekämpft und die christlichen Märtyrer der Nazizeit wirklich anerkannt hat.

Cem Özdemir ist der erste Redner, der die Höflichkeit besitzt, die anwesenden kirchlichen Würdenträger begrüßt und ihnen dankt. Er spricht substantiell, mit historischem Fachwissen und großer Menschlichkeit. Martin Pätzold – der seine armenischen Wurzeln zur Sprache bringt und die Notwendigkeit eines Versöhnungsprozesses – ist als letzter Redner der zweite dieser Art.

Insgesamt gab es viel Seichtigkeit und Entfernung vom Thema und in einem Fall sehr billige Kollegenschelte. Aber die Qualität der Redebeiträge ist weniger wichtig. Hauptsache bleibt – alle definieren Völkermord als Völkermord. Mit überwältigender Mehrheit wird der Antrag angenommen.

Die Bundeskanzlerin war nicht anwesend.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Völkermord darf Völkermord heißen.

  1. nur ein Leben schreibt:

    Völkermord ist Völkermord. Es wurde ja wirklich lange und ausführlich betont, dass man damit nicht Erdogan direkt meint. Der getroffene Hund jault…. sagt ein Sprichwort…
    Man muß das aushalten, was in der Vergangenheit war, geht uns Deutschen ja auch so.

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