Völkermord ist Völkermord.

Den folgenden Artikel habe ich schon vor einem Jahr geschrieben und nun nur wenig überarbeitet. Während ich das tat, konnte man im Internetauftritt der Bundesregierung lesen:

Die nächste Plenarsitzung beginnt am Donnerstag, 2. Juni, um 9 Uhr mit der ersten Beratung eines Gesetzentwurfs zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes. Es folgen Debatten zur Bekämpfung des Menschenhandels, zum Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und zur Riester-Rente und gesetzlichen Rentenversicherung. Über das Integrationsgesetz wird erstmals am Freitag, 3. Juni, beraten.

Die Formulierung lässt immerhin hoffen: Wenn eine Debatte über das Gedenken an einen Völkermord angekündigt wird, kann man schlecht hinterher behaupten, es sei eine Debatte um keinen Völkermord gewesen. Denn genau darum geht es ja: Kuscht die Bundesregierung vor dem Neo-Osmanen Erdoğan und leugnet den Genozid an den Armeniern, oder wird sie nachweisen, daß sie noch so etwas wie Anstand und ein Gesäß im Beinkleid hat?

Der türkische Staat – das Osmanische Reich und sein Rechtsnachfolger, die Türkische Republik – leugnet, was längst bewiesen ist: den Völkermord an den Armeniern.
Ich möchte mich hier nicht darauf einlassen, ob es nun wirklich 1,5 Millionen waren oder nur eine Million oder gar nur einige hunderttausend Armenier – denn was wäre der moralische Unterschied? Ist das gezielte Abschlachten unschuldiger Menschen nicht ganz so schlimm, wenn es nicht ganz so viele trifft? Ganz abgesehen davon, daß die hohe Zahl deutlich erwiesen ist, ist es unanständig, die Diskussion um Opferzahlen mit moralischen Erwägungen zu verknüpfen.

Vielleicht weiß Erdoğan tatsächlich nichts davon, daß am 24. April 1915 ein Völkermord an den Armeniern durch die Türkei begann. Ich halte diese Ausblendung der Wirklichkeit bei ihm für möglich, da er auch in anderer Hinsicht wenig Bezug zur Realität hat (vgl. seine Stellung zu Demonstrationen, zu schweren Übergriffen der Polizei, zum Recht auf Meinungsäußerung und zur Entdeckung Amerikas sowie die unsägliche Großmannssucht, die aus seinem Palazzo spricht). Vielleicht ist er auch nur verlogen. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, daß er aus Unwissenheit dem Heiligen Vater so töricht über den Mund gefahren ist, als der Genozid Genozid nannte – selbst dann ist Erdoğans Verhalten schuldhaft. Wer ein so hohes Amt bekleidet, hat die Pflicht, sich zu informieren. Die Pflicht zu Wahrheit und Gerechtigkeit hat jeder Mensch. Keiner dieser Pflichten kommt Erdoğan nach. Er ist damit als Staatsoberhaupt ungeeignet.

Eindeutige Beweise liegen vor.
Der Photograph Armin T. Wegner hat den Genozid sorgfältig dokumentiert, um der Welt dies Greuel vor Augen zu führen. Ich empfehle, mit seinem Namen im Internet auf Bildersuche zu gehen – und zu überlegen, ob die Bilder verhungerter, gekreuzigter, geköpfter Armenier auf einen bedauerlichen Betriebsunfall hinweisen, wie die Türkei es gern darstellt, oder doch auf einen Genozid. Es gibt eine englischsprachige Seite, von einem nur mit dem Pseudonym Holdwater auftretenden Menschen, der in von Leugnern der Shoa gewohnter Rhetorik sehr wortreich erklärt, es habe nie einen Genozid an den Armeniern gegeben, und wenn überhaupt Greuel geschehen seien, so seien sie von den Kurden, nicht Türken, verübt. Hier wird eine widerwärtige Geschichtsklitterung betrieben – bis hin zum Verschweigen der Tatsache, daß Kurden, die die Deportation der Armenier durchführten und zahlreiche Greuel verübten, im türkischen Auftrag handelten. (Bitte beachten: Ich rede nicht von der Gesamtheit aller Kurden, sondern von denen, die sich hierfür hergegeben haben.)

Das Konzentrationslager Deir ez-Zor, in dem zahlreiche deportierte Armenier (vor allem Frauen und Kinder; die Männer waren bereits ermordet worden) verhungerten, ist real; die Gebeine der Opfer sind in einer Kapelle nicht weit von Deir ez-Zor bestattet.
Die hervorragende Dokumentation Aghet – Ein Völkermord führt das klar vor Augen; lesenswert und mit zahlreichen Quellen versehen ist auch der Wikipedia-Artikel. Auch Franz Werfel hat für sein lesenswertes literarisches Denkmal für die Armenier gründlich recherchiert.

Erdoğans Behauptungen führen eine lange türkische Tradition fort. Auch Kemal Atatürk – der sich über den Sachverhalt vollkommen klar gewesen sein muß – behauptete zwar auf den Tag genau fünf Jahre nach Beginn des Genozids:

Dass solche [Massaker] an Armeniern vorkamen, ist ausgeschlossen. Wir alle kennen unser Land. Auf welchem seiner Kontinente wurden oder werden Massaker an Armeniern verübt? Ich möchte nicht über die Phasen am Anfang des [Ersten] Weltkrieges sprechen, und ohnehin ist auch das, worüber die Entente-Staaten sprechen, selbstverständlich keine der Vergangenheit angehörende Schandtat. Mit ihrer Behauptung, dass derartige Katastrophen heute in unserem Land verübt würden, forderten sie von uns, davon Abstand zu nehmen.

Beschimpfungen des Andenkens an Atatürk sind in der Türkei strafbewehrt, ebenso die „Beleidigung der türkischen Nation„. Beide Gesetze sind Gummiparagraphen; erfahrungsgemäß wird jede kritische Äußerung von der türkischen Justiz nur allzugern als Beschimpfung oder Beleidigung Atatürks oder der türkischen Nation (in der Regel wohl abzüglich der Christen, Juden und Armenier, auf die es dem türkischen Staat nicht so ankommt) gehandelt.

Ein Staat, der kritische Stimmen grundsätzlich als Beleidigung ahndet und das mit selbst für tatsächliche Beleidigungen unverhältnismäßigen Gefängnisstrafen belegt, darf nicht Mitglied einer demokratischen Vereinigung von Staaten werden. Er kann es auch nicht – denn Mitgliedschaft, gleich ob im Schrebergartenverein oder in einem Staatenbund, bedeutet Zustimmung zur Satzung. Sollte ein Staat in die EU aufgenommen werden, der sich gegen Rede- und Pressefreiheit, gegen Regimekritik und gegen die Ahndung von Unrecht mit Händen und Füßen wehrt, so ist die EU weniger wert als das Material, auf dem ihre Verträge stehen.

Neuerdings steht an der Seite der um die Mitgliedschaft in der EU buhlenden Türkei mit der Einschätzung, ihr Rechtvorgänger habe keinen Völkermord begangen, ausgerechnet die UNO. Ban Ki-Moon sagt, diese Tat stelle zwar ein grausames Verbrechen dar, aber er schließe sich der Aussage des Papstes nicht an. Der Heilige Vater hatte klar von Genozid gesprochen. Das Wort Genozid stammt von Raphael Lemkin, der damit genau was? Ja richtig: Den Mord an den Armeniern durch das Osmanische Reich beschrieb. Für die UNO erarbeitete Lemkin einen Gesetzesentwurf für die Bestrafung von Völkermord – aus genau diesem Anlaß.

In Glaube, Hoffnung und Liebe bin ich den Armeniern verbunden, den Märtyrern jenes Genozids ebenso wie den lebendigen Zeugen christlicher Kultur. Ich hoffe und bete, daß ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahre. Solange Erdoğan am Ruder ist, ist diese Hoffnung leider gering.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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