Sorgenvolles Frühstück

Heute ist so ein Tag, da will ich dies Land nicht ertragen, kann es nicht, aber ein anderes, was ich ertrüge, gibt es ja nicht.
Heute ist so ein Tag, da verfolgen mich der Zorn und seine dumme Schwester Angst noch während der morgendlichen Messe, da piesacken mich die beiden noch während Wandlung und Empfang der Eucharistie, da geh ich ungetröstet aus der Kirche, weil der Staat mir alles erschwert und nicht einmal ihre mütterlichen Arme mich das vergessen lassen.
Heute ist so ein Tag, da leiste ich mir das Frühstück beim Bäcker, obwohl ich es mir nicht leisten kann, und sitze mit Espresso (doppelt! zu wenig!) in der Sonne, und dann fällt mein Blick auf den blühenden Flieder, und ich fühle mich doch etwas getröstet, und all die üblen Wörter, die ich kenne, bleiben unausgesprochen, bis auf eines: Scheißstaat, aber den Flieder kriegt er nicht kaputt, und die Kirche kriegt er nicht kaputt, und Gott – Jesus, mein Jesus – Du wirst ja alles heilen.
Die Sonne wärmt mir die Haut, und der Flieder blüht und duftet – und auch wenn er zu weit weg steht und ich den Duft nicht wahrnehme, weiß ich, daß er länger und süßer duftet als der Kaffee.
Nebenan auf dem Friedhof liegen die Toten, hier sitzen die Lebendigen bei Kaffee und Flieder, und die Gespenster des Amtes sind schon halb in die Flucht geschlagen.
Nachher muss ich hin zu den Gespenstern, aber es wird schon werden. Ja, es klemmt in der Brust, das zu denken, aber es wird. Der Herr, der den Flieder erschaffen hat und die Sonne und den Kaffee, Er kommt ja mit. Auch wenn ich es vielleicht nicht merke.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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