Tutilo – Mönch und Künstler

Vor 1103 Jahren starb der Benediktinermönch Tutilo. Er wurde als Knabe im Kloster St. Gallen erzogen und trat dem Orden bei. 895 wurde er zum Priester geweiht. Urkundlich belegt sind neben der Weihe auch die Ämter, die Tutilo im Kloster innehatte und die alle eine hohe Charakterfestigkeit erfordern: Nacheinander war er Cellerarius (Wirtschaftsverwalter des Klosters), Sacratarius (das entspricht etwa dem heutigen Amt des Küsters) und Hospitarius (Betreuer der Klosterschüler, der Pilger und der Armen). Er diente Gott auch als Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer, Goldschmied und Elfenbeinschnitzer und soll jungen Adligen Musikunterricht erteilt haben mit der Folge, daß sie ihr rabaukenhaftes Wesen wenigstens teilweise ablegten und das Lautenspiel dem Suff und der Jagd vorzogen.

Einige Dichtungen, Kompositionen und Schnitzereien – am berühmtesten der elfenbeinerne Schmuckeinband eines Evangeliars (Codex Sangallensis 53) – sind erhalten.

Tutilotafeln_StGallen_Cod_53

Ekkehard, der Chronist des Klosters, dem wir die meisten Nachrichten über Tutilo verdanken, wurde erst über sechzig Jahre nach dessen Tod geboren. Das bedeutet, er kannte Berichte über Tutilo wohl kaum aus erster Hand, andererseits war die Erinnerung an diesen vielseitigen Künstler noch frisch. Er beschreibt ihn als temperamentvollen Menschen, der, grundsätzlich von großer Freundlichkeit, einmal einen intriganten Mitbruder verprügelte (was ihm dann aber Leid tat).

Zwar wurde er nicht offiziell seliggesprochen, aber die Kapelle, in der er beigesetzt ist, hieß zeitweilig nach ihm, mehrere Bilder in Kirchen zeigen ihn mit Pinsel und Palette – und der derzeitige Erzabt von Beuron, Tutilo Burger, hat seinen Namen angenommen.

Auch eine Heiligenlegende gibt es über ihn. Er wurde nach Metz bestellt, um dort ein Bild der Gottesmutter zu schaffen. Dabei sahen zwei Fremde und der anwesende Geistliche, daß eine schöne und vornehme Dame dem Meister bei der Arbeit half – und erkannten sie als die Gottesmutter selbst. Darauf angesprochen, wollte Tutilo Metz verlassen, weil er nicht gefeiert werden wollte. Als er am anderen Morgen noch einen Blick auf das unvollendete Bild werfen wollte, fand er es meisterhaft vollendet – Maria selbst hatte zum Pinsel gegriffen.

Ordenspriester, Armenpfleger, Künstler und Schützling der Gottesmutter – der Mann gefällt mir.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Katholonien abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.