Roswitha von Kirchberg

Vor 411 Jahren starb, erst 27jährig, die Dominikanerin Roswitha von Kirchberg. Ihre Eltern waren reich (die Mutter, Anna Sudermann, stammte aus einer bedeutenden Kölner Familie, der Vater, Heinrich Tretsch, war als Kaufmann in Stuttgart zu großem Vermögen gekommen), und als einziges von sechs Kindern, das die Volljährigkeit erlebte, wäre Roswitha eine gute Partie gewesen. In der Tat hatte ihr Vater ein Arrangement getroffen, durch das Roswitha bereits zwölfjährig mit dem Stuttgarter Kaufmannssohn Hannes Schickhard verlobt wurde (wie aus der gut erhaltenen Familienchronik hervorgeht) und das wirtschaftlich für beide Familien ein großer Gewinn gewesen wäre. Aber es kam anders.

Die Echtheit eines fragmentarisch erhaltenen Briefes, in dem Roswitha an ihre Eltern schreibt: Ihr seyd guthe Ältern, aber er ist thörig und darzu noch heretisch, war lange Zeit umstritten, wird heute aber von der Fachwelt mehrheitlich angenommen. Sicher ist jedenfalls, daß die junge Dame den Schickhard nicht heiratete, sondern 1592 als Vierzehnjährige bei den Dominikanerinnen in Kloster Kirchberg um Aufnahme bat, wie aus den dort erhaltenen Listen hervorgeht.

Schickhard hatte keine Einwände dagegen – sollte der Brief tatsächlich echt sein und er davon erfahren haben, eine verständliche Haltung. Über Reaktionen der Eltern wissen wir nichts. Erhalten ist aber ein Schriftstück aus dem Jahr 1594, in dem eine Ordensschwester (vermutlich die Priorin) die Novizin so beschreibt:

Dank sey Gott für diese junge Schwester! Haben wir in diesem Seculo so gar schlimme Zeiten erlitten und verschuldet, so blühet uns nun mit diesem Mägdgen eine tugendhafte Rose, zugleich scheynet sie mir einen Schatz an Wissenschafft im Haupt und an Freundlichkeyt im Herzen zu tragen. Sie geht gar klug um mit den Dingen der Welt, versteht das Wesen des ungerechten Mammonis wohl und weiß klug der mit der Wirtschafft betraueten Schwester beyzustehen, ist aber von zu großer Frömmigkeyt, der Raffgier zu verfallen, und will gern alles Erwirtschafftete ad majorem Dei gloriam den Siechen und den Armen schencken und sie sich und uns allen so, dem Worte unseres Herrn Jesu Christo getreu, zu Freunden machen, deren Fürbitte Er wol hören wird. Zudem weiß sie so kunstvoll zu dichten und zu malen, daß es eyne Freude ist, ihre Finger von Tinte und Farbe fleckicht zu sehen, so sie nicht gerade mit der Bereitung von tüchtigen Heylmitteln beschäftiget sind.

Die in dem Schriftstück erwähnten schlimmen Zeiten waren mehrere Jahrzehnte des geistlichen und sittlichen Niederganges; Roswithas Postulat fällt in die Zeit der Erneuerung des Ordens.

Von der so hochgelobten Roswitha ist leider bislang nur ein kurzes Schriftstück der Fachwelt bekannt. Es ist eine kleine Abhandlung über die unbefleckte Empfängnis Mariens, aus demselben Jahr wie der obige lobende Vermerk der Schwester, also 160 Jahre vor Verkündung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis entstanden. Roswitha schreibt:

zu Kirchberg, den VIII. December 1594.
Da die seelige Gottes=Mutter und immerwerende Jungfrau Maria, die engel=gleiche Königinn des Himmels und der Erde, diß alles nur aus GOTTES, des HERREN, Gnade war und sein konnte, da sie also Mutter und Jungfrau unseres Herrn und Erlösers nur sein konnte, weil ER es wollte, nicht weil sie es verdienet haben könnte, so muß man sich fragen, mit welchem Rechte Duns Scotus annimmt, sie selbst sey empfangen und gebooren ohne den Makel der Erbsünde, den doch wir unglücklichen Mentschen alle seit dem Crimen Evæ in uns tragen. Denn es sagt ja der schottische Gelehrte, potuit, decuit, fecit, also: GOTT habe diß gekonnt (was kein Christen=Mentsch bezweiffeln darff), es sey ziemlich gewesen (was keines Beweises bedarff, was aber selbst als Beweiß nicht genügen kann), und so habe ER es gewirckt. Nun ist aber des HERRN All=Macht nicht das selbige wie ein Beweiß SEINES Wirckens, und ist mir ein zu geringes Argumentum die blooße Annahme der Schicklichkeit, da diese ja dem mentschlichen Ermessen unterlieget.
Die Lutteraner und andere Hæretici theilen denn auch nicht diese Annahme, wiewohl sie ja (wenn auch in unvollkommener Weise) den HERRN JESUM CHRISTUM ehren und anbeten.
Es giebt indeß einen Hinweiß, daß diese Annahme wahr ist, welchen Duns Scotus nicht sah. Es war ja Anna, die Mutter Mariæ, unfruchtbar durch GOTTES Rathschluß, biß ihr Eheherr, Joachim, vierzig Tage lang in der Wüste gefastet hatte und sie darnach bey ihm lag. Gleicherweise fastete der HERR vierzig Tage lang in der Wüste, biß ER zu lehren begann und die ersten Jünger als Anfang SEYNER Braut, der Kirche, IHM folgeten. Nun ist die Kirche als Braut des Herrn ohne Makel, und hat ja ER selbst gesagt, die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. (Daß gilt, und wenn Tausend und Abertausend selbst in der Kirche, weil sie eben Mentschen und also Sünder sind, Sünden thun. Sie können die Braut schmähen, aber nicht vernichten.) Maria aber ist Braut des HERRN, da sie durch den Heiligen Geist empfieng. Ihr Leben ward begonnen nach dem vierzig=tägigen Fasten des Joachim, wie das Leben der Kirche nach dem Fasten des HERRN. So ist auch die Jungfrau Maria wie ein vorweggenommenes Spiegel=Bild der Kirche, und können zwar Mentschen sie lestern und unsinnige Dinge über die Allerseeligste sagen, damit aber ihre Reinheit und Würde nicht mindern.
Der HERR hat die Kirche gewollt und gegründtet als unzerstörbar bis zum Ende der Welt, und ER hat gleichermaßen SEINE Braut und Mutter gewollt und geschaffen als unverletzt von Anfang an.
So muß ich, was ich bey Scoto lese, nicht nach Mentschen-Sinn fassen, nicht dencken, es sey dem HERRN schicklich erschienen, so wie nostra ætate die langen Kleider der Frauen, sondern schicklich in dem Sinne, daß nichts anderes passen kann für die erwählte Jungfrau, denn bewaart zu seyn vor aller Zeit, für alle Zeit. Ist also nicht, was wir Schicklichkeit nennen, das, wovon Duns Scotus spricht, sondern ist viel eher die Kunst der Logica.

Roswitha scripsit.

Es ist nicht sicher, ob das Manuskript, das Roswitha gegen Ende des zweiten Jahres ihres Ordenslebens – also sechzehnjährig und sicher noch als Novizin – in gewiß etwas altkluger, aber doch erstaunlich gebildeter Weise schrieb, noch eine Fortsetzung oder Überarbeitung erfuhr, und ob sie die von der oben zitierten Ordensschwester gehegten Hoffnungen erfüllte. Derzeit wird geforscht, ob Roswitha weitere Schriften hinterlassen hat – kein ganz leichtes Unterfangen, da die Ordensschwestern ihre Arbeiten in der Regel nicht signierten; das genannte Dokument bildet eine Ausnahme.

Besonders interessant ist Roswithas Bezug auf die zu ihrer Zeit durchaus nicht populäre mittelalterliche Theologie; die Schrift lässt vermuten, daß auch Alanus ab Insulis ihr nicht unbekannt war.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Roswitha von Kirchberg

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