Ein bescheidener Vorschlag

… der British Transplantation Society während einer Konferenz in Glasgow im Februar 2016 lautete, Müttern schwerkranker, nicht lebensfähiger Föten von der Abtreibung abzuraten.
Klingt gut, nicht? Ärzte gegen Abtreibung, auch bei todgeweihten Kindern?
Nun ja…

Ärzte hoffen, jährlich auf hundert Organspender im frühen Säuglingsalter zu kommen. Hebammen sollen über die Verwendungsfähigkeit kindlicher Organe für Transplantationen belehrt werden.

Es geht also darum, Kinder, die auch durch modernste medizinische Hilfe nicht lebensfähig gemacht werden können (z.B. wegen Anenzephalie), mit dem Ziel zur Welt zu bringen, ihre Organe für andere Menschen zu nutzen. Das bedeutet, daß das Kind nicht im Arm der Mutter stirbt, sondern noch lebend für die Transplantation vorbereitet wird und daß nach dem Hirntod der Körper künstlich am Leben gehalten wird, um die Organe entnehmen zu können. (Tatsächlich hat 2014 eine Frau dies entschieden; die Nieren ihres anenzephalen Sohnes retteten das Leben eines Erwachsenen.)

In Daily Mail äußern sich zwei Ärzte zu dem ethischen Problem, Babys zu Organspendern zu machen. In meiner Übersetzung:

PRO: Dr Joe Brierley, Facharzt, Great Ormond Street Hospital

Da täglich drei Menschen sterben, während sie auf eine Organtransplantation warten, begrüße ich alles, was die Zahl der Spender erhöht.
Es ist unbedingt notwendig, den Familien der in der Intensivpflege Sterbenden zur bestmöglichen Information zu verhelfen, damit sie diese Entscheidung treffen. Im Fall von Anenzephalie treten solche Diskussionen auf bei einer Frau, der gesagt wurde, ihre Schwangerschaft kann mit einer Totgeburt enden, oder, wenn das Kind lebend geboren wird, wird es als Neugeborenes sterben.
Auch wenn es ein Grundpfeiler guter Pflege ist, diese Information zu bieten, darf dies meiner Ansicht nach nicht benutzt werden, um eine Frau zu überzeugen, keinen Abbruch vorzunehmen.
Wenn aber die Entscheidung getroffen wird, die Schwangerschaft aus anderen Gründen fortzuführen, dann sollten alle palliativen Pflegemöglichkeiten – einschließlich Spende – diskutiert werden.
Oft machen Menschen sich mitten in der Tragödie eines Kindstodes nicht klar, daß eine Organspende geschehen kann. Aus Gründen ihrer Größe können kindliche Organe oft nur anderen Kindern helfen – aber manchmal können die Organe von Kleinstkindern auch einem Erwachsenen helfen. Nach meiner Erfahrung rettet die überwältigende Großzügigkeit von Menschen in so traurigen Situationen Leben und kann Familien, die einen schmerzlichen Verlust erleben, Trost spenden.
Natürlich ist Organspende nicht für jeden etwas, und die Aufgabe der Fachleute ist, Menschen zu unterstützen, wie immer sie auch entscheiden. Und auch wenn ein Kind geboren wird, kann es immer noch Gründe geben, die eine Spende unmöglich machen.
In den letzten zwei Jahren gab es elf Organspender im Alter unter 60 Tagen – der Mut ihrer Familien sollte uns alle inspirieren, Organspenden zu diskutieren und zu erwägen.

Für Dr Joe Brierley gibt es bei nicht überlebensfähigen Kindern zwei Möglichkeiten: 1. Abtreibung, 2. Austragen mit dem Ziel, die Organe zu verwenden. Der Gedanke, ein todkrankes Kind auszutragen und es dann bis zu seinem Tod im Arm zu halten, kommt ihm gar nicht erst.

CONTRA: Dr Trevor Stammers, Bioethiker, St Mary’s University

Es wäre ganz einfach abscheulich, sollten Transplantationsärzte Frauen, bei deren ungeborenen Kindern schwere Mißbildungen diagnostiziert wurden, auffordern, ihr Baby auszutragen, aus dem einzigen Grund, daß sein Körper nach Organen geplündert werden kann.
Mütter, die entscheiden, Babys mit so schweren Mißbildungen auszutragen – weil sie ihr Kind, so wie es ist, lieben wollen, so lange es lebt – wurden bis jetzt oft bedrängt, es doch einfach abzutreiben.
Sie wurden als dumm angesehen, wenn sie ihre Schwangerschaft fortführten. Es ist besorgniserregend, daß Mütter nun zum Austragen ermutigt werden mit der ausdrücklichen Absicht, die Organe des Kindes wegzunehmen. Was geschieht, wenn sie sich anders entscheiden, sobald sie ihren neugeborenen Sohn, ihre neugeborene Tochter sehen?
Es ist ein makabrer Vorschlag, der das öffentliche Vertrauen zur Transplantation – eine der größten medizinischen Errungenschaften in meiner Lebenszeit – untergräbt.
Das Konzept reduziert das Baby auf nichts als ein utilitaristisches Mittel zum Zweck – eine Sammlung von Ersatzteilen – statt das Leben um seiner selbst willen zu achten.
Ja, ich weiß, daß diese Organe möglicherweise das Leben anderer Menschen retten können, aber was kostet das unsere Menschlichkeit?
Die Integrität der Transplantationsmedizin wurde bereits durch den Gebrauch der Organe euthanasierter Erwachsener kompromittiert.
Die Körper von Kindern zu plündern, die ausschließlich um ihrer Organe willen geboren wurden, wird diesen Berufszweig weiter beflecken – und könnte sehr wohl zu einem weiteren Schwinden der Bereitschaft zur Organspende führen.

Auch aus der Sicht eines grundsätzlichen Befürworters von Organspenden ist es ein Unding, nicht lebensfähige Kinder nur als Ersatzteillager zu sehen. Persönlich bin ich gegen Organspenden. Ich habe das in einem längeren Artikel erklärt (hier). Meine Abneigung gegen Organspenden wächst durch Aussagen wie die von Dr. Joe Brierly. Seine Argumentation erinnert mich an Jonathan Swifts satirischen Aufsatz A Modest Proposal / Ein bescheidener Vorschlag.

Ich bin gegen Abtreibung auch bei schwer kranken und nicht lebensfähigen Kindern. Meine Gründe gegen Abtreibung sind aber niemals das Bereithalten von Ersatzteilen oder sonstige utilitaristische Erwägungen. Menschenleben ist deshalb schützenswert, weil es Menschenleben ist – nicht weil es möglicherweise anderen nützt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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